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23. Oktober 2018 - von Claudia Posca

Nachgefragt

Gelsenkirchen

Wer war Anneliese Knorr? Eine Künstlerin? Eine Kunsthistoriker, die Journalismus, Kunstkritik und Ausstellungsmache konnte? Mit „Erinnerungen…“ und neun Positionen von Regina Albrecht, Hermann EsRichter und Peter Faßbender über Beate Hagemann, Heinz-Albrecht Heindrichs und Rainer Kleinschmidt bis hin zu Heribert Leppert, Roswitha Petry-Hammann und Werner Ryschawy im Rahmen der Ausstellungsreihe „Lebensläufe“ erinnert der Kunstverein Gelsenkirchen an die 2003 gestorbene Grande Dame des Gelsenkirchener Kunstgeschehens.

Geboren wurde Anneliese Knorr vor 100 Jahren, am 26. Juli 1918 in Saarbrücken. Aufgewachsen ist sie in Gelsenkirchen. Die gelernte Journalistin mit großem Feeling für die Bildende Kunst in ihrer Stadt, Ehrenvorsitzende des Kunstverein Gelsenkirchen, dem sie ab 1980 vorstand, erhielt 1993 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der BRD. „Sie prägte und förderte einen Kulturanspruch in der Stadt Gelsenkirchen, der weit in das Ruhrgebiet hineinwirkte“ hat es Günther Uecker 2004 rückblickend gesagt. Anlässlich ihres 100. Geburtstages sprach ich mit ihrem früheren Mitarbeiter und Nachfolger Reinhard Hellrung, Kunsthistoriker und bis zu seinem Ruhestand Leitungsmitglied im Vorstand des Kunstmuseums Gelsenkirchen, der 1989 die Kommunale Galerie von Anneliese Knorr übernahm. 

Herr Hellrung, Sie haben mit Anneliese Knorr zusammengearbeitet. An was erinnern Sie sich besonders?

„Es gab vieles, was Anneliese Knorr angeregt, bewegt und bewirkt hat. Vor allem war es hoch spannend ihr beim Erzählen zuzuhören. Sie war eine interessante, ausgesprochen fachkundige Persönlichkeit. Nach außen wirkte sie nicht auffallend, fast ein bisschen bieder, eine typische ältere Dame. Aber wie sie auf Kunst blickte, wie sie ihre Künstler verteidigte, wie sie sich für die Gelsenkirchener Künstlerschaft und die Kunstszene vor Ort einsetzte, das war grandios. Ihre Meinung über bzw. zur Kunst, war engagiert, kenntnisreich.“

Anneliese Knorr Eine „Mutter Courage“ der Gelsenkirchener Künstler?

„Ja. Genau. Es war ihre sehr persönliche Herangehensweise an Kunst, die sie auszeichnete. Für Anneliese Knorr war das immer eine menschenzugewandte Angelegenheit. Sie sah nicht nur die Kunst, sondern begriff Autor und Kunst als Einheit, sah die ganze Person. Sie beschränkte den Künstler/die Künstlerin nicht auf das bildnerische Tun. Natürlich hatte sie auch Lieblingskünstler, mochte einige mehr als andere. Aber das macht Anneliese Knorr umso menschlicher. Sie war sehr herzlich. Und: Sie hat sich zu hundert Prozent eingesetzt, hat keinen Termin gescheut, keine Mühe. Ihr Motto war: Dasein für die Kunstszene vor Ort. Dazu gehörten in ihren Augen genauso der Autodidakt von nebenan oder der so genannte Hobbykünstler. Was bei ihr zählte war die Freude am Gestalten, die jemand hatte, seine Haltung, das Engagement. Freundschaftlich, beinahe familiär ging sie mit vielen ´ihrer` Künstler um. Besonders typisch für Anneliese Knorr war es, unterschiedliche künstlerische Positionen, Stilrichtungen und Techniken in den von ihr kuratierten Ausstellungen zusammenzubringen. Sie suchte die fruchtbare Konfrontation verschiedener Künstlerpersönlichkeiten und auch Generationen. Die verbindende Klammer sah sie im lokalen Bezug.“

Wie haben Sie den Menschen Anneliese Knorr erlebt?

„In gewisser Weise war sie eine Koryphäe. Sie kannte sich bestens in der Gelsenkirchener Kunstszene aus, pflegte persönliche Kontakte zu vielen Künstlern und Künstlerinnen, war eine Spezialistin auf dem Gebiet der 1960er/70er Jahre. Und – (schmunzelt), sie hatte so ihre Eigenheiten. Das mittägliche Essen etwa um 12 Uhr. Da sie in der Nähe des Museums wohnte, ging ich des Öfteren um diese Uhrzeit zu ihr rüber, um zunächst gemeinsam zu speisen und danach anfallende Arbeiten bei ihr zu Hause zu erledigen. Bedeutete also: Nach dem Mittagessen haben wir Fotos rausgesucht, in ihrem wohlgeordneten Bücherchaos recherchiert. Überall standen Büchertürme auf dem Boden. An den Wänden hingen dicht an dicht Bilder. Zwei Katzen liefen herum, die liebte sie sehr. Mit Anneliese Knorr zusammen zu arbeiten war eine sehr persönliche Angelegenheit. Leben und Profession waren für sie eins. Spaß und Lachen gehörten dazu. Anlass waren ihre unzähligen Geschichten und Geschichtchen aus dem Nähkästchen. Auch das war Anneliese Knorr: eine durchaus humorvolle Person.“

Pflegte sie auch Kontakte zum kunsthistorischen Institut der Ruhr-Universität Bochum, das ja für sein Faible Gegenwartskunst bekannt ist?

„Nicht, dass ich das wüsste. Jedenfalls kam es nie zur Sprache. Ich glaube, sie lebte ganz in der Gelsenkirchener Welt, wo sie als Journalistin oft und gern kommentierte. Mit ihren „Mitteilungen des Kunstverein Gelsenkirchen“, was eine acht Seiten starke Blattsammlung im DIN-A4-Format ist und von 1985 bis 1995 regelmäßig erschien, wirkte sie im Kulturbereich durchaus auch politisch. Sie bezog in diesen Blättern Stellung, schrieb Kunstkritik. Dafür wurde sie geschätzt. Vor allem auch, weil sie integer war, keinen in die Pfanne gehauen hat, sich sehr gut auskannte, überall persönlich anwesend war, wenn es um Kunst in Gelsenkirchen ging. Sie kannte nahezu jeden und jede.“

Anneliese Knorr wäre dieses Jahr 100 geworden.

Könnte es eine zweite Anneliese Knorr in der heutigen Gelsenkirchener Kunstszene geben?

„Nein. Vielleicht ist zwar eine ähnliche Persönlichkeit vorstellbar, aber natürlich mit eigenem Profil, mit eigenen  besonderen Fähigkeiten. Charismatische Persönlichkeiten gibt es zu jeder Zeit. Aber eine zweite Blüte der in den 1960er Jahren boomenden Gelsenkirchener Kunstszene mit ZERO, dem Pianohaus Kohl und dem Halfmannshof wird es so nicht wieder geben. Das waren besondere historische Konstellationen, unwiederholbar.“

Für Sie war Anneliese Knorr eine charismatische Person?

„Ja. Wer sie kannte, würde das bestätigen. Selbst wenn sie von außen betrachtet nicht so wirkte. Sie hatte bei dem was und wie sie es für die Kunst und Kultur der Stadt Gelsenkirchen tat, eine Ausstrahlung, eine Wirkung.“

Wie wichtig ist Anneliese Knorr für Sie persönlich gewesen?

„Viele Türen hat sie geöffnet, hat mich für die Kunst der 1960er Jahre sensibilisiert. Sie hatte die Anekdoten, wie man so schön sagt, ein profundes Hintergrundwissen. Bei Günther Ueckers legendärer Klavierbenagelung im Pianohaus Kohl etwa war sie dabei, war dort die eigentliche Macherin, holte die damaligen Avantgardekünstler heran. Über den Bau des Musiktheaters wusste sie wunderbare Geschichten aus dem Nähkästchen zu erzählen. Auch über das Lebensgefühl der 1960/70erer Jahre. Ich habe viel von ihr erfahren und so manches gelernt.“

Wie würden Sie Anneliese Knorr in der regionalen Kunstgeschichte verorten?

„Anneliese Knorr war eine wichtige, ich würde fast sagen, eine der wichtigsten Persönlichkeit in der Kulturentwicklung der Stadt Gelsenkirchen im Bereich der Bildenden Kunst zwischen 1950 bis in die 1990er Jahre hinein. Auf diesem Sektor hat sie prägend gewirkt. Und: Sie hat diese aufregende Zeit durch ihre fachjournalistische Arbeit dokumentiert. Wenn man heute etwas über die 1960er/70er Jahre in Gelsenkirchen erfahren möchte, guckt man in den „Gelsenkirchener Blättern“ nach. Das ist eine historische Fundgrube, so etwas wie das kulturelle Gedächtnis der Stadt Gelsenkirchen. Bis 1984 erschien diese vom Stadtamt für Wirtschaftsförderung und Presse herausgegebene Zeitschrift 14-tägig. Anneliese Knorr hat dort regelmäßig über die örtliche Kunstszene berichtet. Als dieses Medium eingestellt wurde, trieb sie, die von 1980 bis 1983 1. Vorsitzende des Kunstvereins Gelsenkirchen gewesen ist, die Gründung eines neuen Forums für Kunstpublikationen voran. Es waren dies die „Mitteilungen des Kunstvereins Gelsenkirchen“, die zunächst monatlich erschienen, später quartalsmäßig. Ab 1985 verfasste sie für diese Info-Blätter zehn Jahre lang die meisten Texte zur Gelsenkirchener Kunstszene selbst, kümmerte sich ums Layout, besorgte Fotos. Nicht zu vergessen: ihre große Veröffentlichung mit rund 200 Seiten „Dokumentation Kunst der 60er Jahre in Gelsenkirchen“, die 1989 zum 20jährigen Bestehen des Kunstvereins Gelsenkirchen erschienen ist. Es ist diese Publikation gewesen, die mich mit Anneliese Knorr zusammen gebracht hat. Denn der Kunstverein Gelsenkirchen hatte für das große Ausstellungs- und Katalogprojekt eine AB-Stelle ausgeschrieben, die dann mit mir besetzt wurde. Und so lernte ich Anneliese Knorr kennen, übernahm später die von ihr mitbegründete und 15 Jahre geleitete Kommunale Galerie der Stadt Gelsenkirchen, die es heute leider nicht mehr gibt.“

Wenn Sie die Bedeutung Anneliese Knorrs in der Kunstgeschichte des Reviers kurz skizzieren müssten, wie würden Sie es tun?

Also: Wenn man das alles zusammenfassen möchte, was diese engagierte Frau für die Kunstszene Gelsenkirchens bewegt hat, muss man sagen, dass Anneliese Knorr bei vielen Künstlern am Beginn ihrer Karriere entscheidende Weichen gestellt hat. In der Kunstgeschichte des Reviers gebührt Anneliese Knorr zweifellos ein fester Platz. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Nachgefragt