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17. April 2018 - von Claudia Posca

Nachgefragt

Essen

Mir waren sie aufgefallen, - diese seltsam-schönen Landschaftsbilder zwischen Stille und Aufruhr der Malerin Evelina Velkaité, die ich kennen lernen wollte. Dass sie „die Unmittelbarkeit, das Offene und Direkte schätzt“, weshalb ihr die „Mentalität des Ruhrgebiets nahe ist“, machte mich außerdem neugierig.

Und wann hatte ich je schon mal in einem Atelier über „Sessel im Museum“ gesprochen? Das Verweilen, das Gucken findet Evelina Velkaité wichtig.

Gerade hat sie ihre Bilder nach dem Ende der Ausstellung „Möglichkeiten von Malerei“ aus dem Märkischen Museum Witten abgeholt, vergangenes Wochenende eine brandaktuelle Schau mit 40 Bildern in Siegen eröffnet. Und wer neulich den gläsernen Ausstellungspavillon der VHS in Essens City besucht hat, sah „landschaftliche Imaginationen“ von der 1982 in der drittgrößten Stadt Litauens (Klaipeda) geborenen Künstlerin, die seit 18 Jahren in Deutschland und auf der Essener Margarethenhöhe lebt.

Kurz im Märkischen Museum Witten miteinander gesprochen, habe ich mich mit Evelina Velkaité im Kunsthaus Haven in Oberhausen verabredet, wo sie arbeitet. Noch im Treppenhaus kommt mir ein kleiner weißer Hund entgegen.

„Wir kommen gerade vom Spaziergang zurück.“

Später erzählt mir Evelina Velkaité von ihrem Traum, ein Museum für zeitgenössische Kunst auf dem Land in Litauen zu gründen. „Irgendwann, mit Residenz- und Austauschprogrammen. Und mit Lagerfeuern draußen.“ Eine traumhafte Vision. Wir duzen uns.

Studiert hat Evelina Velkaité an der Folkwang Universität der Künste und an der Freien Akademie der Künste Essen (fadbk). Das, was sie auch schon mal als „gefühlte Landschaften“ bezeichnet, hat mit Romantik bedingt nur, aber viel mit Radikalität zu tun.

Kurz und knapp: Wie arbeitest Du?

„Das ist schwierig – kurz und knapp: Bei den kleinen Arbeiten arbeite ich seriell. Ich arbeite in Öl.“

Wovon gehst Du aus? Die Landschaft ist Dein großes Thema?

„Ja, das stimmt. Aber noch mehr ist es die Weite, die über der Landschaft steht. Sie treibt es voran, dass die Landschaft immer abstrakter wird.“

Der leere Raum als Möglichkeit?

Ja, die Leere steht immer im Kontrast zum Etwas. Das steigert sich gegenseitig in der Präsenz. Auf der Leinwand gibt es Stellen, wo viel los ist. Diese Stellen sind ein Gegenpol zum Nichts: Fülle und Leere.“

Interessiert Dich die Spannung zwischen Landschaft und Urbanität?

„Dazu gibt es mehrere Arbeiten. In denen habe ich den Versuch unternommen zwei Themen miteinander zu verbinden.“

Was würdest Du sagen: Bist Du ein Stadt- oder Landmensch?

„Ich mag die Architektur. Sie ist gebaut, konstruiert. Die Oberflächen sind speziell. Die Bilder dazu dauern länger als die Landschaften, die direkt passieren. In der letzten Zeit stehen die Landschaften stärker im Mittelpunkt. Aber ich kann nicht sagen, wie es weitergeht, in welche Richtung. Ich habe nur eine Ahnung. Von Bild zu Bild bekomme ich immer mehr einen Hauch davon, was ich meine.“

Entstehen Deine Bilder beim Arbeiten. Oder setzt Du eine vorab existierende Idee ins Bild?

„Am Anfang kann man eine ganze Welt auf die leere Leinwand bringen. Erst im Arbeitsprozess reduziert sich das. Bis es am Ende nur noch eine Weise, eine Möglichkeit gibt, das Bild zu vollenden.“

Das erstaunt. Die Motivik Deiner Bilder wirkt eher reduziert. Du malst die Leinwand tatsächlich voll?

„Ja. Alles wird radikal übermalt.“

Trotzdem ist Deine Malerei nicht pastos. 

„Nicht das Material an sich interessiert mich, sondern, was damit passiert. Die beste Voraussetzung, eine Arbeit zu machen, ist: nicht zu wissen, was ich mache. Ich muss mir erst den inneren Raum verschaffen, damit ich sehen kann und nicht hinein denke. Ich gucke, was ist. Und ich versuche, mit dem zu arbeiten, was auf der Leinwand ist. Oft überrascht mich das. Es ist, als würde ich beschenkt.“

Das Licht spielt in Deinen Bildern eine große Rolle.

„Stimmt. Meine Bilder wirken luftig. Leicht. Mein Hellblau müsste ich mir patentieren lassen. (lacht) Aber die Leichtigkeit in den Architekturbildern ist nicht nur leicht. Die Bilder nehmen Bezug auf konkrete Vorlagen aus Zeitschriften, wo Flugzeugtrümmer und Erdbebenkatastrophen abgebildet sind. Die Ästhetik, die von den versprengten Teilen in der Landschaft ausgeht, inspiriert mich, diese Ästhetik ins Bild zu übertragen. In der Welt passieren viele Dinge gleichzeitig. Auch die Katastrophe wird von der Sonne beschienen. Das Schöne und das Leid existieren gleichzeitig. Ich treibe meine Bilder so weit, dass sie nicht schön, sondern ausgewogen, radikal gemacht sind, ohne, dass ich mich in eine Stelle verliebt habe. Alles Schöne muss zerstört werden durch Widerspruch.“

An der Welt vorbei gucken Deine Bilder also nicht. Obwohl sie schön und leicht aussehen.

„Ich greife viel auch auf selbstgemachte, analoge Fotografien zur Inspiration zurück. Das Schwarz-Weiß spielt eine große Rolle, das Hell-Dunkel.“

Was bedeutet Dir die Malerei?

„Das hat etwas mit Hoffnung zu tun. Ich bin froh, dass ich die Malerei habe. Denn schaue ich mir die Welt an, ist vieles schrecklich. Aber die Malerei ist ein schöpferischer Akt, ein Potential, etwas noch nie Dagewesenes zu erschaffen. Damit kann man sich selbst überraschen, um dann immer weiter malen zu können. Ein Bild inspiriert mich für das nächste. Es ist wie ein Sog.“

Für Dein Leben ist Malerei unumgänglich?

„Ich mache seit sieben, acht Jahren Meditation. Das ist eine Suche nach einem Ort, um in den Augenblick zu kommen, um im Hier und Jetzt zu sein. Die Malerei fordert mich heraus, hier und jetzt zu sein. Wenn ich male, muss ich permanent auf der Hut sein, was auf der Leinwand passiert. Der Tag dauert dabei gefühlt eine Woche lang, weil ich jede Minute dieser Malphasen auskoste. In der Malerei ist alles direkt, hier, sofort. Ist man nicht anwesend, ist alles versaut.“

Was ist Dir wichtig, was andere über Deine Kunst wissen sollten?

„Mir geht es darum, dazu einzuladen, hinter die schöne Oberfläche zu gucken. Da verbergen sich verschiedenste Dinge. Es gibt eine Tiefe, in die hinein man abtauchen kann, die Fragen provoziert.

Solche wie: schön? Nicht schön? Ying und Yang?

„Ja genau. Ja, sehr schön. 

Hast Du keine Sorge, dass die Malerei für obsolet erklärt wird? Zumal derzeit performative und digitale Künste boomen?

„Ich bin keine Sozialarbeiterin. Mir geht es um Malerei. Ich sehe mich nicht in einer vermittelnden Position. Ich muss ´mein Ding` machen. Wenn ich Glück habe, ist das ´in`. Aber ich muss tun, was ich tun muss: Landschaft malen, auch, wenn das ein altes Thema ist.“

Hast Du keine Existenzängste?

„Bisher habe ich immer gemalt. Es kommt und geht. Manchmal gibt es eine Fülle, dann wieder eine Durststrecke. Das ist nicht leicht. Es braucht Vertrauen und Zuversicht. Aber ich mache, was ich machen muss. Ich finde, es ist die Aufgabe des Menschen, eigene Dinge zu tun. Es gibt ein Bibelzitat –, religiös aber bin ich nicht! Wo ein Kind da ist, ist ein Brot da.“

Keine Bedenken zu scheitern?

Man muss beim Malen eine Bereitschaft in sich tragen auch das Schöne zu zerstören, um sich zu Gunsten des großen Ganzen nicht in Details zu verlieren. Man muss auf das Wesentliche kommen, - immer wieder. Wenn ich mich durch zu viel Management verliere, wächst die Angst ins Atelier zu gehen, mein Vertrauen wird geringer, -dieses kindliche Vertrauen: Alles wird gut. Da hilft der Anker in der Meditation sehr: Was ist das Wesentliche für mich?“

Der Satz hallt nach. Danke für das Gespräch.


Hier finden Sie die Künstlerseite der Malerin Evelina Velkaité.

Nachgefragt