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19. März 2019 - von Claudia Posca

Nachgefragt

Hattingen

Wenn heute etwas stimmt, dann dieses: Tschüss Festlegung fürs Leben, Welcome Selbsterfindung in Permanenz. „Liquid modernity“ – Flüchtige Moderne nennt diesen, so gar nicht lügnerischen Schwindel in schwindelerregender Gesellschaft der Soziologe Zygmunt Baumann (1925-2017).

Mit Horst Keining, der 1949 in Hattingen a. d. Ruhr geboren wurde, heute in Düsseldorf lebt, sprach ich anlässlich seiner noch bis 24. März zu sehenden Jubiläumsausstellung zum 70sten im Stadtmuseum Hattingen über seine Malerei einer verflüssigten Welt, in der das letzte Wort das Bild hat.

Herr Keining, Sie haben sich mal als Post-Pop-Art-Künstler bezeichnet. Warum?

„Also, dass meine Malerei mit ihren Versatzstücken aus der Werbung, aus der Mode und aus dem sonstigen Alltag eine gewisse Affinität zur Motivik der Pop-Art hat, ist unschwer zu erkennen. Und an Andy Warhol kommt man nicht vorbei.“

Dann lassen Sie sich von den Impressionen des Alltags inspirieren, sammeln gewissermaßen Leben ein?

„Ja. Das stimmt. Rechts und links des Weges gibt es immer etwas zu entdecken. Man muss nicht hinterher laufen und suchen. Eigentlich gibt es sogar viel zu viel. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel, wie der Zufall des Alltags wirkt: Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ habe ich gelesen. Sogar ein zweites Mal, Und dachte, dass ich damit jetzt durch sei. Dann entdeckte ich in einer Düsseldorfer Buchhandlung das Hörbuch zum Proust-Opus. Mittlerweile habe ich auch das Hörbuch schon zwei Mal gehört.“

Was? Das müssen doch unglaublich viele Stunden sein?

(lacht) „Ja, es sind unbeschreiblich viele. Es sind, glaube ich, 14 CDs mit bis zu 10 Stunden. Ich habe sie meist im Bett gehört. Das ist das, was ich als Kind nie hatte: etwas vorgelesen bekommen.“

Liege ich falsch, wenn ich so einige Bilder, vor allem die kleineren Formate, weniger Pop-artig, eher poetisch finde?

(überlegt) „Hmm. Poesie heute ist schwer. Vielleicht meinen Sie eine bestimmte Schwingung?“

Ich empfand die Verflüssigung in Ihrer Malerei, also die Auflösung von logischen Zusammenhängen, und zwar trotz konstruierter Komposition bzw. trotz der Collagierung der Motive, als eine Art von Poesie. Weil es um Grenzaufhebung und um die Lockerung von Fixierung geht.

„Ja, tatsächlich löst meine Malerei auf. Auch die Farbe, mit der ich arbeite, die ja in Wasser aufgelöstes Pigment ist, löst auf. Ich sprühe sie auf und erreiche darüber eine Aufhebung von Konturlinien. Wodurch wiederum Grenzen verschwinden. Was bewirkt, dass sich bei Annäherung an meine Bilder der Effekt einstellt, dass sie unscharf wirken. Was eine unübliche Phänomenalität ist, insofern ich die Alltagserfahrung des Betrachters in Frage stelle. Möglicherweise kann das eine Reflexion über die Wahrnehmung unserer Welt anstoßen…“

… um etwas aus einem anderen Blickwinkel heraus zu betrachten?

„Ich sehe das als ein Angebot etwas Neues für sich heraus zu finden.“

Impressionen aus der Horst Keining Ausstellung  im Stadtmuseum Hattingen, 2019 Stichwort Neuheit: Ihre motivkombinierende Malerei, die Unterschiedlichstes zusammenfügt, scheint symptomatisch fürs digitale Zeitalter. Könnten Sie sich vorstellen digital zu arbeiten?

„Das habe ich mich oft schon selbst gefragt. Ich glaube aber, ich könnte es nicht. Dazu hätte ich später auf die Welt kommen müssen. Meine Kunst am Rechner produzieren? Eher nicht. Ich brauche es, etwas in die Hand nehmen zu können, damit strukturieren zu können. Und: Ich sehe Bilder gern an der Wand. Sie haben eine andere Ausstrahlung als digitale Bildkunst. Ich empfinde sie als ruhiger, flächiger, haptisch-präsenter.“

Das sind ausgesprochen sinnliche Kriterien. Tatsächlich aber gehen Sie eher konzeptuell ans Werk?

„Das ist ein langer Weg. Begonnen habe ich damit, segmentierte Barockmotive zu akkumulieren. Dabei interessierte mich, wie viel bzw. wie wenig einer Figur man zeigen muss, damit diese erkennbar wird. Eine Erkenntnis etwa war, dass es beim Antlitz sehr wenig braucht und schon ploppt das Gesicht auf. Unser Gehirn ist auf Wiedererkennung programmiert. Auch mit architektonischen Formen habe ich so gearbeitet. Mit der Zeit haben sich diese Motive dermaßen simplifiziert, dass sie aussahen wie Grundrisse. Von da aus war der Schritt nicht mehr weit, diese Strukturen zu systematisieren. So gesehen war es eine Reduktion hin zur Abstraktion. Dann begann ich eine All-Over-Struktur über die Fläche zu setzen. Das Konkrete kam mit den Streifen-Bildern, wo mich das Verhältnis zwischen Vorder- und Hintergrund, das Helle und das Dunkle interessierten.“

Und schließlich entstand die Werkgruppe der Farbtafeln?

„Ja. 2001 habe ich die „Lukas“-Tafeln in Gladbeck ausgestellt. Damals war die Farbmalerei en vogue. Mich hat die Diskussion sehr interessiert. Gleichzeitig aber fand ich, dass es genug wirklich gute Farb-Maler gab, so dass ich mich nicht auch noch hätte dazu gesellen müssen. Also: Die kleinen Farbtafeln waren in gewisser Weise ein ironischer Seitenhieb auf die Farbmalerei. Um zu zeigen, dass es keine Riesenformate braucht, um die Wirkung von Farbe zu veranschaulichen. Gleichzeitig habe ich mit den profanen Farbbezeichnungen der Täfelchen an der Idealisierung, an der Überhöhung der Farbe gekratzt.“ Impressionen aus der Horst Keining Ausstellung  im Stadtmuseum Hattingen, 2019

Ist Ironisierung ein bewusst eingesetztes Mittel ihrer Kunst?

„Das ergab sich beiläufig.“

Sind Sie ein humorvoller Mensch?

„Tatsächlich wird mir das des Öfteren attestiert.“

Auch der Hattinger Ausstellungstitel „Scoop“, der ja in der Medienbranche eine Sensationsmeldung bedeutet, ist nicht ganz ernst gemeint?

„Stimmt. Ich habe ihn mit einem Augenzwinkern gewählt. Natürlich meine ich nicht, dass meine Ausstellung eine Sensationsmeldung transportiert  bzw. eine ist.“

Im Überblick betrachtet, scheinen Sie ihre Kunst immer wieder neu zu erfinden. Mit Verlaub: Sind Sie ein Chamäleon?

„Ja. Ja. Das stimmt (lacht) Das habe ich sogar selbst schon einmal gesagt.“

Sie sehen darin keinen Stachel?

„Nein. Ich sehe den Wandel als ein Potential. Denn stellt man Wandel und Nicht-Wandel einander gegenüber, erscheint doch der Wandel als das Vitalere. Nicht-Wandel ist statisch. Aber das Leben braucht beides. In meiner Kunst gibt es beide Seiten.“

Wie muss ich mir die Bildwerdung vorstellen, in der Sie beispielsweise Ornament auf Werbung auf Typographie treffen lassen?

„Ich arbeite mit einem Overhead-Projektor und Folien. Auf denen sind zuvor von mir fotografierte Motive – Details aus Zeitungsanzeigen, Werbeplakaten, Modezeitschriften etc. - aufgedruckt. Inzwischen habe ich eine Sammlung von 400/500 Folien. Das ist mein Fundus aus dem heraus ich meine Malerei entwickle.“

Impressionen aus der Horst Keining Ausstellung  im Stadtmuseum Hattingen, 2019 Ausgewählte Motive aus diesem Fundus projizieren Sie dann auf die Leinwand?

„Ja. Mit dem Overhead-Projektor. Und dann arbeite ich direkt in die Projektion rein, sprühe das Motiv auf. Früher habe ich zunächst rein gezeichnet. Heute mache ich das nicht mehr. Um zu vermeiden, dass man die Vorzeichnungslinie sieht. Das stört mich. Es wirkt begrenzend.“ 

Dabei arbeiten Sie in Schichten?

„Ja. Vier, fünf Schichten sind keine Seltenheit. Oft grundiere ich zunächst die Leinwand. Wobei man später noch den Auftrag des breiten Flächenstreichers sehen kann. Allerdings variiert das von Bild zu Bild. Die einzige Regel, die es gibt, ist, dass es keine Regel gibt. “

Ein freies Malen ohne Folien-Vorlagen käme nicht in Frage?

„Nein. Das mache ich nicht. Was ich sehr schätze an der Arbeit mit Folien und mit der kleinen Lackierpistole ist, dass es relativ zügig geht.“

Sind Sie ein ungeduldiger Mensch?

„An manchen Stellen bin ich enorm geduldig, an anderen wieder nicht. Ich habe es aber gerne, wenn es zügig voran geht. Also: Wenn man mit dem Fahrrad zu langsam fährt, - was passiert dann? Sehen Sie, in diesem Sinne mag ich das zügige Vorankommen.“

Den Schichten Ihrer Bilder entspricht eine archäologisch forschende Wahrnehmung auf der Betrachter-Seite: Der Blick gräbt sich regelrecht in Ihre Bilder ein. Zielen Sie darauf ab?

„Das ist ein Angebot. Der Betrachter kann soweit in meine Bilder einsteigen, wie ihm das Spaß macht. Allerdings ist das Typische an archäologischer Arbeit ja, dass eine Schicht frei gelegt und dokumentiert wird und dann, beim weiteren Abtragen, die zuerst frei gelegte Schicht wieder weg ist. Das funktioniert bei mir anders. Die Schichten meiner Bilder sind gleichzeitig sichtbar und präsent. Aber was mich an der Schichtung besonders interessiert ist, dass auch die Wirklichkeit mit Schichten zu tun hat. Im Alltag kommen viele  Aspekte zusammen, die sehr unterschiedlich sind. Und wer sagt denn, dass das in der Kunst nicht ebenso sein darf? Wer bestimmt, was wozu zusammen gehört, und was nicht?“

Sie nehmen sich die Freiheit alles motivisch verwirbeln zu können? Impressionen aus der Horst Keining Ausstellung  im Stadtmuseum Hattingen, 2019

„Das scheint nur so. Ich finde nicht alles interessant. Ich suche mir die Motive, die ich interessant finde, zusammen.“

Wollen Sie eine auseinanderdriftende Welt wieder zusammen bringen?

(lacht) „Das müsste dann subkutan heraus gekommen sein. Bewusst ist das nicht mein Ziel. Mit meinen Bildern möchte ich keinen Einfluss auf das Weltgeschehen nehmen. Das halte ich für eine Überforderung der Kunst. Die Welt erklären, - das sollen andere tun.“

Aber Strukturen interessieren Sie schon. Jedenfalls sprechen Sie oft darüber, Struktur ins Bild bringen zu wollen. Geht es um Strukturierungs-Optimierung?

(lacht) „Soweit würde ich nicht gehen. Aber ich bin schon jemand, der Struktur braucht. Wenn Sie zu mir ins Atelier kommen, sehen Sie das. Da ist alles klar strukturiert. Ich finde es bequem und angenehm zu wissen, wo sich was befindet. Eine lange Suche mag ich nicht.“

Aber Ihre Bilder stiften zum suchenden Sehen an durch eine zwar konstruierte, aber doch auch gewisse Unordnung beim Zusammentreffen des Unterschiedlichen.

„Ja, das stimmt. Vielleicht kann ich die Affinität zum Durcheinander nur in den Bildern ausleben und nicht im wahren Leben. Das könnte sein. (lacht) Dieser Gedanke ist ein wirklich neuer, den ich so noch nie überlegt habe. Ich werde darüber nachdenken.“

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 


Mehr zur Ausstellung Scoop im Stadtmuseum Hattingen finden Sie in unserem Kunstgebiet.Ruhr Ausstellungskalender!

Bildrechte:

Titelbild: © Claudia Posca, 2019.

Artikelbilder: © Claudia Posca, 2019.

Nachgefragt