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30. Juli 2015 - von Claudia Posca

Nicht anfassen! Vorsicht, Kunst!

Recklinghausen

Eigentlich liebe ich Wiedersehen. Aber in diesem Fall ist das Rendezvous getrübt. Was nur hat Henry Moores „Große Liegende“ auf dem grünen Hügel vor dem Recklinghäuser Festspielhaus ausgefressen, dass man ihr Schranken verpasst hat? Buchstäbliche und rundum laufend, aus Edelstahlrohr, kniehoch: Vorsicht, Kunst!

Ich finde das beschämend: Weltkunst mit Zäunchen, eine Beleidigung fürs Auge. Und für den Künstler, der einst persönlich, am 24. März 1965, bei der Aufstellung seiner Plastik vor Ort war. Damals gab es keinen Zaun.

Ich komme ins Grübeln: Warum will man mich vor der Kunst schützen? Noch dazu unter freiem Himmel, im öffentlichen Raum -  mich separieren, auf Distanz halten? Vielleicht ist Madame „No 5“ mit ihren 1080 Kilogramm Gewicht und den neun miteinander verschweißten Detailgüssen unberechenbar geworden? Ist sie aus den Fugen geraten? Konnte sie das Gleichgewicht nicht mehr halten? Hat sich die abstrakte Frau an der Oberfläche, in der Tiefe verändert? Als Folge des Alters? Mögliches reaktives Verhalten kommt da ja nicht selten vor.

Will man mich retten? Vor marodierender Kunst?

Ich stehe vor dem geschichtsträchtigen Werk. Es ist der zweite Guss der einst auf der documenta III 1964 erstmals in Deutschland gezeigten Plastik.1965 stand die „Große Liegende“ noch mittiger vor dem Festspielhaus-Portal, allerdings auch damals schon von Henry Moore so bestimmt, aus der Mittelachse des Haupteingangs herausgerückt. Mit dem 1999 eröffneten, Architekturpreis-gekrönten Glasvorbau nach Plänen des Architekturbüros Auer & Weber ist die schöne Bronzene dann noch etwas mehr zur Seite gerückt, verknüpft aber nach wie vor wunderbar Architektur mit Park und umgekehrt. Die ganze Situation sieht stabilissimo aus.

Beruhigend meditativ liegt das schwere Mädchen da, überhaupt nicht instabil. Gemeingefährliche Reaktionen seitens ihrer landschaftlich fließenden Konturen sind kaum vorstellbar. Was sich ganz sicher auch nicht der englische Bildhauer Henry Moore (1898-1986) damals von seiner eigentlich „Two piece reclining figure“ heißenden Bronze hat vorstellen können, als er sie anlässlich der Eröffnung des neuen Festspielhauses auf den Sockel hob. Eine Sicherungsmaßnahme à la Edelstahl-Schranke hatte er jedenfalls nicht vorgesehen.

Aber: Besucher der „Großen Liegenden“ berichten davon, dass Kinder auf der abstrakten Muse herum geklettert seien, gar heruntergefallen sind. Man stelle sich die empörten Eltern vor: „So etwas gehört abgesichert.“ Wie’s scheint, ist Eigenverantwortung out.

Natürlich denken verantwortliche Städte darüber nach. Mit Wut-Eltern ist nicht gut Kirschen essen. Lieber vorbeugend sichern, als später versicherungstechnisch das Nachsehen haben. Deshalb also statt Kunst-Genuss Zaun-Kultur.

Wo aber wird das hinführen? Die Vorstellung von Städten voller Kunst im Käfig finde ich schrecklich.

Dabei ist klar, dass zur echten Publikums-Distanz-Sicherung anderes passieren müsste, als so ein Geländerchen. Denn ob mit oder ohne Distanzhalter, ob Groß oder Klein davor stehen, öffentliche Kunst reizt: Zum Anfassen, zum Streicheln, zum Drauf- und Drunter-Gucken. Was im Gegensatz zur Kunst im Museum ja zweifellos ihr großer Vorteil ist. Einmal im Leben einen Rodin, einen Moore anfassen. Das geht nur draußen. Im Museum gibt’s dafür Alarm. Zum Glück aber verlässt vor Ort kaum einer die Recklinghäuser Moore-Frau ohne Streicheleinheit - trotz Umzäunung. Nach wie vor. Und das ist gut so.

Allein: Es stört mich sehr, das Geländer. Gesicherte Kunst ist keine freie Kunst. Und nicht mehr Kunst für alle. Dabei ist es nicht die Schuld der Kunst, wenn man sich an ihr schrammt. Einfach aufpassen wär’ auch eine Option.

Wieder erzählen mir Besucher der „Großen Liegenden“ von städtischen Ängsten. Diesmal geht es um das Werk selbst. Übergriffige Finger, Kinderpopos, die Bronze blank poliert haben beim Draufrum- und Runterrutschen, Kletterbegeisterte Jugendliche. Fast mitleidend höre ich, wie die Kunst im öffentlichen Raum leidet, es Sorge bereitet, sie nachhaltig für zukünftige Generationen zu sichern.

Nur finde ich: Anders als beim Farbbeutel-Wurf oder destruktiver Gewalteinwirkung ist doch nicht jede Gebrauchsspur an öffentlicher Kunst ruinös! Im Gegenteil: „Bespielte“ Kunst ist geliebte Kunst ist Kunst mit der man sich beschäftigt. Was will man mehr?  

Zumal sich Public Art vom Grundsatz gewollt und ganz freiwillig ausliefert. Im besten Sinne. Sogar die Witterung darf anfassen. Ausdrücklich hat sich das Henry Moore für seine „Liegende“ gewünscht: „Sie braucht Tageslicht, Sonnenlicht. Mir erscheint die Natur als ihr bester Umraum und ihre beste Ergänzung“, hat der große Bildhauer gesagt.

Menschen dürfen da nicht anfassen dürfen? Sonne, Wind, Schnee, Hagel und saurer Regen aber schon?

Tatsächlich hab’ ich die „Große Liegende“ gestreichelt, hab’ bei ihr angeklopft. Ob die Bronze massiv ist oder ein Hohlguss, wollte ich wissen. Das muss erlaubt sein. Kunst unter freiem Himmel gehört jedem. Genau deshalb ist sie öffentlich, lädt zur Teilhabe mit allen Sinnen ein. Da verhält sich dreidimensionale Kunst anders als das Gemälde an der Wand. Reicht fürs Bild das Gucken aus, fordert die Skulptur auch Tastsinn. „Vorsicht Kunst“ geht bei „3-D“ an der Sache vorbei. Mich stört gewaltig die Einfriedung der Moore-Skulptur.

Dabei hatt e Frankfurts Kulturreferent Hilmar Hoffmann schon in den späten 1960er Jahren die bahnbrechende Parole „Kultur für alle“ in den Äther geschickt. Zur Demokratisierung von Kunst. Und um Schwellenängste abzubauen. Und um kulturelle Werte zu vermitteln. Heute gibt’s dafür ein Riesen-Angebot Museums-Pädagogik: Sinnlichkeitsschulung, Achtsamkeitstraining.

Vielleicht aber ging’s auch einfacher? Vielleicht bräuchten wir verstärkt einen freieren Umgang mit frei zugänglicher Kunst? Um Sinnlichkeit, um Vorsicht üben zu können?

Kunst gesichert vom Gartenzaun jedenfalls brauche ich nicht. Absurd die Vorstellung, dass zum Schutz des Publikums, zum Wohl der Kunst dann demnächst auch das nächste Kunstwerk von Weltrang in den Käfig gesteckt werden könnte: Richard Serras 12 Meter hohes, rund 12 Tonnen schweres „Terminal“ aus Cor-Ten-Stahl in Bochum etwa. Könnte sich ja beim Anpacken abnutzen. Oder gar instabil werden.

Noch ist es nicht so weit. Aber wer weiß, wo Schutz- und Sicherheitsbedürfnis hinführen. Wie man leben will mit der Kunst im öffentlichen Raum, bleibt eine brisante Frage. Hoffentlich nicht unter dem Motto: Nicht anfassen! Vorsicht Kunst!

Nicht anfassen! Vorsicht, Kunst!