gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

27. Juni 2019 - von Claudia Posca

Pfoten für die Kunst

Bochum

Keine Frage: Kunst packt an. Umso spannender, wenn sie`s biestig, abgründig, sperrig, schön, phantastisch, poetisch, unvordenklich, - kurzum, wenn sie`s weder alltäglich noch illustrativ tut. Höchstvermutlich deshalb konnten die Museen in Deutschland für das Jahr 2017 insgesamt knapp 12 Millionen Besuche vermelden, - ein Anstieg um knapp 2,5 Millionen im Vergleich zum Jahr davor.

Oder anders gesagt, satte 2,2 Prozent mehr. „Deutsche Museen und Ausstellungshäuser in 2017 weiterhin gut besucht“, titelt es die Dezember 2018-Pressemeldung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. (www.preussischer-kulturbesitz.de/pressemitteilung/article/201812.14).

Und wenn Sie mich jetzt fragen, welche Ausstellungen denn bei mir besonders besonders ankommen, dann sind`s die, die Schnittstellen markieren, vernetzend wirken. Beispiel Bochum. Da hat das Kunstmuseum ganz aktuell in Kooperation mit Studierenden der Bochumer Evangelischen Hochschule RWL, Studiengang Soziale Arbeit, Modul Künstlerische Bildung/Medienkompetenz, unter der Leitung von Prof. Dr. Helene Skladny und dem Inhaber einer „kleinen, gutgehenden Sinnsucherei“ –, was der Bochumer Konzept- und Performance-Künstler Matthias Schamp ist, in persona „Zeichengeber seit 1964, beschäftigt mit dem Verrücken von Dingen“ –, ein aktuelles Cross-Border-Projekt gestemmt: „Das Haustierprojekt – eine Ausstellung zum Verhältnis Mensch/Tier“.

Klar, dass ich Gucken war. Nur meinen beiden Sennerinnen (Langhaar, tricolor, aus der Voralpenregion Nähe Bern abstammend) habe ich nichts davon erzählt. Die müssen eh schon genug ran, wenn „Guck mal Kunst mit Hund“ als Führung zur Kunst im öffentlichen Raum ansteht. Also Leinen los für Zweibeiner: Auf zum Vierbeiner  auf musealem Parkett. Das Kunstmuseum Bochum ist bekannt fürs Querstricken.

Da können ein paar Gedanken zum Kontext-Hopping nicht schaden. Mensch-Tier-Kunst, Tier-Mensch-Kunst. Auf des Pudels Kern ist bei all der Forscherei zum Thema bis dato kaum einer gestoßen. Dem weißen Hasen folgen, heißt noch immer tierisch viele Fragen stellen. Allein darüber herrscht Einigkeit: Es ist schon komisch mit uns und dem Haustier. Oder stimmt`s nicht, dass uns Vierbeiner süß und lecker sind? Und während der Hund in der Kunst ein Symbol für Treue, im wahren Leben des Menschen bester Freund ist, müssen wir uns fragen lassen, warum wir Hunde lieben, Schweine essen, Kühe anziehen, Löwen ausstopfen und aus Bären Bettvorleger machen.

„Stimmt. Damit weckst Du schlafende Hunde. Aber sowas bildverpackt im Museum gucken gehen? Nee, Danke! Die nächste Tierschutz-Demo kommt bestimmt. Und außerdem bin ich jetzt dann mal weg. Balou muss raus.“

Was ich, zugegebenermaßen verstehen kann. Einer meiner Lieblingssätze: „Mit einem Hund an einem herrlichen Nachmittag an einem Hang zu sitzen, kommt dem Garten Eden gleich, wo Nichtstun nicht Langeweile war, sondern Frieden“. Soll der tschechisch-französische Schriftsteller Milan Kundera gesagt haben. Der Satz hat ästhetischen Wumms. Was aber eine andere Geschichte ist.

Pfoten-Schuhe aus der Ausstellung "Das Haustierprojekt" Da aber das Leben kein Ponyhof ist, und ich die Schöpfung mit allem, was da kreucht und fleucht schützenswert finde, treiben mich Zwei-, Vier- und Vielbeiner, Vogel und Fisch zur Aktivität an. Im Alltag wie in der Kunst. Übrigens bin ich da nicht allein. Zumindest nicht außerhalb des Museums. Laut www.presseportal.de leben 34,3 Millionen Tiere in deutschen Haushalten, darunter rund 9,2 Millionen Hunde. Nach 13,7 Millionen Stubentigern sind sie der zweitbeliebteste Vierbeiner, den wir uns halten. Ganze 4 Milliarden Euro jährlich lassen wir uns Hund, Katze, Maus und Ziervögel kosten. Tendenz steigend. In fast jedem 2. Haushalt lebt ein Tier. Schon früh beginnen wir mit dem Totknuddeln von Teddy & Co. Zum Fressen gern haben wir Tiere sowieso. Mich nicht ausgenommen. Ein Steak in Ehren… Sie wissen schon. Ein echt krudes Verhältnis.

Was Wunder, dass das Pfoten-Date im Museumsbau rund um Seelentröster, Tier-Tattoo und Fell-Muff Fragen stellt: „Welche Formen nimmt das Mensch-Tier-Verhältnis in hochartifiziellen urbanen Räumen an? (…) Und inwiefern verändert sich unser Bild vom Tier, wenn an die Stelle einer unmittelbaren Begegnung immer häufiger mediale Substitute treten?“ Zwei gelbe Pfoten-Schuhe passen dem, der sich kurz mal tierisch fühlen will: „Pfötchen für alle“. Wie hat`s der US-amerikanische Schriftsteller John Steinbeck (1902-1968) gesagt? „Ich bin überzeugt, dass Hunde im Grunde denken, Menschen seien verrückt.“ Ich finde das nicht abwegig. Schließlich schließe ich keinesfalls aus, dass Hunde auch nur Menschen sind. Und wenn Sie jetzt denken, ich vermenschliche das Tier, hat es doch andererseits schlicht mit Empathie zu tun. Für Schöpfung. Für Kreatur. Und außerdem: Viel Tierisches steckt im Menschen. Kunstwerk aus der Ausstellung "Das Haustierprojekt"

Dem auf die Schliche zu kommen, haben die Studierenden der Evangelischen Hochschule Skulpturen, Installationen, Filme, Fotoserien, Tiermasken, Social-Media-Projekte gestemmt. Auf Facebook etwa konnte sich wer wollte mit Waldi, Fury, Meister Lampe posten. High five fürs Pfotentier sozusagen. Jetzt findet sich auf der Videowand im Museum die Bandbreite der Liebeserklärungen dokumentiert, während gegenüber Ausgestopftes aus der präparationstechnischen Abteilung des Bochumer Walter-Gropius-Berufskollegs schaurig-schöne Nähe zum scheuen Wesen zulässt und ein Friedhof der Kuscheltiere in Gestalt einer Kugelplastik die Besucher begrüßt. Anrührend, traurig, verstörend und dazwischen echt süß blättert sich das Panorama zwischen Kitsch und Kunst auf. Aber von wegen, was Hildegard von Bingen (1098-1179) glaubte: „Gib dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund.“ Schön wär`s.

Kunstwerk aus der Ausstellung "Das Haustierprojekt" Perspektivwechsel. Das Bochumer „Haustierprojekt“ lebt von Guerilla-Strategien, - Witz, Ironie, Humor inklusiv. Sich nicht festlegen lassen, ist eine bevorzugte Art von Künstler-Kurator Matthias Schamp ästhetisch-visuelles Forschen voranzutreiben. Bedeutet: Der Sinn-Artist dreht um, des-orientiert. Uns, die Welt, das Gucken. Aus dem thematischen Haustier-Studien-Projekt Studierender macht er Konzept-Kunst waschecht: Die Kampagne „Fiffy go wild“ ist dafür initiativ. Der Querdenker, seit 2013 lehrt er an der Evangelischen Hochschule Bochum, wird geschätzt für Hirn-Dehnungen aller Art. Warum nicht mal deutsche Haus- und Schoßhunde in Rumänien, in Zentralafrika auswildern, den Vierbeiner fragen, was er sich wünscht? Für ein echtes Hundeleben. Ohne Leinenzwang und Maulkorb. Für freien Sex. „Es gibt viele Wege, wie Sie unsere Arbeit unterstützen können. Wer will, kann auch seinen Hund abgeben. Wir garantieren ihm vielleicht kein längeres, aber dafür ein umso wilderes und erfüllteres Dasein“ werben Mitnahme-Zettel für Fiffys Freiheit. Ansteck-Button besiegeln das Corporate Identity der künstlerischen Tierschutz-Mission.

Da sage ich nur: Pfoten hoch für die Kunst. Meinen Doggies aber sag ich nix.

Pfoten für die Kunst