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6. November 2018 - von Claudia Posca

Nachgefragt

Duisburg

Er zählt zu den Großen des Reviers, mochte das Ruhrgebiet, wurde 1912 in Hagen geboren, starb 1999 auf Ibiza. Sein Name: Emil Schumacher. International zählt der Mann zu den bedeutendsten Nachkriegskünstlern, hat ein eigenes Museum in seiner Heimatstadt. Er hat`s verdient. Dort Gezeigtes ist vom Feinsten, Zitate von ihm sind ein Genuss: „Ich lebe nicht in Ostwestfalen, sondern in Westwestfalen.

Das ist ein Unterschied. Westwestfalen ist das Ruhrgebiet, ein Konglomerat von vielerlei landsmannschaftlichen Eigenheiten, von Polen und Tschechen und vielen anderen ethnischen Gruppen unter denen eine Vermischung stattgefunden hat. Dieses Völkergemisch zeichnet sich durch große Toleranz aus. Westwestfalen ist weltoffen. Das gefällt mir. Da fühle ich mich heimisch.“

Nächste Woche eröffnet das Duisburger MKM eine retrospektive Überblicksschau: Emil Schumacher – Inspiration und Widerstand. Selten zu sehende Hammerbilder neben Tastobjekten werden gezeigt. Derzeit läuft die Hängung auf Hochtouren. Ich sprach mit der Kuratorin Dr. Eva Müller-Remmert.

Frau Müller-Remmert, die Sammlung Sylvia und Ulrich Ströher gilt als eine der wichtigsten Sammlungen zur Kunst nach `45. Sie ist seit über 10 Jahren mit dem Duisburger MKM - Museum Küppersmühle für Moderne Kunst und dessen Direktor Walter Smerling verbunden. Wie kam es zu der Emil Schumacher-Ausstellung?

„Die Idee, eine Schumacher-Ausstellung im MKM zu zeigen, gibt es schon länger. Aktuell kommt noch die derzeit sehr offene Planungssituation aufgrund des voraussichtlich Ende nächsten Jahres eröffnenden MKM-Anbaus hinzu, wodurch eine langfristige Ausstellungplanung schwierig ist. Da hat sich die Kooperation mit dem Emil Schumacher-Museum in Hagen angeboten. Ich wurde gefragt, ob ich die Ausstellung kuratieren möchte.“

Ist daraus auch zu erklären, warum in solcher Nähe zum Hagener Emil Schumacher-Museum, wo ja der Nachlass, das Lebenswerk Emil Schumachers aufbewahrt werden, eine Überblicksausstellung präsentiert wird?

„Ja. Wie gesagt, es hat mit der besonderen Planungssituation zu tun. Dazu kommt aber noch die Überlegung, dass viele Duisburger, die sich eher nach Düsseldorf und Köln orientieren, noch nie in Hagen gewesen sind, obwohl Hagen nicht wirklich weit weg ist. Und umgekehrt waren viele Hagener vielleicht auch noch nicht bei uns in Duisburg. Außerdem sieht man die Leihgaben aus Hagen in der aktuellen Ausstellung in einen neuen Kontext gestellt. So, wie sie hier zu sehen sind, also im Zusammenhang mit deutscher Kunst nach `45, die das MKM im Dauer-Ausstellungsbereich zeigt, Richter, Baselitz, Kiefer etc., kann man sie in Hagen nicht sehen. Ebenso wenig, wie man sie dort auch nicht direkt neben Werken aus verschiedenen öffentlichen und privaten Sammlungen bzw. neben den eigenen, fast zwanzigSchumacher-Bildern sieht. Der neue Zusammenhang, das ist hoch spannend.“

Hat man vor einem Großen der Neueren Kunstgeschichte eine gewisse Ehrfurcht?

(lacht)„ Ja und Nein. Emil Schumacher reiht sich ein in eine Reihe von Ausstellungen zum Informel, die ich in der Vergangenheit am MKM kuratiert habe: Walter Stöhrer, Bernard Schultze, Fred Thieler. Da entwickelt sich so etwas wie Übung im Umgang mit den Größen, obwohl es immer wieder etwas Wunderbares, und vor allem immer wieder etwas wunderbar Neues ist, das sich mit jeder Ausstellungsherausforderung entdecken lässt. Aber klar, es ist schon ein großartiges Privileg, mit Schätzen der Kunstgeschichte umzugehen.“

Sie beschreiben Emil Schumacher in ihrem Katalogtext als einen Informellen. Warum?

„Ja, das stimmt. Tatsächlich ist das mit der Begrifflichkeit aber so eine Sache. Betrachtet man das Nachkriegsphänomen des Informel, fällt auf, dass Künstler, die in diesem Kontext genannt werden, sehr individuell arbeiten. Auch Gerhard Hoehme etwa, - derzeit läuft eine sehr sehenswerte Ausstellung im Hagener Schumacher-Museum, übrigens mit Leihgaben aus dem MKM -, zählt dazu, macht aber etwas komplett anderes als Emil Schumacher. Oder denken Sie an Bernard Schultze, der vom Surrealismus kommt, genauso wie K.O. Götz, wobei sich deren beider Kunst stark voneinander abhebt und ein Fred Thieler, verglichen damit, wiederum anders auf der Leinwand agiert. Also: Das Informel besteht aus Künstlern, die je eigene Wege gehen, in der Phänomenologie aber alle die Gestaltlosigkeit favorisieren.“

Dann ist das Informel ein Konstrukt?

„Ja, schon. Man hat da einen Begriff geprägt, der einerseits treffend die Formlosigkeit der Darstellung beschreibt, andererseits aber eine stilistische Einheitlichkeit suggeriert, die es faktisch nicht gibt. Da wird etwas in einen Topf geworfen, das am Ende heterogen bleibt. DAS Informel gibt es nicht, das Informelle aber schon.“

Gemälde Falacca von Emil Schumacher, 1989 Was bedeutet der viel beschworene Aufbruch zur Freiheit der Kunst nach dem Ende des 2. Weltkrieges im Hinblick auf Emil Schumacher?

„Im persönlichen Bereich hieß das für Emil Schumacher, dass er nach einer Zeit des Arbeitens in einem Rüstungsbetrieb unmittelbar nach Kriegsende wieder als freier Maler gearbeitet hat. Er wollte sich auf keinen Fall unterordnen. Er hatte das Glück, Menschen zu finden, die ihn unterstützten, was mit Frau und Kind sicher nicht einfach war. Aber Emil Schumacher nahm sich die innere und äußere Freiheit. Und im Hinblick auf seine Kunst? Er war ja Mitglied der Recklinghäuser Künstlergruppe des jungen westen. Dort wurde ihm des Öfteren angeraten, dass er geordneter, konstruktiver malen sollte. Das hat Emil Schumacher abgelehnt. Er wollte Maler sein. Auch da hat er sich die Freiheit genommen, das zu tun, was er wollte.“

Heißt das, dass er ein stringent malerisches Konzept hatte?

„Nein. So, wie ich ihn sehe, arbeitete er nicht nach einem Konzept. Wonach ihm der Sinn stand, das setzte er um, - interessegeleitet. Er legte keine Kompositionen in Form von Vorstudien fest. Seine Bilder, ob auf Leinwand oder Papier, entstanden im Prozess des Tuns. Ein mögliches Scheitern war inbegriffen. Halt fand er in der Natur, ging oft spazieren. Was nicht heißt, dass er Landschaften malte, obwohl viele Bilder dem Augenschein nach in diese Richtung tendieren. Aber für Emil Schumacher waren seine Bilder eigenständig, unabhängig, autonom. Auf vielen Fotos sieht man ihn in einer Arbeitshose. Ich habe gelesen, dass Emil Schumacher sie seine ´Spielhose` nannte. Das finde ich, ist signifikant. Spiel ist etwas, das man gern und in aller Freiheit tut. Das Spielerische, das Experimentelle ist bei ihm Lebens- und Schaffenselixier.“

Sich ausprobieren? Sich neu erfinden?

„Ja. Genau das tut er in seiner Kunst. Er probiert Materialien aus. Emil Schumacher betonte, dass er aus einer Handwerkerfamilie stammt, und dass das Haptische und das Machen für ihn ausgesprochen wichtig sind. Er setzte nicht nur Farbe als Werkstoff ein, oft pastos, schrundig, sondern auch Steine, Blätter, Holzkohle, Moos, Asphaltklumpen, Sand, Sisal. Dabei befragte er die Fundstoffe auf ihre malerische Qualität und wies ihnen zugleich eine haptische Kompositionsfunktion im Bildganzen zu.“ 

Ging es ihm um eine kosmische Harmonie? Portraitfoto von Emil Schumacher, 1984

„Das würde ich so nicht sagen. In seiner Malerei steckt viel Brachiales. Besonders deutlich wird das an den Hammerbildern, zu denen er kam, als er ein aufs Türblatt gemaltes, missratenes Bild voller Wut mit dem Hammer zerstörte und so etwas entdeckte, das ihn faszinierte: die dritte Dimension, die Leere, das Unfassbare. Es geht in seiner Kunst nicht um sanfte Harmonien. Eher geht es um so etwas wie Urgewalt.“

Ist diese Urgewalt ein roter Faden in seiner Werkentwicklung? Etwas zwischen Dekonstruktion/Zerstörung und Konstruktion/Aufbau?

„Der Begriff der Konstruktion passt nicht wirklich. Da fehlt das Spontane. Das ist zu konzeptionell gedacht. Ich bin überzeugt, dass Emil Schumacher nicht ins Atelier ging mit der Vorstellung, ein Bild zu konstruieren. Es passierte, Intuition und Zufall spielten eine große Rolle.“

Von Emil Schumacher kenne ich den Ausdruck „verschlimmbessern“. Worauf bezieht sich das?

(lacht) „Verschlimmbessern, ja -, es bezog sich auf den Versuch, eines der drei der für die documenta 1964 gemalten Bilder zu korrigieren. Das waren drei große, horizontale Arbeiten in Blau, in Weiß, in Rot. Als sie von der documenta wiederkamen, wollte er das Rote überarbeiten. Es misslang, er hat es zerstört. Den Keilrahmen aber hat er aufbewahrt, 1992 ein neues Bild darauf gemalt: „Palmarum“. Das zeigen wir auch in der Ausstellung. Es bildet zusammen mit dem blauen "documenta II"-Bild aus dem Osthaus Museum Hagen das Herzstück der Schau.“

„Palmarum“ ist ein klingender Titel. Wie wichtig waren Emil Schumacher die Bildtitel?

„Er hat sie im Nachhinein vergeben. Oft zusammen mit seinem Sohn Ulrich. Es sind atmosphärische Phantasienamen auf der Grundlage seiner Assoziationen, die den Betrachter nicht zwingen, dies oder jenes im Bild zu sehen. Es sind offene Titel, die seine Bilder individualisieren. Eine Nummer als Bildtitel oder „o.T.“ mochte Emil Schumacher nicht. Bilder waren für ihn Existenzen, Persönlichkeiten mit Ausstrahlung. Um seine Kunst zu beschreiben, hat er einmal gesagt: „Landschaften sind es nicht, aber wie könnte ich mich der Natur entziehen.“

Ist das Informel möglicherweise in diesem Bezug auf Natur heute noch von Bedeutung?

„Das ist eine schwierige Frage. Tatsache ist, dass das Informel ein Kapitel Kunstgeschichte von großer Wirkmacht ist, viel Nachfolgendes beeinflusst hat. Ohne die informelle Kunst wäre es nicht weiter gegangen. Und wir heutigen Betrachter können viel mitnehmen, weil es mitreißende Bilder von Emil Schumacher gibt, die nicht auf den ersten Blick deutbar sind, dennoch aber viel mit unserer Umwelt zu tun haben.“

Bei einem dicken Portemonnaie: Würden Sie einen Schumacher kaufen?

Gemälde Küchenherd von Emil Schumacher, 1950 (lacht) Ja, das kann ich mir absolut vorstellen. Die großen erdigen Schumachers gefallen mir am besten. Die haben etwas beeindruckend Archaisches. Ich fürchte aber, sie passen nicht in meine Wohnung. (lacht)

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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Teaserbild: Kuratorin Dr. Eva Müller-Remmert und Restaurator Michael Schubert begutachten eine Leihgabe. Foto: © Brüning & Schubert, Ratingen.

Bild 1: Emil Schumacher Museum, Hagen. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 / Foto: Ralf Cohen, Karlsruhe.

Bild 2: Foto: © Barbara Klemm.

Bild 3: Kunsthalle Recklinghausen. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 / Foto: Ralf Cohen, Karlsruhe.

 

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