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14. Januar 2016 - von Claudia Posca

Off-Orte im Revier

Ruhrgebiet

Wie bitte, was? Off-Orte? Ich stelle mir vor: Unendliche Weiten, gleißendes Licht, tiefschwarze Nacht, ein Vakuum, eine Leere, ein Loch, eine Höhle. Vielleicht so etwas, wie das kabbalistische Zimzum (hebr. Zusammenziehung, Rückzug, Konzentration, Kontraktion), das als mythischer Hohlraum, als multidimensionale Omnipotenz, die sich mal ausdehnt, mal zusammenzieht, die Existenz des Weltalls überhaupt erst möglich macht. Nahezu unvorstellbar ist das: ein Irgendwo oder Irgendwas im Nirgend-Überall, ungreifbar, unfassbar. Ein Alles-All ohne Limit, unsichtbar. Ein Nichts: Off statt On. Was wiederum ein Potential ist. Aus dem Off kriecht die Welt.

Die freie Bühnenkunst nutzt das - fürs wiederständige Theaterexperiment. Am Rande des etablierten Kulturbetriebs. Off-Theater spielen jenseits vom Mainstream.

Und in der Bildenden Kunst? Da liegt das Off vor der Tür. In Dortmund, Essen, Bochum. Und anderswo mehr im Revier. Zum Off hatte das Kunsthaus Essen eingeladen: ein Podiums-Publikumsgespräch mit drei Initiativen. Und mit drei mal Sand im Getriebe etablierter Ausstellungspolitik.

Sprechen Sie Kunst? Im Ausstellungsslang werden alternative Kunsträume „Artist-Run-Spaces“ genannt. Oder eben Off-Orte. Was nichts anderes bedeutet, als dass es um Projekträume geht, die meist nicht kommerziell - „ohne die Mächtigen der Kunstszene“ - Freiheit, Gespräch und das Netzwerken suchen:  im Hinterhof, auf dem Dachspeicher, in Keller und Garage, in leerstehenden Immobilien, auf Aborten, in Parkhäusern, in Kirchen, Kneipen, auf Industriebrachen. Auf jeden Fall vorzugsweise abseits vom Establisment. Mancher Off-Ort allerdings zieht auch umher, gezwungen von steigenden Kosten, ein Nomadenbetrieb auf der Suche nach temporären neuen „Spaces“. Allen gemeinsam ist das Feldforschen mit und zu jüngster Gegenwartskunst: „Off-Spaces sind flexibel, können unmittelbar auf Neues reagieren.“ Bisweilen funktionieren sie auch als Produzentengalerie.

Falls nicht gerade Winterpause ist. Der Bochumer Off-Ort „adhoc“ ist gerade geschlossen, selbst im molligsten Wollpullover ist es lausig kalt. Wohltemperierter Luxus fühlt sich anders an. Erst wieder am 29. April dieses Jahres eröffnet die Ausstellungssaison. Bis dahin ist es einfach zu uselig in der Schmidtstraße 35, unweit des Bermuda-Dreiecks. Gerade mal 5 x 5 Meter zählt die dortige Doppelgarage. Seit drei Jahren bietet „adhoc“ hier Ausstellungsfreiraum: für junge Kunst mit ortsspezifischem Auftritt.

Ähnliches gibt es auch in Dortmund, wo die Ateliergemeinschaft „Salon Atelier“ in einem ehemaligen Friseursalon im Dortmunder Westend-Union-Viertel, Adlerstraße 66, seit 2009 beheimatet ist und sich „als eine flexible Station künstlerisch-kreativer Prozesse“, auch als „Ausstellungs-, Erfahrungs-, und Kommunikationraum“ versteht. Reflektiert werde der „regionale Wandel“, angestrebt wird „dessen Unterstützung“.

Oder in Essen in der Spichernstr. 7. Seit Sommer 2014 residiert hier im Hinterhof eines Wohnhauses, auf einem kleinen Hügel im Stadtteil Huttrop, die Künstlergemeinschaft „New Bretagne“ im „Belle Air“. Der leicht erhöhte Standpunkt des Ortes gab den Projektnamen. Ein 20-Quadratmeter-Raum und einer von 35 Quadratmetern sind im Angebot für Ausstellungen von Kunstschaffenden für Kunstschaffende.

Fast immer steckt hinter den Off-Projekten der Wunsch, sich nicht „dem Galeristen, dem Kurator ausliefern wollen. Lieber selbst zupacken und handfest einfach machen.“ Und so ist die Subkultur-Lobby-Arbeit im eigenen Interesse eine „Bürgerbewegung praktisch gestrickt“.

Selbstkritisch sei man dabei auch. Also kein Smalltalk? Ich erfahre, dass es an Off-Orten darum geht, „inspirierte Willkür“,  „Struktur-Denke“ und  „das Wo, Warum, Wieso, Wozu zeitgenössischer Kunst zu kommunizieren.“

Was ein gutes Trainingslager für angehende Künstler, Galeristen, Kuratoren ist. Wobei Off-Ausstellungen nicht selten selbst  zu eigenständigen Kunst-Acts geraten - des „sozialen Diskurses wegen“. Künstlertum heute bedeutet schon längst nicht mehr nur im stillen Kämmerchen zu arbeiten. Ich finde das hoch interessant. Weil Kunstschaffende anscheinend nicht mehr nur als Einzelkämpfer auftreten, sondern Teamgeist, Gemeinschaft und Dialog pflegen. „Solange man sich versteht“, versteht sich.

Bierernst geht`s an Off-Orten nicht unbedingt zu. Off-Vernissagen und der Weg bis dahin sind eher ungezwungene Meetings, „anders als in herkömmlichen Ausstellungsinstituten à la MuseumGalerieKunstverein.“ Der Nachbar wohnt um die Ecke: „Mama, da kommt wieder ein Künstler!“ Viele kennen sich, trotzdem ist die Community offen, langweilig wird`s nie. Die symbolische Hemmschwelle fürs Publikum ist niedrig. Off-Orte sind auch, vielleicht sogar eher „Soziale Räume“.

Aber welcher Künstler, Kurator, Galerist, vor allem, wenn er/sie in den Startlöchern steht, will und muss nicht irgendwann von seiner Kunst existieren? „Klar gibt‘s einen Haufen finanzieller Probleme. Manchmal würd` es schon helfen, wenn jemand die Internetpräsenz professionell und kostenlos gestalten hilft. Und ja klar: Projektgelder sind immer willkommen.“ Off-Orte können Karriere-Sprungbretter sein. Davon leben allerdings lässt es sich nur schwer. Möglich aber auch, dass das eine Generationenfrage ist. Die Künstler und Künstlerinnen mit denen ich gesprochen habe, sind oft nicht älter als 35, höchstens 40 Jahre alt. Meist aber jünger.

Off-Orte dagegen haben eine alte, besser gesagt, eine lange Tradition. Schon Künstler des Früh-Barock im 17. Jahrhundert, wie etwa Caravaggio, verkauften ihre Gemälde eigenmächtig aus dem Atelier heraus. Im 19. Jahrhundert boxten engagierte Künstler in Paris aus Protest gegen den mächtigen „Pariser Salon“, der nur Mitgliedern der Königlichen Akademie vorbehalten war,  ihren selbstbestimmten „Salon des Refusés“ (Salon der Zurückgewiesenen) durch. Als  kunsthistorischer Meilenstein, ja als Geburtsstunde der Moderne gilt die 1863 von Napoléon III. zugelassene Refusés-Ausstellung, auf der auch Eduard Manet sein berühmtes „Frühstück im Grünen“ zeigte. Viele andere Gegenausstellungen als allererste Off-Orte entstanden in dieser Zeit. Darunter Gustave Courbets „Pavillon du Réalisme“, wo Künstler ab 1855, auch ohne im Auftrag gemalt zu haben, ausstellen und verkaufen konnten.

Seither gilt damals wie heute: Denkt den Kunstbetrieb anders, macht ihn anders. Off-Orte sind Potentiale nah dran vor Ort für Mensch, Kunst und Leben.

Off-Orte im Revier