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2. Mai 2018 - von Claudia Posca

Nachgefragt

Essen

Am 1. Juli ist es soweit. Dann wird der neue Folkwang-Museumschef Peter Gorschlüter, bis dahin stellvertretender Direktor des MMK Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main, nicht länger mehr zwischen den Städten pendeln. Für zunächst 8 Jahre tritt er die Nachfolge von Dr. Tobia Bezzola am Museum Folkwang in Essen an.

Das Ruhrgebiet empfängt den Kunstwissenschaftler mit offenen Armen: „Peter Gorschlüter kann eine beeindruckende kuratorische Expertise vorweisen. Mit Ausstellungsprojekten der klassischen Moderne hat er sich ebenso Ansehen erworben wie mit seinem Arbeitsschwerpunkt seit 2010, der zeitgenössischen Kunst. Er war in der Leitung namhafter Museen tätig und bringt Auslandserfahrung mit. Insgesamt ideale Voraussetzungen für einen Direktor des Museum Folkwang“ lobt Dr. Ulrich Bank, Vorsitzender des Folkwang Museumsvereins.

Ich freue mich sehr auf ein Gespräch mit jenem Museumsmann, der sich „gern von Künstler­­_innen überraschen und inspirieren“ lässt, eigentlich keinen Lieblingskünstler hat, aber Max Beckmann in der klassischen Moderne und „vielleicht Ed Atkins und Douglas Gordon“ in der Gegenwartskunst nennt, der gern schon mal Museumssammlungen in leer stehenden Abrissobjekten (2011) zeigt, oder auch Modedesign mit Kunst kreuzt, wie 2015 in der Ausstellung „Kostas Murkudis und die Sammlung des MMK“. Und der einem nicht zuletzt sympathisch offen begegnet.

Herr Gorschlüter, Sie wurden 1974 in Mainz geboren. Ihr Großvater ist Bergmann gewesen. Haben Sie eine besondere Beziehung zum Ruhrgebiet?

„Das kann man so direkt nicht sagen. Mein Großvater war zwar Bergmann, aber nicht im Ruhrgebiet, sondern in der nördlichen Eifel. Dort gab es den Braunkohle-Tageabbau, aber auch den Schachtbetrieb unter Tage. Mein Vater war Kulturdezernent. Da ich in den letzten Tagen im Rahmen der vielen Gespräche im Vorfeld meines Amtsantritts natürlich auch über meine Herkunft und Biografie befragt wurde, dachte ich mit einem Augenzwinkern: In der eigenen Familiengeschichte steckt auch ein Stück Strukturwandel. Und was in jedem Fall stimmt, ist: Die Familie kommt aus einfachen Verhältnissen und hat eine Affinität zur Kultur entwickelt. Insofern ist Kultur für mich keineswegs elitär. Mit dem Ruhrgebiet und seiner Geschichte habe ich mich schon 1999 beschäftigt. Damals war ich wegen der Internationalen Theater-Akademie Ruhr in Bochum. Einen Monat lang bin ich das Ruhrgebiet rauf und runter gereist, und,  - klar -,  habe ich auch Zechen besucht.“

Werden Sie mit Ihrer Familie von Frankfurt nach Essen umziehen?

„Ja, unbedingt. Die Wohnungssuche ist aber gar nicht so einfach. (lacht) 

Was sagt Ihre Familie zu den bevorstehenden Veränderungen?

„Wir sind ein eingeschworenes Team, unsere beiden Kinder haben so reagiert, wie man es sich besser nicht wünschen könnte: offen für Neues. Meine Frau ist beruflich nicht an einen Ort gebunden. Das erleichtert die Situation. Nach acht Jahren Frankfurt, wo wir uns sehr wohl gefühlt haben, ist es gut sich auf Veränderungen einzulassen. Das setzt neue Energien frei.“

Man hört viel Gewinnendes über Sie. Sie seien verbindlich, zugewandt, auf dem neuesten Stand der Kunstszene und -entwicklung. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an den neuen Folkwang-Chef. Wie gehen Sie mit Druck um?

„Natürlich ist Vieles jetzt noch neu. Ich muss das Haus kennenlernen, die Stadt und ihre Menschen, die Kooperationspartner. Da dringt eine Menge auf einen ein. Während des Findungsprozesses für die Direktorenstelle habe ich mich quasi jeden Tag mit Folkwang, Essen und der Metropole Ruhr beschäftigt. Bisweilen ist es wie ein Rausch gewesen. Dass es schließlich geklappt hat, freut mich riesig. Es ist eine große Aufgabe. Ich habe Respekt davor. Gleichzeitig ist das Museum Folkwang ein phantastisches Haus mit immensen Möglichkeiten. Also: Die Energie ist da!“ (lacht)

Das klingt gut. Sie haben angekündigt, die Karl Ernst Osthaus-Vision, Kunst und Leben als Einheit zu begreifen, verstärkt öffentlich profilieren zu wollen. Wie wollen Sie das vorantreiben?

Der historische Folkwang-Gedanke, wie ihn Karl Ernst Osthaus seinerzeit unglaublich avantgardistisch gedacht hat, besteht aus verschiedenen Aspekten. Erstens: die Einheit aus Kunst und Leben als Überbegriff, womit das Zusammenspiel unterschiedlicher Disziplinen von der Avantgardekunst über die Weltkunst bis hin zu Design und neuesten Medien gemeint ist. Zweitens beinhaltet der Folkwang-Impuls die Idee, dass das Museum ein Raum der Begegnung und des Austausches ist, offen für Menschen jeglicher Prägung und Gesellschaftsschichten. Es ist mir sehr wichtig, Programme zu kreieren, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Und drittens, ist damit die Überzeugung verknüpft, dass Kunst soziales Leben gestalten kann. Was Karl Ernst Osthaus vor mehr als 120 Jahren vorschwebte, klingt wie aus einem modernen Think-Tank. Ich finde es spannend, diese damals entwickelten Ideen heute unter veränderten Vorzeichen zu aktualisieren und auf ihre Bedeutung in einer globalisierten Welt zu befragen.“

Naja, das ist im Revier und für die RuhrKunstMuseen keine so neue Vision. Das ´Museum für alle` ist fast schon so etwas wie ein geflügeltes Wort.

„Ich sage nicht, dass das in Teilen nicht schon realisiert wäre. Aber ich glaube, es gibt noch Spiel nach oben. Dass wir noch offener und transparenter operieren können, vielleicht verstärkter noch in die Stadt hinein wirken können, ist dabei mein Anliegen.

Da bietet sich eine Zusammenarbeit mit den Urbanen Künsten Ruhr an.

„Ja, da bin ich schon im Gespräch. Wir werden kooperieren.“

Verraten Sie Details?

„Das ist noch zu früh. Zusammen mit der neuen künstlerischen Leiterin der Urbanen Künste Ruhr, Britta Peters, möchte ich mich erst noch genauer abstimmen. Auch die Kooperation mit der Ruhrtriennale möchte ich fortsetzen. Es liegt mir am Herzen auf viele Partner zuzugehen. Im Ruhrgebiet gibt es so viele interessante institutionen, die alle ihre Besonderheit und Expertise haben. Das Museum sehe ich als Ort, wo diese Stränge zusammenlaufen, aufeinandertreffen und es einen produktiven Austausch gibt.“

Mehr Austausch, mehr Vernetzung, mehr Profilierung. Liegt Ihr Schwerpunkt bei den performativen Künsten, bei Bewegtbildern?

„Das wird sicher eine Rolle spielen. Insgesamt aber geht es mir stärker darum, das Museum Folkwang, - und ich benutze jetzt einmal eine Metapher -, als Orchester zu begreifen. Die Idee ist, dass wir als Museum – alle Abteilungen, alle Sammlungsbereiche – zusammenspielen. Wie kann das gehen? Etwa, indem wir verstärkt medien- und epochenübergreifende Ausstellungen entwickeln, die mit Themenschwerpunkten arbeiten. Es gilt danach zu fragen, welche Inhalte heute relevant sind, und wie man mit diesen Themen im Kopf wiederum auf ältere Kunst schauen kann. Konkret interessiert mich das Verhältnis von Utopie und Dystopie: Was waren die Zukunftsvisionen des 19., des 20. Jahrhunderts, welche sind es heute? Mich beschäftigt, was vielleicht unter dem Stichwort einer ´Ästhetik der Großstadt` versammelt werden könnte. Die Großstadt verändert sich. Gestern wurde noch von schrumpfenden Städten gesprochen, heute reden wir von Landflucht. Wie Künstler_innen in den unterschiedlichen Epochen, in den unterschiedlichen Medien darauf reagiert haben und reagieren, ist hochspannend.“

Blockbuster-Ausstellungen müssen also nicht sein?

„Natürlich möchte ich publikumswirksame Ausstellungen machen. Ich freue mich über jeden Besucher! Und auch über gute Besucherzahlen. Das Museum soll ja ein lebendiger Ort sein. Da ziehe ich überhaupt nicht in Zweifel, dass wir auch Ausstellungen zur klassischen Moderne oder zum 19. Jahrhundert machen werden. Aber ich begreife das Museum nicht als einen Ort, der alle Ressourcen auf ein großes Event fokussiert. Das ist für mich ein überholtes Modell. Museen heute sind mehr als nur Häuser für populäre Ausstellungen.“

Wird es den freien Eintritt weiterhin geben?

„Bis 2020 ist das durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung gesichert. Mir ist viel daran gelegen, dass es auch danach zu einer Lösung kommt. Der freie Eintritt ist ein Vehikel für erleichterte Erst- und Mehrfachbesuche. Wodurch das Museum wiederum eine lebendige Anlaufstätte wird.“

Sie haben an anderer Stelle von der „posthumanen Situation auf die wir zusteuern“ gesprochen. Kann Kunst, das Museum dagegen steuern?

„Ich glaube nicht, dass Kunst eine Entwicklung aufhält. Aber: Wir werden nicht glücklich, wenn wir uns dieser Entwicklung hingeben. Es entsteht doch gerade in Kontexten, in denen der Mensch sich ohnmächtig fühlt, in denen er von Strukturen überrollt wird, der Wunsch nach Selbstbestimmung und Verortung. Ich bin überzeugt, dass das Museum ein zutiefst humanistischer Ort ist, wo es um den Menschen geht. Das wird vielleicht sogar noch bedeutender, je mehr sich andere gesellschaftliche, technologische Entwicklungen vom Menschen wegbewegen. Wir haben da eine Verantwortung.“ 

Das Museum als philosophische Oase, als angstfreie Zone?

„Ich will nicht behaupten, dass das Museum der Schutzbunker des Menschen vor allen grausamen Entwicklungen in der Welt ist. Aber das Museum ist im besten und positiven Sinne ein Ort der Besinnung.“

Danke herzlich für das Gespräch.

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Titelbild: © Museum Folkwang
Bild 1: © Museum Folkwang 2017 Foto: Giorgio Pastore
Bild 2: © Museum Folkwang
Bild 3: © Museum Folkwang 2017 Foto: Giorgio Pastore

 

 

 

 

 

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