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24. Juli 2019 - von Claudia Posca

Nachgefragt

Duisburg

„Dat hat wat“ würde Tante Karrasch vom Büdchen ums Eck übers Revier gesagt haben. So, wie es viele hier tun, die zwischen Strukturwandel und Kulturtraum leben. Und die im Blick auf den Pott hochhalten, dass das Glas halb voll statt halb leer ist, weil sich schließlich immens viel bewegt an Emscher und Ruhr.

Das Himmel-Blau über der Ruhr etwa. Oder etwa nicht? Der Ruhr-Radwanderweg, die dichte Museumslandschaft, das reiche Industriekultur-Erbe, steigende Tourismuszahlen.

Kaum verwunderlich, dass da auch die Kunst das Revier nicht lassen kann. Und während im Wissenschaftspark Gelsenkirchen die famose Foto-Schau mit Neuaufnahmen des Pixelprojektes Ruhrgebiet läuft (bis 28.Sept., www.pixelprojekt-ruhrgebiet.de), das Fotoserien über das Revier sammelt, – inzwischen sind es über 500 von über 300 Fotografen mit fast 10.000 Aufnahmen -, hat sich das Duisburger Museum Küppersmühle für Moderne Kunst (www.museum-kueppersmuehle.de) an einen Musiker gewagt, der im Auftrag der Essener Brost-Stiftung ein Jahr unterwegs auf Shooting-Tour durchs Revier war: Till Brönner (48), Deutschlands Jazz-Musiker Nr. 1. Bis zum 6. Oktober sind seine Lichtbilder von Mann und Maus aus dem Pott zu sehen. „Kommenserein“. Der fotografierte Schriftzug auf einer Brücke wirkt wörtlich. Für viele wird Brönners Fotoparcours ein Walk-me-Home sein. Aber natürlich ist man auch neugierig, wie ein Musiker durch die Kamera guckt. Ob die Fotos rocken? Pardon, jazzen? Ob sie die Frage aufwerfen: How real is real?

Als die Anfrage zur Ruhr-Tour vor 11/2 Jahren kam, sei er „völlig woanders gewesen“, „nämlich in Kalifornien, wegen der Musik, aber auch wegen der Fotografie“, verriet Till Brönner auf WDR 5. Schließlich zählt Ablichten seit einem Jahrzehnt zur Leidenschaft des in Viersen am Niederrhein geborenen Star-Musikers. Mit 9 erhielt er seine erste Trompete. Aber wann er zum ersten Mal eine Kamera in die Finger bekam, hab` ich glatt vergessen zu fragen. Nur so viel ist klar: Der Multitasking-Mann – Trompeter, Flügelhornist, Sänger, Komponist, Arrangeur, Vater eines Sohnes und Professor an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden – arbeitet mit einer Leica. 2014 kam sein erstes Fotobuch „Faces of Talents“ auf den Markt. Es half Till Brönner als Fotografen, neben anderen Prominenten, wie den Musiker Lenny Kravitz oder den Kabarettisten Dieter Nuhr, in der zeitgenössischen Fotoszene zu positionieren. Jetzt gibt es begleitend zur Duisburger Schau einen zweiten Bildband zum Preis von 35 Euro (an der Museumskasse) fürs Ausstellungs-Danach. Auf dass man noch einmal nachblättern kann, was der mehrmalige Echo-Preisträger aktuell im MKM auf 185 Fotos – „das eine Ruhrgebiet, das gibt es eigentlich nicht“ – als Liebeserklärung oder auch nicht aus dem Treibhaus Revier ins Lichtbild holt: typische Straßenzüge und Landschaften, hübsche und hässliche Winkel, Halden und Bergleute, Promis und Fußballer, DLRG- Helfer am Baldeneysee und breit aufgestellten Strukturwandel, Büdchen ums Eck und Menschen vonne Ruhr. Pommes und Schranke sind auch dabei. Das werden die einen Klischees, die anderen „so isses“ nennen. Fakt ist: Irgendwo dazwischen liegt Till Brönners Faszination Ruhrgebiet. Es ist ein weitläufiges Terrain. Weshalb der Musiker-Fotograf auch zum Läufer mutierte: „Gute Motive muss man sich erlaufen.“ Ich befragte ihn zum Groove seiner Fotografie und wie das Revier rüber kommt für einen, der in Berlin und Los Angeles seine Zelte aufgeschlagen hat.

 

Herr Brönner, wie überhaupt kamen Sie vor 10 Jahren zur Fotografie?

Durch Jazz. Er ist von den Fotos aus der damaligen Zeit inhaltlich nicht zu trennen. Als ich die Musik zu einem Film über den Fotografen William Claxton schrieb, wurde mir das plötzlich klar.

 

Was fasziniert Sie am Fotografieren?

Dass man vermeintlich bekannte Dinge von einer Seite beleuchten kann, die einigen Menschen neu ist.

 

Warum Fotografie? Warum nicht Malerei? Oder Film/Video?

Fotografie bildet Gesehenes ab. Inszenierungen mit eingeschlossen. Wahrscheinlich mag ich Realität, auch die subjektive oder abstrakte. Dort beginnt Kunst für mich.

 

Ist „Melting Pott“ eine Auftragsarbeit?

Ja. Die Essener Brost-Stiftung trat an mich heran.

 

Warum haben Sie das neugeborene Baby Theresa in der Essener Uni-Klinik fotografiert? (laut NRZ vom 11.5.2019) Sind Sie Vater geworden?

Nein. Die dortige Frühchen-Station ist beispiellos in der Region. Man musste dennoch mit der Politik über die finanzielle Ausstattung streiten, hörte ich. Das Vertrauen in meinen Besuch hat mich sehr geehrt.

 

Seit 10 Jahren fotografieren Sie. Warum jetzt das Ruhrgebiet? Warum überhaupt das Revier?

So lautete der Auftrag und ich musste mir überlegen, ob ich darauf Lust habe. Ein Jahre später sprechen die Fakten eine deutliche Sprache. Es war eine extrem interessante Reise für mich, die im Museum Küppersmühle für Moderne Kunst in Duisburg endete.

 

Was bedeutet Ihnen der Melting Pott?

Ich habe fotografiert, was mir begegnet ist. Dabei musste ich streckenweise versuchen neutral zu sein. Dennoch steht mein Name über der Ausstellung, die Sicht aufs Ruhrgebiet ist also auch eine persönliche Momentaufnahme.

 

Hattingen hat Ihnen gut gefallen. (laut NRZ, 11.5.2019) Würden Sie dort hinziehen wollen, bei besten Konditionen?

Schöne Gegend dort, wirklich!

 

Was ist Ihnen als Nicht-Ruhri beim Cruisen durchs Revier besonders  ins Auge gesprungen?

Die Mentalität der Menschen. Konkret, direkt, auf dem Boden. Das findet man nicht überall in Deutschland.

 

Wie fühlt sich die Suche nach dem perfekten Foto an?

Schlecht, denn das lähmt immer. Man entscheidet immer später, welches Foto das Zeug zum gerahmten Bild hat, erst recht bei einer Art Reportage.

 

Worauf achten Sie beim Fotografieren?

Auf mich selbst und meine Wahrnehmungsfähigkeit. Habe ich die letzte Häuserecke nicht etwas unterschätzt? Hätte ich den Busfahrer nicht noch um 2-3 Fotos mehr bitten sollen? Solche Dinge sind genauso präsent wie das Wohlbefinden eines Portraitierten.

 

Haben Sie dokumentarische, psychologisch-analytische Absichten beim Ablichten?

Im Idealfalle ja. Ausgewertet wird jedoch immer hinterher.

 

Was sind Lieblingsmotive? Menschen? Landschaften? Urbanität?

Menschen liegen mir schon sehr. Doch das Spektrum ist in diesem Falle größer gestrickt gewesen. Immerhin reden wir von einer 18 Millionen-Menschen-Region.

 

Können sie auch kleinformatige Fotografie?  

Es sollte um den Inhalt gehen, oder?

 

Kommt in Ihrer Fotografie auch so etwas wie Improvisation vor?

In meinen Augen immer, vor allem bei Straßenfotografie oder Portrait-Sessions. Plan B in der Tasche, das ist nichts, was ich fürchte.

 

Vor welchen Größen der Foto-Geschichte verneigen Sie sich?

Vor allen, die zu Größen geworden sind. Langlebigkeit ist immer ein untrügliches Zeichen für Substanz fernab von Trends und Moden. Das verdient Respekt.

 

Warum zeigen Sie so viele S/W-Fotografien in der Duisburger Küppersmühle?

Die Ausstellung ist gut durchmischt.

 

Fotografieren Sie fürs private Fotoalbum anders als fürs Museum?

Ich hoffe man erkennt eine Handschrift in beidem. So richtig ist das nie zu trennen.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!


Bildrechte:

Titelbild: Till Brönner, Museum der Zeche Zollverein, Essen, 2018, © Till Brönner, courtesy Brost-Stiftung.

Bild 1: Till Brönner, Dortmund, 2018, © Till Brönner, courtesy Brost-Stiftung.

Bild 2: Till Brönner, Atze Schröder, 2019, © Till Brönner, courtesy Brost-Stiftung.

Bild 3: Till Brönner, Mario Götze, Dortmund, 2018, © Till Brönner, courtesy Brost-Stiftung.

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