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15. Januar 2015 - von Claudia Posca

Neue Traditionen

Ruhrgebiet

Landmarkenkunst? Haldenkunst? "Che cos`è", was ist das? Achselzucken, nicht nur bei Freunden im apulischen Italien, sondern auch in der gar nicht so fernen Schweiz.

Was das sein könnte? Kunstfertig gestaltete Verkehrsschilder, auffällig designte Gipfelkreuze? „Strano!“ - befremdlich! Allenfalls in der Nähe von Düsseldorf, von Köln wird solche Exotik vermutet. Aber tief im Westen? Rund um Essen, Recklinghausen, Dortmund? Dort, wo die vielen Spaghetti-Knoten für regelmäßiges Stau-Chaos sorgen?  

„Bochum, ich komm` aus Dir“ - schon mal gehört? „Certo“, sicher, Herbert Grönemeyer ist international. Hat aber doch mit einer ´Kunst auf Halde` nicht viel zu tun, „no?"

Doch, der Atmosphäre wegen! Was die Ballade besingt, damit geht Landmarken-Haldenkunst um: Maloche, Dreck, Bergbau, Stahl, Industrialisierung, Strukturwandel, „keine  Schönheit, vor Arbeit ganz grau.“ Aber eine „ehrliche Haut.“

Unvoreingenommen betrachtet, ist die Kunstroute der Industriekultur tatsächlich ein ungewöhnliches Projekt, unverwechselbar, nicht zwangsläufig. Mit Wahrzeichenfunktion - zwischen gestern, heute und morgen. Eine Art Wirkungsgeschichte zum Anfassen, darin Kunst Zeichen setzt. Und zurückgibt, was der Bergbau veränderte: Landschaft, Freizeit, Erholung, vielleicht sogar Ritual und Tradition.

Ob ich das meinen Freunden aus dem Süden vermitteln kann, „Perlen“ hervorzaubern von „wo Du herkommst“? Da staunt man oft selbst nicht schlecht, wie der vermeintliche Staub-Pott und das harte Schimanski-Duisburg zu leuchten beginnen. Weil sich ja seit der Jahrtausendwende und mit dem Finale der IBA Emscherpark tatsächlich Positives entwickelt hat. Unglaublich fast, dass der Eisvogel an der Ruhr nistet. Und dass die Beton-Kloaken-Emscher in weiten Teilen frisch und frei durchs Gelände mäandert. Und dass Industrie-Kathedralen, wie die Bochumer Jahrhunderthalle, zu exquisiten Spielstätten für Theater, Musik und Tanz mutiert sind, die Luft überwiegend gut ist und Förderturm-, Gasometer-, Zechenarchitekturen jetzt Museen beherbergen, gar Welt-Kultur-Erbe geworden sind. Mal ganz abgesehen von den vielen anderen Adressen in der Klein- und Groß-Kunstszene neben ´Public Art-Kunst im öffentlichen Raum` und ´Guck mal Kunst mit Hund`, die den brodelnden Ruhrpott aufs Feinste würzen. Mittendrin: köchelt Landmarkenkunst. Das spornt an, dem Revier die Ehre zu geben.

Zurück aus Bella Italia mache ich mich auf, den Kultur-Export auszudehnen. Beim nächsten Besuch am ionischen Meer muss die Berglandschaft an der Ruhr aufs Programm. Und das, obwohl das Revier doch eigentlich flach ist?

Fakt ist, im Ruhrgebiet steht zeitgenössische Kunst auf Bergen. Verwirrend allerdings, dass der Begriff ´Berge` Doppeltes bedeutet: Nicht nur ein herkömmlicher Berg steckt im Wort, sondern auch die Aufschüttung von Schlacke-Gestein, wie sie beim Abbau der Kohle unter Tage als Berge-Material anfiel. Gewissermaßen „das sichtbare Erbe des Bergbaus über Tage.“

Über 116 Halden und 19 Deponien sind per Mausklick unter ´www.halden.ruhr` auf einer Karte vermerkt, umfassend genug für Intensiv-Recherchen. Neben dem ebenso ergiebigen Google-Klick auf die ´Route der Industriekultur` mit inzwischen 34 Stationen. „Affascinante!“, faszinierend, so ein Über-, Aus- und Einblick ins Kunst- und Kulturgebiet Ruhr.

Allein, empirische Daten sind auch unterm Olivenbaum abrufbar. Und dass es der Weltstar-Stahl-Bildhauer Richard Serra war, der auf die Essener Schurenbachhalde seine 14,50 Meter hohe „Bramme für das Ruhrgebiet“ gesetzt hat, mit nahezu futuristisch-surrealem Effekt, das hatte ich am Stiefelabsatz schon erzählt. Genauso, wie ich von der imposant weithin sichtbaren „Himmelstreppe“ des Herman Prigann auf der Gelsenkirchener Halde Rheinelbe mit Panorama-Ausblick aufs Revier geschwärmt hatte.

Oder mir auch die begehbare „Tetraeder“-Plastik des Architekten Wolfgang Christ auf einer der größten Ruhrgebietshalden, der Bottroper Halde Beckstraße, gut und gerne als Ausflugsziel für meine „Germania“-Reisenden hatte vorstellen können.

 

 

 

 

„Rapprensentativo“ - repräsentativ, vorzeigbar also, nannte Giovanni charmant meinen Heimat-Report. Gemeint aber hatte er wohl, ob dieses europaweit einzigartige Projekt tatsächlich das Herz der Menschen vor Ort im Revier trifft.

Ein Sonntag im November dieses Jahres auf der Gelsenkirchener Himmelstreppe hundert Meter über NN. Sonne pur, blauer Himmel, die Temperatur niedrig. Es ist kurz vor Mittag. Im Rücken habe ich den von Herman Prigann aufgestapelten Turm aus 35 massiven Abbruchbrocken, ehemalige Fundamentstücke eines abgerissenen Zechengebäudes. Bis 1929 bestand die Zeche Rheinelbe. Solange auch wuchs ihre Abraumhalde, heute kegelförmiges Sockelfundament der Himmelstreppe. 1999 schließlich wurde sie ein letztes Mal aufgeschüttet. Ein geschichtsträchtiger Ort. Heinrich Kämpchen, der 1912 gestorbene Bergmann und Arbeiter-Dichter aus Bochum-Linden, hat viel über „das Bergmannselend“, über „Altendorf“ und „Was die Ruhr mir sang“ geschrieben. Ich gucke ins Rund: Weithin sichtbar ist eine grenzenlos verzahnte Viel-Stadt-Landschaft. Von hier oben mächtig klein anzusehen, ähnlich den Menschen-Ameisen, die an diesem Tag beständig die Himmelstreppe erklimmen. Den beiden Schweizern neben mir gefällt das, so irgendwo zwischen Himmel und Erde. Zum ersten Mal sind sie hier. Wollen eine typische Landmarke der Revier-Kultur auf den historischen Spuren der Bergbau-Kohle-Geschichte besuchen. „Erhaben“ finden sie den Blick. Und „archäologisch“ den Skulpturenpfad von Herman Prigann mit Relikten der ehemaligen Rheinelbe-Zeche am Fuße des Spiralberges.

Anderen auf dem Haldengipfel ist der grandiose Ausguck vertrauter und nicht mehr ganz so spektakulär. Sie sind in Familie hier: Kinder, Väter, Mütter, Hunde, ein Picknickkorb, Lachen, Stimmen, beste Laune. Lebendig fühlt sich das an. Und die Kunst steht mitten drin. Nichts daran wirkt künstlich. Oder touristisch. Oder belehrend. Eher ist man unterwegs auf einem Sonntagsausflug um die Ecke. Vielleicht trifft man wen Bekanntes? „Das ist oft so. Ist halt ein markanter Treffpunkt, die Himmelsleiter.“ Auf jeden Fall kommt man wieder. „Nur das Wetter muss mitspielen.“ Und Freundin Emma muss mit dürfen. Und am besten auch noch Marc und seine Eltern.

Wenn so mal nicht der Stoff aussieht, aus dem Traditionen sind! „Fantastico!“, geben auch meine italienischen Freunde zu.

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