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29. Oktober 2015 - von Claudia Posca

Neulich in Wetter

Wetter

„Bewegung in die Kunstszene entlang der Ruhrschiene bringen“ – der Kunstverein Ruhrtal weiß, was er will. Im 27.000-Einwohner-Städtchen Wetter an der Ruhr im südöstlichen Ruhrgebiet, Nähe Herdecke, Hagen, Witten, ist er seit 2010 aktiv, will „der Stadt Zeit geben, sich an Kunst zu gewöhnen.“

Ein Kunstverein im Outback? In meinem Wetter? Es ist ein Heimspiel, ich bin hier groß geworden in der Kleinstadt am schönen Harkortsee. Wie sieht der Vormarsch in Sachen Ästhetik aus, will ich wissen, wie bürgerschaftliches Engagement an einem Ort mit großer Nest- aber wenig Kunst-Wärme?

Kulturgeschichte schrieb Wetter im 19. Jahrhundert. Der Industriepionier Friedrich Harkort bescherte den Wetteranern in der Frühzeit der industriellen Revolution Arbeit und Brot durch seine 1819 auf dem Gelände der Burg Wetter errichteten „Mechanischen Werkstätten“. Alfred Rethel malte sie 1834 in Öl. Der Kunstgeschichte gilt sein Fabrikportrait als ein frühestes Industrie-Gemälde. Darüber hinaus ist das Henriette-Davidis-Museum in Wetter-Wengern zu Ehren der Begründerin moderner Kochkunst im Rezeptstil (1801-1876) eine kleine Berühmtheit.

Aber Wetter und Bildende Kunst? Sicher: Auch hier hat man über Public Art nachgedacht. Projekte standen an, wie einen Kreisverkehr künstlerisch zu gestalten, oder den Vorplatz des Städtischen Saalbaus bildnerisch aufzuwerten. Jetzt ist die Flüchtlingssituation vordringlich. „300, 400 Schutzsuchende hat auch Wetter aufgenommen. Das ist eine Herausforderung. Insbesondere, weil in vielen Bereichen schon vorher gestrichen wurde“, werde ich bei meinem Treffen mit den Kunstvereinsvorsitzenden informiert. Und darüber, dass sich Wetters Kunstinteressente gesellschaftspolitisch engagieren: „In diesem Jahr haben wir im Rahmen der Europawoche mit einem Kulturfest Signale gegen Fremdenfeindlichkeit und für eine gelebte Kultur des Miteinanders gesetzt.“ Andere Kunstvereine setzen puristisch auf Kunst.

Nicht so der Kunstverein Ruhrtal: Treppenhaus-Konzerte, Lesungen, November-Park-Leuchten, „Ruhr-Pur-Kultur“, Bilderausstellungen – da ist für jeden etwas dabei. Über Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden ist die Ottmar-Hoerl-Aktion „Unser Friedrich“, organisiert im August dieses Jahres vom Lions-Club Wetter mit 125 unifarbenen Statuen in Grau, Blau und Rot, jeweils einen Meter groß und acht Kilo schwer, eine Friedrich Harkort-Kunst-Armee auf Zeit.

Auf dem offiziellen Internet-Stadtportal allerdings ist weder davon noch von Kunst im Allgemeinen die Rede. „Freizeit“ heißt der zuständige Menüpunkt. Das Untermenü: „Kultur & Feste“. Ich klicke mich durch. Ob ich jetzt auf den Kunstverein Ruhrtal stoße? Fehlanzeige. Was ich nach Kartoffelfest, Dorffest und Osterfeuer auf dem Harkortberg finde, ist der Hinweis: „… sowie viele Kultur- und Kleinkunstveranstaltungen des Kulturzentrums Lichtburg.“ Schön, dass es die Lichtburg noch gibt. Früher war sie uns eine Kino-Hochburg.

Ich wende mich ans Stadtmarketing. Die freundliche Dame dort kennt den örtlichen Kunstverein. Und vermittelt die Kontaktdaten: Friedrich Langer und Wolfgang Wehmeier managen Wetteraner Kunstinteressen. Eine eigene Web-Seite gibt`s noch nicht. Man arbeitet daran. Den Kunstverein gibt es seit fünf Jahren. „Leider ohne dauerhafte Bleibe. Wir sind wie eine Karawane, die immer weiter zieht. Feste Räumlichkeiten? Das wär`s.“

Dabei kommt derzeit, trotz blinden Flecks auf dem Info-Stadt-Portal, keiner am Wetteraner Kunstverein vorbei, weil automatisch jeder vorbei muss. Seit Anfang September hat die gemeinnützige Kunstinitiative – „ein Mix aus Kreativen, Nicht-Künstlern und Kunstinteressierten“ – ihr (provisorisches) Domizil an Wetters Hauptverkehrsader, der Kaiserstraße 93, aufgeschlagen: in einem Ex-Kaufhaus mit Fensterfront, ideal um mal reinzuschauen. 

Die Macher aber wollen vor allem rausschauen: netzwerken über Wetter hinaus. „Art-EN-reich“ nennt sich der rund 30-köpfige Verein im Untertitel. Der ungewöhnliche Name ist ein Relikt aus jener Zeit, als der Kunstverein noch Künstlerinitiative war. „Wir sind bunt. Und überzeugt: Kunst ist nicht für eine elitäre Klasse, sondern ist für Jedermann“ sagt Friedrich Langer. Und fügt hinzu: „Wir können uns nicht mit etablierten Kunstvereinen vergleichen. Wir gehen Wege, die für einen 100 Jahre alten Kunstverein nicht verständlich sind.“

Heißt was? Friedrich Langer ist Altwetteraner, hat vor der Rente in seinem Betrieb Bilder-Ausstellungen neben Gabelstaplern organisiert, sein Mitstreiter Wolfgang Wehmeier kommt aus Köln. Der Liebe wegen ist er in Wetter gestrandet. „Der Reiz liegt darin, auch in einer Kleinstadt etwas zu bewegen. Man darf das nicht mit Köln vergleichen. Heute weiß ich, was da geht, geht hier nicht. Aber sich zu Hause zu verkriechen, ist keine Alternative.“

Wolfgang Wehmeier ist Künstler, hat bei Prof. Karl Marx an der Fachhochschule Köln Malerei studiert. „Ich werde oft gefragt, warum ich mit Hobby- und Nicht-Profi-Künstlern zusammen ausstelle? Meine Antwort: Ich habe keine Berührungsängste.“

Gerade läuft die Jahres-Gruppenausstellung, darunter viel Figürliches, Gegenständliches, Malerei, Skulptur. In der Satzung steht: Aufgabe des Vereins ist auch die Volksbildung auf diesem Gebiet.

Friedrich Langer merkt, dass Fragezeichen aus meinem Kopf steigen. „Ja, wir wollen regionale Kunst zeigen. Unabhängig davon, ob es studierte Künstler oder Hobby-Maler sind. Sonst kommt nur eine bestimmte Klientel. Das ist nicht unser Ziel.“

In meinem früheren Leben habe ich mal eine Zeitungsserie über Hobbykünstler-Gilden geschrieben. Ob der Ruhrtal-Kunstverein ein Programm hat?

Wolfgang Wehmeier lacht. „Klar könnten wir uns spezialisieren. Aber nicht in so einer kleinen Stadt.“ „Würden wir das tun, brächten wir keinen Fuß auf die Erde. Das muss man nüchtern sehen. Wir agieren vor dem Hintergrund: Wie belebe ich den Ort? Das hat viel mit Stadtmarketing zu tun. Die Kritik müssen wir annehmen. Wir gehen gemischte Wege. Unsere Eröffnungen sind familiär. Über sechzig Besucher waren auf der letzten Vernissage dabei. Auch junge Leute.“

Fürs Stadt-Kunst-Marketing sucht man den Schulterschluss mit der örtlichen Einkaufsgalerie, mit dem Einzelhandel, mit der Lichtburg, mit Sponsoren, arbeitet mit Schulen und Folkloregruppen zusammen, mit der türkischen Moschee-Gemeinde, mit den Kirchen. „Die Bürger mitnehmen, und die Kreativen, das ist wichtig. Und klar wissen wir, dass es qualitative Unterschiede zu anderen Kunstvereinen im Revier gibt. Aber Kunst in Wetter ist ein schwieriges Pflaster.“

Ob die Ruhrtaler, wäre es anders, andere Kunst ins Städtchen holen würden?

„Die Frage ist doch: Was wollen wir erreichen? Wollen wir eine schmale Sichtweise etablieren? Oder wollen wir, dass sich eine breite Bevölkerungsschicht mit Kunst auseinandersetzt? Natürlich gibt es Kunst, die gehört ins Museum. Aber man muss Toleranz auch für Peripheriebereiche haben“ sagen mir zwei Vollblut-Engagierte, die überzeugt sind, dass „Kunst eine wundervolle Sache ist, die Spaß machen und gefallen muss.“

Angst, ein Kunstverein dekorativer Künste zu sein?

„Darüber kann man diskutieren. Was aber ist Kunst denn letztlich? Sie ist Deko. Hängt im Wohnzimmer an der Wand. Oder in der Praxis. Oder in der Firma.“

So gesehen, bleiben keine Fragen und alle Freiheit offen.

Neulich in Wetter