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26. November 2015 - von Claudia Posca

MuT zur Landschaft – das neue Museum unter Tage in Bochum

Bochum

Panta rhei, alles fließt, alles hängt mit allem zusammen. Was besonders auffällt, wenn Disparates plötzlich auf Tuchfühlung geht und sich inhaltliche Korrespondenzen auftun.

Beispiel: Was hat ausgerechnet Landschaftskunst mit der Industrieregion an Rhein und Ruhr zu tun? Was macht die Beziehung aus? Wer küsst hier wen? Strukturwandel und Landschaft? Natursehnsucht und Renaturierung? Kultur durch Wandel, Wandel durch Kultur? Die Schnittmengen liegen auf der Hand. Wie wir im Revier leben wollen, wie wir leben werden, schweißt Landschaftskunst mit gesellschaftspolitischer Herausforderung zusammen: Kulturlandschaft als Gestaltungsaufgabe.

Das neue Bochumer „Museum unter Tage“, kurz MuT genannt, klinkt sich genau hier ein.  350 Landschaftspanoramen stark ist die von Alexander und Silke von Berwordt-Wallrabe zusammengetragene Sammlung mit Werken aus dem 15. Jahrhundert bis heute: MuT zur Landschaft, nomen est omen, der doppeldeutige Name ist Programm, die sechs Jahrhunderte umfassende Kollektion ist in Thematik und Dichte einzigartig in Deutschland.

Und dass nicht nur, weil das am 13. November 2015 eröffnete MuT im Reigen von rund 6000 Museen in Deutschland als einziges Kunstmuseum sieben Meter unter der Erdoberfläche liegt. Sondern auch, weil es als permanente Lehr- und Schau-Sammlung der Ruhr-Universität Bochum angeschlossen ist zur Förderung einer praxisnahen Kunsthistoriker-Ausbildung. Es ist ein letzter Baustein der 1988/89 privat initiierten „Situation Kunst (für Max Imdahl)“ in Bochum-Weitmar, die seit 2005 als gemeinnützige Stiftung angedockt ist an die RUB.

Tatsächlich ist das MuT ein sensationell verdichtender Ort, wo überirdische Landschaftskunst – ein Cézanne darunter ! –  Bilanz zieht: darüber, was es zur Lebenswelt-Planung lohnt, erinnert zu werden. Explizit und en Detail ist das unser Blick auf Natur und Landschaft.

Die virulente Frage dahinter: Wie Zukunft im Revier und anderswo aussehen könnte. Das Bildangebot dazu: knistert inspirierend. Um so mehr als mit dem MuT „eine sozialdemokratische Bildungsidee vollendet wurde, ein Ort, an dem anhand ästhetischer Erfahrung und Praxis die Gesellschaft gestaltet werden soll“, wie es Christiane Hoffmans für die „Welt“ auf den Punkt bringt.

Dabei hatte ich zwischenzeitlich Zweifel, ja, sah die „Situation Kunst“ in ihrer architektonisch wunderbaren Liaison mit dem umgebenden Landschaftspark gefährdet. Und dass, obwohl ich bis dato überzeugt war: Einmal im Leben muss man diesen Bochumer Ort erlebt haben, seiner ästhetische Kulinarik wegen, zwischen Tradition und Moderne mitten drin im Grünen, flankiert von minimalistischen Künstler- und Ausstellungspavillons – ein Best-Of im Revier.

Ein gutes Jahr lang aber war`s vorbei mit dem Gesamtkunstwerk, Bagger, Baugrube und Lärm bestimmten den Ort. Vor dem Ausstellungs-Kubus der „Situation Kunst“ wuchsen schachtartige Kastenarchitekturen in die Höhe. Als zu mächtig, als zu präsent im Dunkelschwarz ihrer Mendinger Eifelbasaltverkleidung empfand ich das Neue - Eingangsarchitektur mit Aufzug und Treppenhaus der eine Baukörper, Technologiezentrum zur Versorgung und zum Schutz der Landschafts-Kunst unter Tage der andere.

Pünktlich zum 50-jährigen Jubiläum der Ruhr-Universität Bochum fertiggestellt, öffnete das Patchwork-finanzierte MuT seine Pforten. Mit dabei die Stiftung Situation Kunst, Evonik, RAG-Stiftung, LWL, Stadt Bochum, Sparkasse Bochum Stiftung, Ruhrkohle AG, Stadtwerke Bochum. Mehr als 1300 Quadratmeter Ausstellungsraum stehen zur Verfügung, vier Meter hoch, ausgestattet mit neuester LED-Beleuchtungstechnik und mit ökologisch-ökonomischer Geothermie-Beheizung. 2/3 davon bleibt dauerhaft für die Landschaftsmalerei-Kollektion reserviert, 1/3 dient zukünftigen Wechselausstellungen, erarbeitet von Studierenden der RUB.

Das Schöne daran: Von all den High-Tech-Superlativen merkt man nichts. Und auch nicht, dass man ja schließlich sieben Meter unter der Erde Kunst guckt.

Über Tage aber blieben meine Zweifel. Bis die Baustelle verschwand. Und Renommee-Künstler Erich Reusch Hand anlegte, mit einem Händchen für Raum und Parklandschaft. Architektonische Härten mildern und dabei nicht zu spielerisch sein, mag sich der inzwischen 90-Jährige überlegt haben, als er das große, dem Grundriss-Maß der unterirdischen Halle entsprechende, oberirdische Basalt-Split-Feld mit fünf zylindrischen Säulen - zwei signalroten, zwei schwarzen und einer cyanblauen – inszenierte. Dem dritten Baukörper, der in seiner gläsernen Verkleidung wiederum den Glasummantelten Kubus zitiert und als Notausgang für die unterirdische Halle funktioniert, stellte der gewiefte Dezentralitäts-Plastiker einen außerhalb des Neubau-Grundrisses seitlich korrespondierenden Pflanzquader aus wetterfestem Stahl zur Seite. Strauchgehölze wurden eingepflanzt, in wenigen Jahren werden sie das stählerne Korsett sprengen, haben aber schon jetzt Bedenken gesprengt.

Mein Fazit: Auch die architektonisch neu aufgestellte „Situation Kunst“ als nunmehr abschließend komplettiertes Ensemble aus Kunst, Architektur und Landschaft ist ein Hingucker.

Was gegen eine verkachelte Welt hilft. „Nichts ist wie es war“, „Nichts wird sein wie es ist“ philosophieren die beiden Neon-Schriftzüge im Treppenhausabgang des MuT: Panta rhei. Gemälde aus dem Goldenen Zeitalter der niederländischen Malerei erzählen dazu ihre speziellen Perspektiven, Werke des 19. Jahrhunderts von Corot, Courbet und Repin schließen sich im Dialog mit existentiell erschütternden Arbeiten von Ingeborg Lüscher bis Arnulf Rainer an: Landschaft als Sichtung der Welt uns zum Bilde.

Wohlwissend, dass die Sache mit der wilden Natur gelaufen ist. Grünes heute ist Kulturlandschaft in Gestalt von Wald, Feld, Park und Garten. Von der natura naturans und ihrer schöpferischen Kraft haben wir uns längst entfernt, ja, sind fleißig dabei, sie vom Erdboden zu tilgen.

Mit der fatalen Folge, dass gegenwärtig sogar das Leitbild Nachhaltigkeit gefährdet scheint. Weil industrialisierte Biowissenschaften die umfassende Machbarkeit und damit die Überwindung unserer Abhängigkeit von der Natur versprechen: Technonatur statt Bioevolution im Namen eines ökonomischen Fortschrittglaubens. Da kommt noch einiges auf uns zu, die Bochumer Weltsichten-Kollektion wird weiteres Bildmaterial sammeln müssen.

Wie sich aber gesellschaftlicher Wandel im Landschaftsbild spiegelt, wie die Kulturlandschaft der Gegenwart zunehmend am Tropf hängt, und wie unsere Sehnsucht nach Nähe zur Natur steigt, parallel zur Entfremdung von der Natur, das initiiert Visionen jenseits von grüner Fußgängerzonen-Ästhetik: MuT zur Landschaft. Auf dass wir mit Johann Wolfgang von Goethe nicht die Natur, sondern der Natur nachahmen, wenn es um die enorme Gestaltungsaufgabe Kulturlandschaft im Revier geht!

MuT zur Landschaft – das neue Museum unter Tage in Bochum