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4. Oktober 2017 - von Claudia Posca

Nur Stahl?

Was für ein Foto, das mich neulich aus Dänemark erreichte: Skagerak küsst Kattegat, Nordsee meets Ostsee. Oder umgekehrt? Schön, sehr schön jedenfalls war die Impression. Dabei, auch das Revier schreibt Romanzen. Zwar ohne Meer. Aber mit Fluss. Genauer mit Rhein und Ruhr.

„Moment mal, meinst du den Hotspot in Duisburg?“

Richtig - exakt jene Stelle, wo senkrecht vor Industrie- und Stadtkulisse, hoch aufragend, die „Rheinorange“-Skulptur am Kilometer 780 steht, wo Rhein und Ruhr aufeinandertreffen, still und heimlich, kein großer Wellenschlag, kein theatralisches Geschäume. Sowas liegt dem Revier nicht.

„Da sagst Du was. Tatsächlich aber hätte der monumentale Farbkörper ja das Zeug mächtig pompös aufzutreten. Immerhin ist „Rheinorange“ 25 Meter hoch, 5 Meter breit, 1 Meter tief und 93 Tonnen Stahl schwer. Und - soweit ich weiß, bezieht es sich in Form und Stoff auf eine Bramme, wie sie als Block aus gegossenem Stahl in der industriellen Fertigung als Vormaterial u.a. für Bleche dient.“

Ja, genau. Was großartig, nicht großspurig ist. „Rheinorange“ wirkt magisch statt mächtig. Rheinorange von Lutz Fritsch

Kaum einer, den ich kenne, der nicht fasziniert wäre, wie eine so nüchtern elementare Form mit Raum, Licht, Perspektive und Zeit zaubert. Bei untergehender Sonne besonders, wenn die orangefarbene Riesenskulptur glühend entflammt. Oder aus der Ferne farbleuchtend jene grüßt, die über die Homberger Rheinbrücke fahren. Seit einem Jahr lichtleuchtet „Rheinorange“ auch nächtens. Künstliche Spots sind am Werk. Der restaurierte Anstrich steuert ein Übriges bei. Was Wunder, dass diese Kunst ins Auge springt.

Tatsächlich hat „Rheinorange“ das berühmte Etwas, ist keine Diva, aber Grande Dame der allerfeinsten Art. Gekonnt managt sie ein elegantes Netzwerken zwischen Tradition und Symbol, zwischen Historie, Moderne und Mehrfachbedeutung. Ihr Name weist auf Verwirbelung: der Flussname Rhein und die Farbe RAL 2004, genannt Reinorange, standen Pate.

Am 26. September 1992, an einem „wunderschönen Samstag vor einem strahlend blauen Spätsommerhimmel“, wurde die magische Stele auf grüner Landzunge eingeweiht. Die Stelle am Zusammenfluss von Rhein und Ruhr ist exponiert, liegt gegenüber von Ruhrort, dem Ursprung des heutigen größten Binnenhafen Europas.

Die Ausstellung 25 Jahre Rheinorange im Lehmbruck Museum in Duisburg Ein Vierteljahrhundert ist die Tat jetzt her. 2017 feiert man „25 Jahre Rheinorange“. Und damit eine der bedeutendsten Landmarken Deutschlands. Die „bildhauerische Arbeit gleicht einer groß angelegten Forschungsarbeit zum Thema Raumwahrnehmung und Raumerfahrung“ ist der Bonner Kunsthistoriker Peter Lodermeyer überzeugt.

Klar, dass ich so eine Kracher-Kunst gern mit habe hochleben lassen: am 16. September im Duisburger Lehmbruck Museum. Noch bis Ende Oktober erzählt die dazu organisierte Schau mit Zeichnungen, Modellen, Fotos und einem Film die Geschichte der impressionanten Skulptur. Wer da noch Zweifel hat, wie wichtig, richtig, bedeutsam Public Art ist.

„Rheinorange“ hat Wucht.“ „Rheinorange“ ist eine Pioniertat.“„Rheinorange“ stiftet Identität.“ „Rheinorange“ ist ein Imagefaktor“ hörte ich beim Jubiläumsfeiern nicht nur einmal.

Stimmt. Punktum. Zweifellos. Und für manchen ist „Rheinorange“ noch mehr.

Aus der Feder von Karla Klenner stammt das Zitat: „Das Ruhrgebiet hat sich in den letzten Jahrzehnten von der Infrastruktur her verändert. Es ist nicht mehr der Kohlenpott, wie es früher einmal war. Zechen sind geschlossen worden, und die Stahlherstellung wurde zurückgefahren. Für mich steht Rheinorange als Wahrzeichen Duisburgs für die Erinnerung an eine Zeit, in der ich als Kind groß geworden bin. Wo man malochen ging und Dubbels mit zur Arbeit genommen hat. Für mich ist Rheinorange daher mehr als Landmarke und Kunstwerk.“

Das spricht für sich. „Rheinorange“ ist prägend. Eine regionale Hundezucht gar nennt sich nach ihr: „Hovawarte vom Rheinorange“. Auch so eine Wirkungsgeschichte der Region. Skizze von Lutz Fritsch Rheinorange an Ruhr und Rhein

Der das minimalistische Meisterwerk konzipierte, heißt Lutz Fritsch, wurde 1955 in Köln geboren, ist Bildhauer, Zeichner, Fotograf und Polarreisender. Bekannt ist der Mann für sensationell ortsspezifische Projekte. Seine „Bibliothek in Eis“, 2005 in der Antarktis, Neumayer-Station, installiert, etwa zählt dazu. Oder eben „Rheinorange“.

Dass Hundewelpen den Namen seiner Skulptur verbreiten? „Gefällt mir gut“ hat Lutz Fritsch geschrieben. Frau Marina Schoofs hatte angefragt, ob der Künstler mit der Namensausleihe einverstanden sei. Nur, dass Sie nicht denken, die Geschichte sei Fake-News.

Die Großskulptur selbst geht auf die Frage zurück, wie das einmalige Rendezvous von Rhein- und Ruhrfluss symbolträchtig und ästhetisch, punktgenau und ortsspezifisch zu markieren wäre? Mit einem Mäuerchen und Infoschild drauf, ähnlich jener berühmten Location am Cape Agulhas in Südafrika, wo sich Indischer und Atlantischer Ozean vermählen? Das schien lapidar. Und überhaupt: Wenig Ambitioniertes wollte man schon mal gar nicht kopieren.

Das Revier der späten 1980er Jahre hatte andere Ideen. Eine maßgeschneiderte Marke fürs Revier sollte es sein, bildmächtig umgesetzt, auch als Symbol für Strukturwandel und wirtschaftliche Dynamik.

Was aber könnte passen am außergewöhnlichen Ort? Ein Verkehrszeichen? Ein Geleucht? Etwas Figürliches?

„Von der Möglichkeit des Unmöglichen - Rheinorange“ heißt das soeben im Wienand-Verlag erschienene, wunderbare Katalogbuch dazu. Auf 128 Seiten erzählt, illustriert, malt, zeichnet, recherchiert es die Geburt und Entwicklung eines der eindrücklichsten Denkmale des Reviers.

Inzwischen gilt die auratische Bramme als Inkunabel einer künstlerischen Revitalisierung der Region jenseits kosmetischer Landschaftschirurgie.

Skizze und Hintergrundauslagen zur Landmarke Rheinorange in Duisburg im Lehmbruck Museum in Duisburg „Ja, eine echte Ikone, dieses „Rheinorange“! Weil es die Landmarkenkunst im Ruhrgebiet begründet hat. Selbst Richard Serra soll vor Ort Inspiration getankt haben. Seine „Bramme fürs Ruhrgebiet“ auf der Essener Schurenbachhalde entstand 1998, da war „Rheinorange“ längst schon an Rhein und Ruhr angekommen.“

Allerdings wohl wäre der markante Punkt in Duisburg-Kaßlerfeld wenig auffällig geworden, hätte es nicht einst eine Museumsführung im Lehmbruck-Haus gegeben. Großartiges half sie anschubsen: „Rheinorange“ als kühne Hommage an den Stahlstandort zwischen Aufbruch und Wandel.

„Na, und die Story dahinter?“

Beginnt nach dem musealen Rundgang. Da hatte der damalige Museumschef Christoph Brockhaus die engagierten Duisburger Wirtschaftsjunioren „an die mäzenatische Tätigkeit der Wirtschaft für Kunst und Kultur in den schwierigen Nachkriegsjahrzehnten in Duisburg“ erinnert und hinzugefügt, „dass es jetzt wünschenswert sei, wenn sich die junge Wirtschaftsgeneration in ähnlichem Geist engagieren würde.“

Gehört, bedacht, getan. Und überzeugt davon, dass Kunst zum Wohle der Gesellschaft funktioniert, stemmten die Wirtschaftsjunioren Duisburgs in vorbildlicher Weise, unterstützt von der Stadt, dem Museum und weiteren Kooperationspartnern aus dem niederrheinischen Wirtschaftsraum, die notwendigen Geld- und Sachspenden. Teamleistung meisterlich. Ein Fleckchen Heimat wurde draus.

Rheinorange? Ruhrorange? Nur Stahl? Ich würde sagen: Kunst legendär.

Nur Stahl?