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20. März 2018 - von Claudia Posca

Nachgefragt

Essen

Freie Kunst studieren in der Metropole Ruhr? Was weder Gestaltung noch Design ist? Wie und wo das geht, war am vergangenen Wochenende auf der ehemaligen Zeche Prinz-Friedrich in Essen-Kupferdreh auf dem Rundgang 2018 in den Werkstätten und Malsälen der dort beheimateten Hochschule für bildende Kunst (HBK) Essen und der Freien Akademie für bildende Kunst (fadbk) auf über 2400 Quadratmetern zu sehen. Klar, dass ich diese beste Gelegenheit genutzt habe, mit dem Kunsthistoriker, Professor für Kunstwissenschaften und - seit neuestem - Vizepräsidenten an der HBK Essen, Raimund Stecker, zu sprechen.

Herr Stecker, das klingt ziemlich verwirrend: HBK und fadbk sind zwei Abkürzungen für zwei Hochschul-Institute, die von Prof. Stephan Paul Schneider (*1958 in Bochum), Meisterschüler des Malers Ulrich Erben, als private Hochschulen der bildenden Künste im Essener Süden gegründet wurden. Wodurch unterscheiden sich die Hochschulen?

„Beide Hochschulen ermöglichen das Studium der freien Künste. Dabei ist die Hochschule für bildende Künste Essen (HBK) eine Ausgründung der 2001 ins Leben gerufenen Freien Akademie der bildenden Künste (fadbk). Beide Institute arbeiten parallel unter einem Dach, beide verfolgen den Ansatz der ganzheitlichen Lehre. An beiden kann man altersunabhängig studieren – also auch noch in fortgeschrittener Jugend sein Studium aufnehmen, und so die Idee des „lebenslangen Lernen“ realisieren. Während allerdings die fadbk mit dem „Meisterschüler“ abschließt, ist die seit fünf Jahren bestehende HBK Essen eine staatlich anerkannte Hochschule, die den Bachelor of fine Arts verleiht. Wir sind Teil des europaweiten Studiensystems. An der HBK Essen studiert man nicht meisterschülerhaft bei einem Professor, sondern man orientiert sich nach seiner favorisierten Kulturtechnik. Das kann Malerei/Grafik sein. Oder Bildhauerei/Plastik. Oder Fotografie/Medien. “

Warum überhaupt in der Nachbarschaft renommierter Kunstakademien, wie der in Düsseldorf oder Münster, neben der international bedeutenden Folkwangschule in Essen, eine weitere Kunsthochschule?

„Natürlich kann man sich diese Frage stellen. Man muss allerdings wissen, dass die Folkwangschule das Studienangebot der freien Kunst nicht anbietet. HBK und fadbk am Baldeneysee sind so gesehen die einzige Kunsthochschule im Ruhrgebiet, die ihre Studien unter dem Horizont der Kunst anbieten.“

Fakt aber ist doch, dass der Fachbereich Gestaltung im „Quartier Nord“ derzeit mit dem grandiosen Neubau der Folkwangschule auf dem Gelände der Zeche Zollverein eine enorme Aufwertung erfährt.

„Das stimmt - Chapeau! Aber dort geht es eben nicht um ein Studium der freien Künste. Wie wir wissen, ist das Ruhrgebiet in die drei Regierungsbezirke Düsseldorf, Münster, Arnsberg unterteilt. Ahnsberch hieß das Theaterstück von Jürgen Lodemann, das zu Peymanns Zeiten in Bochum erfolgreich aufgeführt worden ist und von der Krankheit handelte, die bis heute nicht therapiert wurde: Es gibt keinen zusammenhängenden Regierungsbezirk Ruhr! Und das mit der fatalen Folge, dass es bis zur Gründung unserer HBK im Ruhrgebiet keine staatlich anerkannte Kunsthochschule gab.“

Dann vergleicht sich die HBK Essen hinsichtlich des freien Kunststudiums mit der Kunstakademie Düsseldorf?

„Mit Düsseldorf und Münster – ja! Die Essener HBK steht mit ihnen und der Medienhochschule in Köln sowie der Alanus-Hochschule bei Bonn für das Kunststudium in NRW.“

Was bedeutet der eingangs erwähnte, ganzheitliche Ansatz?

„Ganzheitlich heißt, dass wir Kunst in die Lebenswelt hinein zu projizieren versuchen. Das bedeutet, dass man das, was man als Künstler lernt, nicht nur für den Kunstbetrieb und Kunstmarkt betreibt, sondern grundsätzlich für das, was „den Menschen in Bewegung setzt“, um den Wuppertaler Engels zu erinnern. Daraus folgt für die HBK Essen, dass man hier über ein Studium der freien Künste sowohl mit 20, aber auch noch mit 40 oder 50 eine Orientierung für sein Leben suchen kann.

Das lebenslange Lernen an einer Hochschule in privater Trägerschaft ist nicht umsonst. Das Studium an der HBK kostet für die ersten sieben Semester des Bachelorstudienganges monatlich stattliche 475,- Euro, ab dem 8. Semester sind 200,- Euro monatlich fällig. Hinzu kommen Aufnahme- und Prüfungsgebühren.

„Ja sicher kostet das Studium an einer privaten Hochschule. HBK Essen und fadbk finanzieren sich aus Studiengebühren. Eine Förderung nach BaföG ist gleichwohl möglich. Unser großer Vorteil aber ist Flexibilität und der sehr gute Betreuungsschlüssel: Auf zehn Professoren kommen jeweils nur ca. 10 bis 15 Studierende. Das ermöglicht intensive Betreuung und profunde Kommunikation.“

Aber mal ehrlich: Gibt es nicht sowieso und überhaupt zu viele Künstler und Künstlerinnen?

„Wenn man den Kunstbetrieb und den Kunstmarkt vor Augen hat, ist die Frage berechtigt. Wenn wir uns aber die gesellschaftlichen Herausforderungen ansehen, vor denen wir stehen, dann würde ich sagen: Es gibt viel zu wenige, die den Künstler in sich durch ein Kunststudium fördern wollen.“ 

Wo denn sollen die vielen Akademie- und Hochschulstudenten der freien Künste im Berufsalltag unterkommen?

„Das ist in der Tat ein Thema, worüber wir hier intensiv nachdenken. Wenn man davon ausgeht, dass sich Kunstbetrieb und Kunstmarkt in einer Blase befinden, die zu platzen droht, dann kann man nicht früh genug anfangen, darüber zu diskutieren, welche erweiterten Chancen ein Kunststudium bietet. Wenn ich mir angucke, wie wenig künstlerisches Potential in den administrativerotischen Verwaltungen ist, kann ich nur sagen: Da müssen viel mehr Künstler und Künstlerinnen hinein.“

Klingt ja klasse. Nur wie?

„Dafür ist es von großem Vorteil, dass an unserer HBK Essen und fadbk neben vielen jungen auch bereits berufserfahrene Talente studieren - Juristen, Architekten, Mediziner, Leute aus der Werbung und den Medien…, Quereinsteiger und Aussteiger. Sie haben für sich erkannt, dass Tretmühle und Hamsterrad ihrem Lebensentwurf nicht mehr entsprechen. Sie studieren zusammen mit jungen Studienanfängern, woraus sich oft außergewöhnlich befruchtende Situationen ergeben. Klar, dass die 19- und 20jährigen bevorzugt, aber auch 50jährige auf die Galeriekarriere schielen. Doch die Tellerwäscherkarriere aus Essen Kupferdreh ins MoMA wird hier genauso die Ausnahme bleiben wie die aus Düsseldorf nach New York. Darum ist es wichtig, dass man deutlich macht, dass es auch andere Bereiche gibt, in die man mit seinem Künstlertum gehen kann. So, wie nicht jeder studierte Jurist Richter, Staats- oder Rechtsanwalt wird, so kann ich auch als studierter Künstler in die Buchgestaltung gehen, in Medienhäuser, in den Kunstunterricht oder in einem Konzern Vorstand für künstlerisches und somit gesellschaftlichen Zusammenhalt stiftendes Denken werden. Darum kann es gar nicht genug Ausbildungsstätten für Kunst und künstlerisches Denken geben.“

Was denn zeichnet das künstlerische Denken so besonders aus?

„Ein Beispiel, das ich gerne bringe: Immer, wenn man ein Stück Butter in die Pfanne gibt, die Platte erhitzt und so aus fester Butter flüssige wird, zeigt sich die Analogie zu Joseph Beuys‘ Diktum von der Erhöhung der Betriebstemperatur, die notwendig ist, um gesellschaftliche Verkrustungen aufzubrechen. Der Kernphysiker Hans-Peter Dürr sagt heute, dass es gar keine Materie gebe: „Am Ende finden wir etwas, das weit mehr dem Geistigen ähnelt. […] Im Grunde, so müssen wir […] sagen, gibt es nur Geist. Die Materie ist gleichsam die Schlacke des Geistigen.“ Jedes Kunstwerk also, das im Storage steht, ist geronnene Energie. Erst wenn ich es heraushole, kann ich seine Energie erfahren.“

Abschließend gefragt: Was lehrt ein Kunstwissenschaftler an einer Hochschule der Bildenden Künste?

„Es gibt beispielsweise eine 4-semestrige Grundvorlesung, die ich im Wechsel mit meiner Kollegin Sabine Bartelsheim anbiete. Wir fangen mit der Kunstwissenschaft um 1800 an und gehen in vier Semestern hinein in die Gegenwart. Wichtig ist es mir beispielsweise darzustellen, dass mit Francisco de Goya, - künstlerisch beabsichtigt -, der Betrachter zu einem „produktiven Betrachter“ wird. Eine Konsequenz für die Künstler von heute daraus kann sein, dass sie wissen sollten, dass der demokratisierte Betrachter mithin nicht erwartet, dass der Künstler seine Wahrheit weitergibt, sondern, dass er die Erkenntnismöglichkeit schafft, Wahrheit zu erfahren.“

Wow, das ist ein Satz. Vielen Dank für das Gespräch.

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Titelbild:  © HBK Essen

Nachgefragt