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7. März 2019 - von Claudia Posca

Nachgefragt

Hamm

„Klare Kante“ heißt die Ausstellung, und nichts ist klar. Weil die raumzeichnerischen Plastiken des 1951 geborenen Günther Zins phänomenale Chamäleons sind. Open Air sind sie im Revier von Bochum über Dinslaken, Dortmund, Hamm, Hattingen, Herne und Marl zu sehen. Jetzt präsentiert eine großartige Schau des Gustav-Lübcke-Museums in Hamm über vierzig dieser stereometrischen Werke. Bis zum 17. März. Ein grandioses Vexierspiel.

Zur Klärung des wunderbar Unklaren habe ich mit Günther Zins über seine klare Kunst gesprochen. Und darüber, wie er auf den Hauch von Nichts als Hauch von Etwas kam.

 

Herr Zins, fangen wir mal von vorn an: Bildhauerei mit Metallstange? Ist markant ungewöhnlich. Warum und wieso dieser Werkstoff?

„Das ist eine längere Geschichte. Zunächst mal habe ich freie Malerei an der Kölner Fachhochschule für Kunst und Gestaltung studiert, mein Diplom mit einer Serie gemalter Ölbilder gemacht. Das waren Spurenbilder, u.a. von Treckerspuren im Sand, aber auch von menschlichen Spuren. Irgendwann wollte ich räumlicher arbeiten, ging von der Malerei weg, experimentierte mit Bildobjekten, verspannte Nylonfäden über dem Bildgrund. Je nach Lichteinfall entstanden so Schattenlinien. Räumliche Irritationen waren programmiert. Dann weitete ich die Linie-Raum-Thematik mit bemalten Plexiglasscheiben oder auch mit Rauminstallationen aus, in denen sich bestimmte Linienformationen auf der Wand auf den Scheiben wiederholten. Während eines Urlaubs in der Bretagne entdeckte ich die Schönheit tektonischer Felsengliederungen, wiederholte deren Linearität mit gemalten Linien auf dem Stein.“

Auf den Felsen?

„Ja. Ich kaufte Bootsfarbe und malte die Felsenlinien mit blauer und weißer Farbe nach, so dass so etwas wie eine gigantische, archaische Zeichnung entstand, - 20/30 Meter in der Länge, 10 Meter hoch. Dieses Projekt habe ich später erneut aufgegriffen, davon eine s/w-Fotoserie gemacht und damit 1987 das Märkische Stipendium bekommen. Das war ein großes Glück. Denn jetzt konnte ich ein Jahr lang weitere Linie-Raum-Projekte vorantreiben. Schließlich habe ich mich getraut, einen Metallstab als lineares Element zu integrieren.“

Als Raumfühler?

„Ja, genau. Und das wiederum initiierte die Überlegung, dass ja nicht nur gerade Metallstab-Linien möglich sind, sondern auch Winkel. Also kaufte ich ein Schweißgerät und habe Winkel geschweißt.“

Metallbänder waren keine Option?

„Nein. Es sind immer dünne Metallstäbe gewesen, wie ich sie bis heute verwende. Ich sah darin eine optimale Möglichkeit, filigrane, komplexe Gebilde herzustellen. Irgendwann entstand der erste Würfel. Und ich entdeckte Edelstahl als Werkstoff. Edelstahl hat den Vorteil, dass er nicht rostet, aber auf Lichteinflüsse regieren kann: Mal glänzt er, mal reflektiert er das Licht, mal sieht er, etwa vor einer weißen Wand, dunkel aus. Die Nuancen sind vielfältig.“

Stichwort Licht: Ist Natur für Sie wichtig?

„Sehr wichtig.“

Das erstaunt bei so radikal minimalistischer Kunst.

„Ja, klar. Das stimmt. Aber ich mache viele Installationen in der Natur. Gerade den Gegensatz zwischen den klaren, geraden Formen, bestehend aus einem industriellen Material und der gewachsenen Natur finde ich spannend. Das steigert sich gegenseitig in der Intensität.“

Ziehen Sie das Arbeiten draußen einer Museumsinstallation vor?

„Naja, nicht unbedingt. Am Schönsten aber ist es für mich schon. In Marl etwa, auf dem Rathausdach, ist beides gegeben, weil dort die Nähe zum Himmel eine Rolle spielt. Dort balanciert auf dem geradlinigen Baukörper mein Quader auf einer Ecke und hat das Himmelsblau, also einen Naturraum, zum Hintergrund.“

Sie lieben dialektische Verhältnisse und das Zusammenspiel von Widersprüchen?

„Hmmm, ja. Es gibt in meinen Werken eine These, eine Antithese und eine Synthese. Strenge und Spiel zum Beispiel treffen aufeinander, kommen zusammen und bilden etwas Neues.“

Weil das Leben so ist?

„Ja. Durchaus.“

Weil es durch Labilität und Stabilität geprägt wird?

„Stimmt. Gleichzeitig ist für mich wichtig, dass sich die Arbeiten in einem Prozess befinden, dass sie zum Beispiel balancieren. Oder dass sie versinken, auftauchen oder schweben. Scheinbar.“ Kunstausstellung Klare Kante von Günther Zins im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm 2019

Dabei wirken Ihre Plastiken ja in der Tat wunderbar leicht, fast spielerisch. Das würde man von einem Niederrheiner nicht vermuten, dem eher eine gewisse Melancholie nachgesagt wird.

(lacht) „Kann sein. Obwohl das sicher nicht bewusst so ist. Was ich allerdings an der niederrheinischen Region sehr schätze – wenn man übers Land fährt – das ist seine geometrische Gliederung. Die ist ganz klar, eine gerade Horizontlinie, oberhalb davon der Himmel und darunter die Erde. Dazu gibt es riesige rechteckige Felder. Übrigens findet sich das auch in der Arbeit des niederrheinischen Malers Ulrich Erben wieder, der ein großer Fan des Niederrheins ist. Mich jedenfalls haben schon als Kind beim Überlandradeln die großen Masten mit ihren weit gespannten Stromkabeln sehr fasziniert – diese Linien im Raum. Fragil, zart, aber irgendwie auch monumental.“

Die gibt`s auch im Revier. Wie empfinden Sie den Unterschied zwischen dem Niederrhein und dem Ruhrgebiet?

„Fakt ist, dass ich mich, weil ich in Kleve lebe, was ja schon die totale Randlage von Deutschland ist (lacht), schon mal mit dem Auto ins Ruhrgebiet oder anderswohin bewegen muss. An diese Touren habe ich mich  inzwischen gewöhnt.“

Kein Kulturschock?

„Nein, gar nicht. Auch im Revier gibt es idyllische Orte. Viel Grün, viel Natur.“

Ja, stimmt. Es kommt auf den Blickwinkel an. Bestes Beispiel: Ihre Plastiken. Je nach Betrachter-Standort sehen sie immer wieder komplett anders aus. Was Virtualität ins Spiel bringt. Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Kunst als Computerkunst zu konzipieren?

„Tatsächlich erstelle ich meine Fotocollagen am Rechner. Dabei kommen dann die gigantischen „Traumobjekte“ heraus, die es realiter in diesen Dimensionen nicht gibt.“

Das ist eine Form der Bildbearbeitung - Fotokunst. Ich meinte es aber anders: weg von der analogen Arbeit hin zur Kunst aus dem Computer. Sozusagen, um die Virtualität, mit der Ihre Plastiken umgehen, in die Tat umzusetzen.

„Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass man meine raumzeichnerischen Plastiken etwa durch einen 3-D-Drucker herstellen kann.“

Günther Zins in seiner Werkstatt Aber inzwischen werden sogar Flugzeugteile im 3-D-Druck-Verfahren produziert.

„Ja? Für mich ist aber das Handwerkliche wichtig. Auch das Physische, obwohl meine Kunst mit nur wenig Materialität auskommt. Der Balanceakt dazwischen ist bedeutend. Und mit wenig Materie eine große Präsenz schaffen, die von einer imaginären Materie lebt,  - darum geht es.“

Trotz Minimalismus etwas Surreal-Phantastisches schaffen, etwas, das ist und doch nicht ist?

„In gewisser Weise schon. Ich möchte einen Zauber entstehen lassen.“

Poesie? Spiel? Im Outfit rationaler Strukturen?

„Das überschneidet sich. Wobei meine Plastiken nicht erzählerisch sind. Im Vordergrund steht keine politische, keine gesellschaftliche Aussage.“

Trotzdem ziehen Sie Ihrem Publikum auf atemberaubende Weise den Boden unter den Füßen weg. Ihre Plastiken lösen Gewissheit auf: schräg, schräger, klare Kante.  

„Ja. So ist das. Ich möchte Menschen anregen, sich mit dem Raum zu beschäftigen. Ihn zu hinterfragen, genau zu gucken. Auch, um in eine andere Welt zu entführen, die über das existentiell Notwendige hinaus das Leben farbiger macht.“

Machen Sie deshalb auch Musik? Sie spielen Saxophon.

„Musik ist mir wichtig. Da kann ich improvisieren, das, was ich fühle, direkt und unmittelbar umsetzen.“

Anders als in der Kunst? Gibt es Parallelen?

„So direkt nicht.“

Ich könnte mir vorstellen, dass das Meditative beides verbindet. Die Ausstellung in Hamm ist trotz famoser Irritationsdynamik ZEN-artig besinnlich.

„In der Tat bin ich von japanischer Kunst und Kultur fasziniert. Vor allem auch von der Baukunst, die unglaublich reduziert ist. Bis hin zur traditionellen Inneneinrichtung, die aus einfachen Materialien gestaltet ist. Einige meiner Arbeiten habe ich in Verneigung vor dem japanischen Minimalismus „Großer Japanischer Raum“ genannt.“ Kunstausstellung Klare Kante von Günther Zins im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm 2019

Sie haben mal einen rätselhaften Satz gesagt: „Meine ästhetische Entfernung ist die Distanz“, was den Titel zu den Fotografien Ihrer Wurf-Stab-Aktionen gibt. Was meinen Sie damit?

„Also: Der Satz bezieht sich nicht auf die geworfenen Stäbe, sondern auf meine Arbeit insgesamt. Und meint, dass man zu meinen Plastiken einen Abstand einnehmen muss, um sie richtig sehen und genießen zu können.“

Sie meinen, dass Distanz Nähe schafft?

„Ja, genauso ist das. Meine Plastiken erschließen sich erst aus einer Distanz heraus. Und natürlich durch eine Veränderung der Betrachter-Position, woraus sich die phänomenale Variationsbreite ergibt.“

Gibt es Wunsch-Projekte?

„Also, falls es möglich wäre, sie zu verwirklichen, dann wären das die gigantischen „Traumobjekte“. Einmal in einem Gebirge, zwischen zwei riesigen Felswänden, einen großen eindringenden Würfel installieren. Das wäre phantastisch.“

Danke herzlich für das Gespräch.

 


Die Ausstellung Klare Kante finden Sie auch in unserem Ausstellungskalender!

 

Bildrechte:

Titelbild: Kunstwerk von Günther Zins. Foto: © Claudia Posca

Bild 1: Raumansicht der Ausstellung Klare Kante. Foto: © Claudia Posca

Bild 2: Günther Zins in seinem Atelier. Foto: © Annegret Gossens

Bild 3: Kunstwerke von Günther Zins. Foto: © Claudia Posca

Nachgefragt