gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

22. August 2018 - von Claudia Posca

Nachgefragt

Herne

Sie heißen „Schwirrer“, „Whuper“, „Quäker“, „Hopper“, „Wopper“, „Flatterbaum“ und „Klapperrappel“. Sie könnten Wesen vom anderen Stern sein. Aber sie tun genau das, was sie lautmalen: schwirren, sirren, klapperrappeln. So, als wär das das Normalste der Welt. Dabei ist ihr instrumentales Outfit so außergewöhnlich wie nur was: skulpturologische Klangmaschinen, die wundersame Konzerte quer zur Harmonik traditioneller Musik performen. Ihr Dirigent? Heißt Christof Schläger.

Der Mann wurde 1958 in Beuthen, Oberschlesien geboren. Vor einiger Zeit habe ich ihn in einer Ex-Maschinenhalle, - seinem Atelier -, auf der Ex-Zeche Teutoburgia in Herne besucht. Seit 1978 lässt er sich dort, aber auch im niederländischen Amstelveen und anderswo auf der Welt vom Timbre industrieller Klang-, Ton- und Hall-Kulissen inspirieren. Aber auch von Schiffshörnern, von indonesischer Gamelan-Musik, von der Neuen Musik eines Arvo Pärt. Philip Glass? Auch dessen Minimal-Music-Partituren findet Christof Schläger faszinierend. Weil? Weil „die repetitiven Strukturen zum Beispiel auch bei der industriellen Automation eine Rolle spielen.“ Und genau für sowas hat Christof Schläger sowas von Herz und Ohren, so dass Unerhörtes draus entsteht. Derzeit ist Christof Schläger mit seinem „Abbauhammer Konzert“ on tour an der Ruhr. 

Herr Schläger, Sie kommen aus einer Ingenieursfamilie, haben Verfahrenstechnik studiert, ein Jahr lang auf Zeche General Blumenthal in Recklinghausen in der Sparte Metallverarbeitung gelernt. Als Jugendlicher spielten Sie Klavier, heute performen Sie Abbauhammer Konzerte. Wie kam es zu dem Schlenker? War das Konservatorium keine Option?

„Nein. Nicht wirklich. (lacht) Als Jugendlicher habe ich das Klavier zerlegt, keine gute Empfehlung fürs Konservatorium. Ich wollte die Eindrücke aus der industrialisierten Welt, die mich damals schon fesselten, aufgreifen. Mit dem Klavier konnte ich mich nicht ausdrücken. Es zwang mich zu sehr in eine bestimmte ästhetische Richtung.“

Das klingt zwischen den Zeilen so, als wären die industriellen, die mechanischen Klänge für Sie ähnlich musikalisch wie die Klänge der klassischen Musik? Manch einer sagt allerdings über Ihre Abbauhammer Konzerte, dass sie eher Lärm denn Kompositionen seien.

„In meinen Ohren sind die Abbauhammer Kompositionen harmonisch. Sie sind rhythmisch strukturiert. Ich will sie aber auch gar nicht mit der Harmonik klassischer Instrumente vergleichen. Das ist eine andere Welt. Dennoch gibt es Schnittmengen. Auch mit den Drucklufthämmern arbeite ich in einer chromatischen Tonleiter. Was bedeutet, dass ich den Signalgeber ´Drucklufthammer` zu einem tonalen Instrument musikalisiere.“

Warum haben es Ihnen Industrieklänge so angetan?

„Unsere Welt ist extrem geräuschhaft, der Alltag ist von Geräuschen durchwirkt. Die Verbindung zwischen unserem alltäglichen Leben und dem Klang interessiert mich. Auch meine Kaffeemaschine kann inspirierend sein. Die macht oft sehr kuriose Geräusche. (lacht) Ich habe eine Kiste, in der finden sich rund 500 Klangideen versammelt. Einige dieser archivierten Klänge sind inzwischen verschwunden. Auch die der Zechen. Diese verschwundene Klangwelt wieder aufleben zu lassen ist eine Motivation meiner Arbeit.“

Wir sollen also dem Industrielärm zuhören? Ist das ihr Anliegen?

„Mit dem Anliegen im Sinne einer Message ist es eine schwierige Sache. Mein wirkliches Anliegen ist es, etwas Künstlerisches in die Welt zu bringen, aus etwas Alltäglichem einen schöpferischen Prozess zu machen. Ich habe kein Weltverbesserungskonzept. Mir geht es darum, etwas Neues erfahrbar zu machen. Klar aber ist auch, dass ich dafür sensibilisieren möchte, dass wir in einer geräuschhaften Welt leben. Wir haben schon lange einen modernen Geräuschkosmos.“

Bei dieser Technik-Klangbegeisterung, wie ist da ihr Verhältnis zur Natur?

„Der Begriff der Natur ist nicht einfach. Letztlich könnte ich sogar sagen, dass ich mit der Natur spiele. Und zwar mit der Natur physikalischer Klänge. Auch könnte man sagen, dass die technisierte Umwelt unsere neue Natur ist.“

Naja, - aber ich gehe zum Relaxen nicht in eine Maschinenhalle. Sie etwa?

„Das müsste ich mal überlegen.“ (lacht)

Was tun Sie denn, um zu entspannen?

„Ich setze mich vor meine Maschinenhalle und lausche den Vögeln. Ich habe da keinen Konflikt. Ich liebe Natur, finde sie faszinierend. Es ist kein Widerspruch auch in einer technisierten Welt zu leben.“

Dann ist nicht nur der Klang der Natur schön, sondern auch derjenige von Maschine, Technik, Industrie?

„Absolut. Schließlich kann auch des Nachbarn Hahn ziemlich nerven, wenn er zur Unzeit früh permanent kräht. Ja, ich finde in industrieller Klangwelt steckt Ästhetik. Was aber nicht heißt, dass ich Geräusche per se gut finde. Es gibt natürlich brutalen Lärm. Ein Presslufthammer vor meiner Haustür würde mich irrsinnig nerven. Trotzdem: Technische Geräusche gehören zum Leben. Das ist der Punkt. Als Künstler gestalte ich sie, bringe sie in eine neue Form, die ich stimmig und interessant finde.“  

Etwas genauer bitte.

„In meiner Arbeit ist die Kontrollierbarkeit der Geräuschapparate sehr wichtig. Das ist wesentlich. Es gibt viele Künstler, die schon vor mir mit Geräuschmaschinen gearbeitet haben. Jean Tinguely etwa. Das sind tolle Werke. Aber er hat nie den Anspruch gehabt, tatsächlich in die Geräuschklangatmosphäre einzusteigen. Für ihn ging es um das primäre Geräusch. Das macht Lärm. Aber unter kompositorischen Gesichtspunkten ist das nach kurzer Zeit durch. Deshalb ist die Steuerbarkeit mittels einer ´Partiturmaschine` ein wichtiger Teil meiner Instrumente. In meinem Notebook ist die Partitur gespeichert. Sie wird, wie bei jedem Musiker, im Atelier erarbeitet.“

Das klingt hoch komplex. Sie haben doch keine Musikerausbildung…

„… learning by doing. Suchen, ausprobieren, entwickeln… (lacht) 

… und dann kommen diese unvordenklichen, Industrie-konzertanten Skulpturen heraus?

„Also ich würde nicht sagen, dass das Bildnerische an erster Stelle steht. Trotzdem ist mir das Skulpturale wichtig. Die Form der einzelnen Instrumente, die Architektur der Gesamtinstallation ergibt sich aus der klanglichen Funktion. Oder aus dem Klang im Raum. Ob ein Ton eher am Boden, von unten, klingen soll, ist formal etwas komplett anderes als ein Klang, der über dem Publikum schwebt. Das bedeutet: Zur Realisierung eines schwebenden Klanges muss ich ein Instrument bauen, dass die Höhe erreicht. Entsprechend gilt: form follows function. Ich bewege mich also kreuz und quer auch durch bildnerische Felder.“

Für Ihr Abbauhammer Konzert arbeiten Sie mit Bergleuten zusammen?

„Ja. Frank Schwulst, Marc Grohmann und Tobias Hiller haben wunderbare Vorschläge eingebracht. Zum Beispiel machten sie mich auf den Klang eines Nagelhammers aufmerksam. Auch kam die Idee, ob man nicht das Geräusch eines vorbeifahrenden Gabelstaplers mit einbauen könnte. Plötzlich hatten alle Riesenohren. Diese Impulse habe ich aufgenommen und die Energie der Bergmänner in das Projekt hineingezogen.

War der Einbezug ´waschechter` Bergleute von Beginn an ein Thema?

„Nein. Gar nicht. Die Ruhrkohle AG wollte uns bei dem ungewöhnlichen Projekt ´Abbauhammer Konzert` unterstützen. Sie stellten eine Maschinenhalle zur Verfügung, wo das Instrumentarium gebaut werden konnte. Und da ich nicht alle Maschinen bedienen kann und darf, hat die Ruhrkohle AG darüber hinaus auch die drei Bergleute, die Mechaniker sind, frei gestellt, damit sie uns bei der Erfindung einer Klang-Kunst-Maschine unterstützen können. Es ist ein Luxus, den uns die RAG geschenkt hat.“

Basiert so ein Abbauhammer Konzert auf Improvisationen?

Die Basis ist eine festgelegte Komposition: acht Stücke mit je eigenem Namen, die komponiert sind. Aber es gibt die Möglichkeit an bestimmten Stellen live hinzu zu spielen. Zum Beispiel ist es möglich, den Schlagschrauber vom Keyboard aus zu aktivieren.“

Jedes Konzert klingt tatsächlich anders?

„Ja. Schon deswegen, weil die drei Bergleute je nach Stimmung ihre Maschinen bedienen. Sie bekommen zwar von meiner Frau Marjon Smit ihre Einsätze, aber wie genau sie die pneumatische Wasserpumpe bedienen, ist wiederum das Resultat des momentanen Zusammenspiels von Marjon und demjenigen, der die Wasserpumpe, den Schlagschrauber oder den Nagelhammer bedient.“

Was ist mit der Räumlichkeit? Spielt es eine Rolle, wo das Abbauhammer Konzert stattfindet?

„Ja. Schließlich handelt es sich um akustische Instrumente. Die Klangausdehnung hängt von der Raumdimension ab. Akustische Instrumente brauchen einen Konzertsaal. Oder eine Maschinenhalle. (lacht). Natürlich kann man ein Abbauhammer Konzert auch draußen aufführen. Auf Zollverein in Essen haben wir auf einer freien Fläche gespielt. Aber da muss man schon nah dran stehen, um alle Nuancen zu hören.“

Sie haben aber doch schon öfter, zum Beispiel 2010 am Rhein-Herne-Kanal, Konzerte gegeben?

„Die Draußen-Konzerte haben ein anderes Konzept. Ich liebe beides. Das Draußen-Konzert basiert auf den Schiffshörnern. Die können einen großen Raum bespielen, so ähnlich wie das auch Industrieanlagen tun. Dabei entsteht so etwas wie eine Klangwolke, die sich um eine Kokerei, ein Kraftwerk, um eine Zeche bildet. Die Lautstärke ist jedoch kein Wert an sich. Die Hörner sind vor allem deshalb interessant, weil sie mit ihrer Lautstärke Landschaft zum Klingen bringen. Das ist etwas komplett anderes als bei klassischen Akustikinstrumenten. Deren Sound draußen ist nur sehr mäßig präsent. Die Hörner aber benutzen Landschaft als Echo. Dadurch hört man Architektur, eine kleine Hügelkette, eine Baumsperre, einen Erdwall. Das alles reflektiert den Klang. Spannend.“ 

Herr Schläger, wie darf ich Sie nennen? Bildhauer? Musiker? Komponist? Performancekünstler? Klang-Skulpteur?

„Ich kann es nicht sagen. Es gibt keinen Begriff für das, was ich mache. Ich bin da, wo ich bin.“

Wieso eigentlich nicht auf der documenta?

(lacht) „Ich nehme das Kompliment gerne an. Aber die Wege der Kunstkuratoren sind unergründlich.“

Herzlich vielen Dank für das Gespräch.


Daten für die kommenden Abbauhammer Konzerte:

25. August, Abbauhammer Konzert im Rahmen von „Poesie im Park – Licht an 2018!“, KunstWaldPark Teutoburgia, Herne,  20.30 Uhr

26. August, Kunsthalle Recklinghausen, 12 Uhr

7. September,  Museum Küppersmühle (MKM), Innenhafen Duisburg, 17 Uhr

16. September, Kunstmuseum Bochum, 12 Uhr

Nachgefragt