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26. Februar 2019 - von Claudia Posca

Nachgefragt

Duisburg

2019 ist Bauhaus-Jubiläumsjahr. Vor einem Jahrhundert wurde die bahnbrechende Architektur-, Design- und Kunst-Schule in Weimar gegründet. Das wird heuer groß größer riesig gefeiert.

 Die Bildende Kunst am Bauhaus allerdings steht weniger im Fokus. Und wenn Bauhaus-Lehrer Paul Klee 1929 in seinem berühmten Gemälde über „Haupt- und Nebenwege“ (heute im Museum Ludwig, Köln) philosophierte, drohen exakt letztere unterzugehen.

Trotz Strahlkraft, trotz potentiell erweiternder Kunstgeschichtsschreibung, die gerade mancher Seitenpfad ans Herz legt. Dagegen arbeitet eine kleine feine Schau des Bauhaus-Schülers Otto Hofmann (1907-1996) im Duisburger Museum für Moderne Kunst Küppersmühle an. Man sollte den neuen Sammlungsraum entdecken. Für ein Gespräch habe ich mich mit der Witwe Otto Hofmanns, mit Mariane Hofmann, getroffen. 33 Jahre war sie mit dem in Essen geborenen Maler verheiratet. Gemeinsam haben sie eine Tochter. Seit einigen Jahren befindet sich der Nachlass des Klee- und Kandinsky-Schülers dauerhaft im MKM in der Sammlung Sylvia und Ulrich Ströher. Er umfasst Ölbilder, Aquarelle und Papierarbeiten aus den Jahren 1929 bis 1995, darüber hinaus Plakate und Feldpost-Malerbriefe aus Russland.

Frau Hofmann, der Kunstbetrieb 2019 steht mächtig im Zeichen des Bauhauses. Es soll schon erste Ermüdungserscheinungen geben. Mich hat die Malerei des weniger bekannten Bauhaus-Schülers Otto Hofmann neugierig gemacht. Als Ehefrau des 1996 verstorbenen Otto Hofmann, - wie sehen Sie den Hype?

„Es stimmt, derzeit wird das Bauhaus machtvoll gefeiert. Vornehmlich aber geht es dabei um die Errungenschaften in der Architektur, im Design. Die Malerei dagegen kommt zu kurz.“

Genau das war mit ein Grund mir die Kabinettausstellung im MKM anzuschauen. Und natürlich frage ich mich, wie wohl ein Leben mit einem Künstler gewesen ist, der die Geschichte der Abstraktion des 20. Jahrhunderts live miterlebt hat? Haben Sie oft über Kunst geredet?

„Natürlich haben wir über vieles in der damaligen Kunstentwicklung gesprochen. Besonders aber hat mich interessiert, wie Otto Hofmann die Zeit von 1939 bis 1946 als Soldat überlebt hat, davon die letzten 3 Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Wie hat er die Nazi-Herrschaft, die Greueltaten, den schrecklichen Krieg seelisch verkraften können? Aber – er wollte darüber nie gern mit mir reden. Über Freunde habe ich erfahren, dass das, was ihn mit mir verband, – wir sind altersmäßig weit auseinander, ich wurde 1941 geboren, Otto Hofmann 1907 -, für ihn vollkommen frei war von der erlebten schrecklichen Geschichte. So gesehen war ich für ihn so etwas wie ein weißes Blatt, Neuland, das mit der Vergangenheit nichts zu tun hatte.“

Wo lernten Sie sich kennen?

„Damals habe ich für die Porzellanmanufaktur Hutschenreuther/Selb gearbeitet. Und zwar im Showroom in Frankfurt. Otto Hofmann war für Hutschenreuther zwischen 1953 bis 1965 als Designer tätig. Wir haben uns im Hotel in Selb kennengelernt. Für Hutschenreuther, aber auch für Rosenthal entwarf Otto Hofmann zwei Mal im Jahr eine Kollektion." 

Ihr Mann hat am Bauhaus in Dessau bei Wassily Kandinsky und Paul Klee Malerei studiert. Kandinsky ist 1944 gestorben, vier Jahre nach Paul Klee. Sie haben Klee und Kandinsky nicht kennen gelernt. Aber für Ihren Mann war vor allem Wassily Kandinsky ein wichtiger Förderer?

„Ja, beide waren seine Lehrer. Mehr aber noch waren sie für ihn so etwas wie Mentoren. Besonders Kandinsky. Otto Hofmann hat Kandinsky sehr verehrt. Es gibt einige Schriftwechsel. Und dass er Kandinsky, der 1933 nach Paris emigriert war, während seiner Zeit als Soldat in Frankreich nicht besucht hat, Otto Hofmann wurde 1940 zum Kriegsdienst u.a. an die französische Front eingezogen, haben ihm Nina, Kandinskys Frau, die über das Nicht-Besuchen sehr empört gewesen ist, später verziehen. Otto Hofmann hatte aber einen Grund: Er wollte Kandinsky nicht in dieser verhassten Uniform, die er tragen musste, gegenübertreten. Darüber haben sie sich in einem Briefwechsel ausgesprochen.“

Auch Otto Hofmann ist 1933 nach Paris gegangen, hat dort zwei Jahre gelebt, bevor er 1935 wieder nach Jena zurückkehrte, dort die Direktorin des Jenaer Stadtmuseums und Mitarbeiterin des Jenaer Kunstvereins, Hanna Stirnemann, heiratete?

„Ja, Otto Hofmann ist über die Schweiz nach Paris gegangen. Der Grund dafür war, dass er als Linker für ein Journal schrieb, für das auch seine Mutter gearbeitet hat. Mehrmals wurde er wegen seiner politischen Äußerungen angegriffen, zusammen geschlagen. Daraufhin setzte er sich mit dem Zug in die Schweiz ab, um nach Ascona zu fahren, was ein damaliger Emigrantentreff war. Es war seinerzeit Fasnacht, was er nicht wusste, so dass ihm die Umzugs-Trommelei einen großen Schreck einjagte, als er sie bei seiner Ankunft hörte, und dachte, dass die Nazis schon vor Ort seien. Später ist er wegen seiner kranken Mutter wieder zurück nach Jena gegangen und kam dann nicht mehr aus Deutschland raus. Sein Pass war von den Nazis eingezogen worden. 1939/40 schließlich wurde er zum Kriegsdienst eingezogen.“

Otto Hoffmann, Selbstportrait, Dessau 1929. Foto: MKM Neben dem Alterswohnsitz im ligurischen Pompeiana in Italien ist Paris in Otto Hofmanns Biografie immer wieder eine wichtige Station. Nachdem er 1950 aufgrund der politisch gewollten Durchsetzung des Sozialistischen Realismus in Ostdeutschland, der für Otto Hofmann keine Option war, nach Berlin-West übergesiedelt war, lebte er in den 1950er Jahren abwechselnd in Brüssel und Paris. In der Rue Hippolyte in Paris hatte er sein Atelier, es war im selben Haus, wo auch der Bildhauer Alberto Giacometti (1901-1966) arbeitete. Hat Otto Hofmann Ihnen vielleicht von Diskussionen über Kunst mit dem Bildhauer erzählt?

„Ja, hier und da mal. Auch, dass Alberto Giacometti sehr dem Alkohol zugetan gewesen ist. Und dass er ein sehr bescheidener Mensch war, anders als dessen Bruder, der sehr bestrebt war, die Geschäfte mit Alberto Giacomettis Kunst zu machen. Der Bruder hat die Kunst vertrieben, hat Alberto dazu bewegt, Möbel zu machen, damit Geld rein kommt. Damals war Alberto Giacometti noch nicht so berühmt.“

Wissen Sie vielleicht, ob sich Ihr Mann mit Giacometti auch inhaltlich ausgetauscht hat? Ich könnte mir vorstellen, dass da mit Giacometti ein Existenzialist auf einen Künstler traf, der das Kosmische bzw. die Lyrische Abstraktion vertrat?

„Nein. Davon hat Otto Hofmann nie etwas erzählt. Sie haben sich auch nur hier und da mal besucht, ein Gläschen getrunken, manchmal auch mehr. Überhaupt habe Alberto Giacometti nur wenig über seine Arbeit gesprochen. Er war ein sehr introvertierter Mensch.“

Frau Hofmann, kommen wir zum Bauhaus zurück. Otto Hofmann hat dort, trotzdem er ein von Wassily Kandinsky geförderter Schüler gewesen ist, nie als Professor gelehrt?

„Nein. Otto Hofmann verließ Dessau 1931. Die Nazis, die bereits in der Stadtverwaltung die Mehrheit hatten, veranlassten die Schließung des Hauses im September 1933. Eine Professur (Vorkurs und Wandmalerei) hat Otto Hofmann von 1966 bis 1975 an der Berliner Hochschule für Bildende Künste gehabt. Aber er ist einer der wenigen Malerei-Studenten, die mit einem Bauhaus-Diplom abgeschlossen haben. Das Diplom befindet sich im Nachlass. Unterzeichnet ist es von Mies van der Rohe und Wassily Kandinsky.“

Gibt es von Ihrem Mann theoretische Texte zur Kunst?

"Bis auf die Rede „Die Malerei in unserer Zeit“ von 1930, damals anlässlich der Ausstellung „junge maler vom bauhaus dessau“ im Jenaer Kunstverein von ihm gehalten und die Ansprache „Die geistige Situation der abstrakten Malerei“ von 1932, neben den Russland-Briefen, zum Teil aus dem Schützengraben heraus geschrieben, nein.“

Wobei ja gerade die Ansprache zur „geistigen Situation der abstrakten Malerei“ eine wunderbare Einführung in die Kunst Otto Hofmanns gibt. Warum nur ist er nicht bekannter geworden?

„Tja. Die Gründe dafür, haben, glaube ich, nichts mit der Qualität seiner Kunst zu tun. Es hat wohl eher etwas mit seinem Lebensweg zu tun, mit seinen Entscheidungen, die er getroffen hat. Als er 1946 aus dem Krieg zurückgekommen ist, hat er sich ganz bewusst in den Ostteil Deutschlands entlassen. Seine Idee war es gewesen dort etwas aufzubauen, etwas Neues zu schaffen. Aber wie wir wissen, wurde es ihm unter den politischen Vorgaben zu eng und über Nacht floh er zusammen mit Johanna, einer Aktentasche und einem Hund - damals waren es immer Bullterrier - (lacht) nach Berlin-West. Sie haben alles zurück gelassen. Und das ist das große Manko. Deshalb fehlt ein großer Teil seiner Kunst. Kisten mit Bildern sind verschwunden, sind nie wieder aufgetaucht. Das ist ein Riesenloch in der künstlerischen Dokumentation. Aus den 1930er/40er Jahren gibt es nur wenige Bilder von Otto Hofmann.“ Otto Hofmann, Zwei Figuren, nächtlich, 1979, Öl auf Leinwand, MKM-Stiftung, Darmstadt. Foto: Henning Krause, Köln

Sie haben sich schließlich entschlossen den Nachlass Ihres Mannes ans Duisburger MKM zu geben. Weil Otto Hofmann im Ruhrgebiet, in Essen geboren wurde?

„Naja. Eigentlich ist Otto Hofmann nur durch Zufall in Essen zur Welt gekommen. Die Eltern stammten aus Jena, der Vater arbeitete dort für Zeiss und wurde vorübergehend nach Zeiss in Essen versetzt. Seine schwangere Frau ging mit und hat den Sohn in Essen zur Welt gebracht. Nach nicht mehr als höchstens zwei Jahrenging die Familie wieder zurück nach Jena. Im Grunde also ist Otto Hofmann Thüringer.“

Hat sich Ihr Mann denn vielleicht einmal zum Revier geäußert?

„Nein, das nicht. Aber wir können dem Ruhrgebiet sehr dankbar sein. Denn als wir in Berlin wohnten, gab es ja die massive Schwierigkeit mit dem Auto durch die Zone zu fahren, nebst der Zitterpartie der Passkontrolle. Schließlich war Otto Hofmann Republikflüchtling. Da aber in seinem Ausweis der Geburtsort Essen stand, sind wir immer gut durchgekommen.“

Erinnern Sie etwas, dass Otto Hofmann zum Bauhaus, zu dessen Bedeutung gesagt hat?

„Ja, dazu gibt es eine Anekdote: Als er sich dort bewarb für die Vorklasse, ereignete sich Folgendes: Eine Kommilitonin zog bei der Vorstellung eine Tüte aus der Tasche und packte einen darin verstauten, geräucherten Hering aus. Dann hat sie den Fisch in aller Ruhe und Sorgfalt gehäutet und ausgenommen, um schließlich die hochglänzende, fettige Fischhaut auf ihr grundiertes Blatt Papier aufzuspannen. Sie hat dann alles glattgezogen, solange bis es Risse gab. Plötzlich entstand dort eine abstrakte Form. In diesem Moment, so hat es Otto Hofmann immer erzählt, habe er gewusst: Hier ist alles anders. (lacht) In diesem Moment war ihm klar, dass man am Bauhaus experimentieren konnte, dass es eine Möglichkeit für alles Mögliche sein konnte.“

Was würden Sie jemandem entgegnen, der behauptet, Otto Hofmanns Kunst stehe doch der Kunst Wassily Kandinskys recht nahe?

„Ich finde, es ist gerade die Stärke von Otto Hofmann, dass er seinen Ideen immer treu geblieben ist, sie ausgebaut und vertieft hat.“

Aus einer inneren Notwendigkeit heraus?

„Das ganz bestimmt. Das kann man wohl sagen. Aber: Der Schule, den Bauhaus-Ideen ist er treu geblieben. Gleichzeitig hat er sehr eigenständig gearbeitet. Otto Hofmann war durch nichts korrumpierbar. Weder im Privaten noch im Politischen noch in seiner Kunst.“

Herzlich vielen Dank für das Gespräch.

 


Bildrechte:

Titelbild: Mariane Hoffmann vor einem Werk von Otto Hoffmann. Foto: Claudia Posca.

Bild 1: Otto Hoffmann, Selbstportrait, Dessau 1929. Foto: MKM.

Bild 2: Otto Hofmann, Zwei Figuren, nächtlich, 1979, Öl auf Leinwand, MKM-Stiftung, Darmstadt. Foto: Henning Krause, Köln.

Nachgefragt