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21. Juli 2016 - von Claudia Posca

Picknick packen, Kunst gucken

Duisburg

Das war wunderbar: „Hofdinner“ im Museum, Kunstvermittlung anders gestrickt. Was wie im Märchen klingt, fand wirklich statt. Festtafel, Feiergesellschaft, Funzelkerze. Das Ganze international. Mit viel Großskulptur drum rum.

Man schrieb den 14. Juli, ein Donnerstag. Die Woche davor war mir E-Mail-aktuell das „Hofdinner“-Info in den Computer geflattert: Einladung vom Duisburger Wilhelm Lehmbruck Museum. An alle, die Lust haben „in stimmungsvoller Kulisse auf dem Skulpturenhof“ zu dinnieren. Gratis, open air, open for all.

Aber ja doch, gern sogar! Auch Sie wären drauf angesprungen. Weil die Vorstellung so schön ist: Köstlichkeiten kauen, Kunst gucken, kommunizieren. Zusammensitzen mit Menschen, die Kunstfreunde  von morgen sein können. Umgeben von Weltklasse-Kunst, angestrahlt vom Abendrot, wenn`s denn nicht regnet. Schauen wir mal.

Komisch nur, dass bis dato noch keiner drauf kam. Zumindest im Revier erscheint mir die famose Hofspeisung im musealen Rahmen ziemlich einmalig. Besonders ist es sowieso. Wobei - es geht noch besonderer.

Im Münchner Lenbachhaus etwa. Da gibt`s sogar das Angebot für „Erwachsene mit Baby“. „Kein strenger Ablauf und kein vorgegebener Plan diktieren den gemeinsamen Rundgang, sondern die Interessen und Bedürfnisse der Teilnehmenden - ob Stillpause oder Babygeschrei“ steht`s nachzulesen - mega-super-hyper-zielgruppenorientiert. Ja, die moderne Museumspädagogik hat Phantasie. Neue Formate sind gefragt.

Nicht allen gefällt das. Für den Kunstwissenschaftler und Buchautor Wolfgang Ullrich - u. a. hat er „Des Geistes Gegenwart: Eine Wissenschaftspoetik“ geschrieben, seine neuesten Publikationen heißen „Siegerkunst“ und „Der kreative Mensch: Streit um eine Idee (Ruhe bewahren“) - ist es ein gefundenes Fressen. 2015 schrieb er in der „Zeit“: „Stoppt die Banalisierung!“ Fragt, „wie weit man mit dem Anwerben von Zielgruppen gehen kann.“ Zum Schutze der Kunst und der eigentlichen Aufgaben des Museums zwischen Sammeln, Bewahren und Forschen, fordert der Mann.

Ganz anders dagegen sieht das der ehemalige Duisburger Jugendamtsleiter und jetzige Kulturdezernent Thomas Krützberg: „Das Museum der Gegenwart öffnet sich, baut Hürden ab, spricht neue Zielgruppen an und schafft neue Beteiligungsmöglichkeiten. Auf diese Weise entstehen neue Identitäten.“

Und jetzt? Zwischen den Stühlen sitzen, ist ganz schön aufreibend. Arme Museumspädagogik! Was soll sie nicht alles richten: Wissen vermitteln, Publikum ködern, Schwellenangst abbauen, Empfindsamkeit fördern, Konzentration etablieren, Selbstbewusstsein formen, Spaß machen, möglichst jeden dort abholen, wo er steht.

Kunstvermittlung als führende Institution engagierter Sozialpolitik?

Da bin ich ja froh, dass das Duisburger Museum an diesem Abend nicht zum Babywickeln vor Lehmbrucks „Kniender“ eingeladen hat. Obwohl - damals als Jung-Mama, hätt` ich`s prima gefunden.

„Erleben Sie den perfekten Sommerabend und schmücken und decken Sie die von uns zur Verfügung gestellten Tische und Stühle individuell nach Ihren Wünschen. Sie bringen köstliche Leckereien, gemütliche Kissen und Decken, Geschirr und Kerzen selbst mit“, malte die Einladung ein einladendes Bild. Hof-Dinner-Premiere. Schon mal mit Fladenbrot in der Hand eine Berto-Lardera-Skulptur geguckt?

Kunst-Event? Deko-Kunst? Fein-Kost? Wie kommt ein gestandenes Museum, Zentrum für internationale Skulptur, angetreten um Drei- und Vieldimensionales in Kunst und Geschichte erforschend zu bewahren, auf sowas?

Oliven, Wein, Panettone - um 18 Uhr ist mein Picknickkorb gepackt. Servietten, Kerzen, Tischtuch. In Grün? In Pink? Oder vielleicht besser doch in Gelb? Am Ende war`s bunt in Kopf und Korb. So kurios hab` ich mich noch nie ins Museum begeben. Überhaupt: Hatte das Hofdinner nicht längst schon  begonnen? Mit fliegenden Gedanken und Ausflügen ins Imaginäre Museum? Privat und zu Haus?

Was Kunstvermittlung heute, was aktuelle Vermittlungsstrategien, ja was überhaupt eine zeitgemäße Kunstpädagogik leistet, stellen museale Anders- und Alternativangebote in den Fokus.

An diesem Abend hab` ich sie mir noch feinst gespickt mit der Erkenntnis aus eigener Vermittlungsarbeit: Fakten-Input vom Sender zum Empfänger? Macht längst noch nicht Aha noch Applaus. Und: Was dem einen Besucher beim Ausstellungsflanieren gefällt, schmeckt dem anderen nicht. Kunst-Frontal-Unterricht zum Beispiel. Zu sehen, was man gesagt bekommt? Gähn! Wie langweilig!

Mit der Folge: Was nicht köstlich ist, lässt man stehen: Kein Hunger nach Bildern!

Weshalb Erlebnispädagogik Appetit zaubert. Mäßig Infos würzen, heißt die Devise. Lieber Kunst entdecken, Experimente wagen, Bildliches im ursprünglichen Sinne wahr nehmen, Fragen entwickeln,  helfen beim Aushalten von Irritationen. Zum Beispiel, wenn Künstler mal Tacheles reden. O-Ton Richard Serra zu seiner begehbaren Stahl-Großplastik „Terminal“, Nähe Bochumer Bahnhof: „Wenn Leute rein scheißen wollen, dann offenbart das etwas über die Leute.“ Alles klar? Die Wahrheit ist konfrontativ, nicht leicht verdaulich. Macht aber Spaß!

So, wie die tausenderlei Bedürfnisse, die konträren Erwartungen des Museumspublikums. Die nämlich sind eine echte Herausforderung fürs Vermittlungskonzept. Keine leichte Kost.

„Hofdinner“ tut da gut. Schafft einen Rahmen, sich buchstäblich genüsslich an Kunst und ihre Provokationen heranzutasten: Gesellig verkosten in internationaler Runde. „Heute hier, morgen dort“, singt Christian den alten Hannes Wader-Song. So lebendig war`s selten auf dem stillen Museumshof. Schön, wenn Tabouleh und Apfelschmarrn Menschen zum Museumspilgern locken

Weshalb das Duisburger „Hofdinner“ Lecker-Schmecker-Kunstvermittlung ist. Ein spannendes kleines Risiko.

Gucken, ob Kunst mundet. Und wie sie dem Einzelnen in Gesellschaft schmeckt. Und ob Syrer, Inder, Asiaten, Iraner und Deutsche beim Naschen der duftenden Köstlichkeiten Kunst-Hunger entwickeln. Und ob sich der Bogen vom Kulinarischen zur Kunst und Ästhetik zurückbiegt. Direkt-unmittelbar? Oder subtil-unterschwellig? Und ob sich das schöne Gefühl, ein gemeinsames Erlebnis zu teilen zwischen und anlässlich von Kunst, weiter transportiert: runter vom Skulpturenhof hinein ins Herz einer Gesellschaft, die sich mächtig neu mischt.

Gibt's Spannenderes? Man sieht sich! Bei Künstens im Museum beim nächsten Hofbankett.

Picknick packen, Kunst gucken