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30. Januar 2018 - von Claudia Posca

Mülheim – Los Angeles und zurück

Mülheim

Schon mal was von LAMOA gehört? Sehen Sie, ich auch nicht. Klingt aber außergewöhnlich, fast Hawaiianisch, so wie Aloha, was ja ´Willkommen` heißt. Und jetzt sagen Sie mal LAMOA. Die Ähnlichkeit ist frappant, das Südseefeeling programmiert. Was Wunder, wenn Bilder vom polynesischen Inselstaat Samoa im südwestlichen Pazifik nordöstlich der Fidschi-Inseln am Horizont auftauchen. Die reinste Melodie: LAMOA, Aloha, Samoa.

Jetzt allerdings sind Sie auf der falschen Fährte. Nichts weiter als ein Kürzel stellt LAMOA dar. Die fünf Buchstaben stehen für Los Angeles Museum of Art.

Und das wiederum ist zu Gast in Mülheim an der Ruhr, ausgeschleust aus der zweitgrößten Stadt der Vereinigten Staaten, was zugleich die größte des US-Bundesstaates Kalifornien ist (ca. 3,9 Millionen Einwohner 2014), und eingeschleust in die kreisfreie Großstadt Mülheim an der Ruhr im westlichen Ruhrgebiet NRWs, eine mit etwa 170.000 Einwohnern an der 44. Stelle unter den 79 Großstädten Deutschlands liegende City, die mit der Schließung der Zeche Rosenblumendelle 1966 zur ersten bergbaufreien Großstadt des Reviers wurde.

Poah, das sind Daten, Fakten, Dimensionen im Vergleich. Die muss man erst einmal verdauen.

Umso mehr, wenn dieses Kontrastprogramm biografische Eckdaten setzt. Wie das der Fall ist bei der aus Mülheim stammenden Raum- und Konzeptkünstlerin Alice Könitz, die die Mülheimer Grundschule an der Zastrowstraße, später das Karl-Ziegler-Gymnasium besucht hat, nach einem Studium bei Hubert Kiecol und Tony Cragg an der Düsseldorfer Akademie nach Los Angeles ging, dort 2012 das experimentelle LAMOA , also das Los Angeles Museum of Art für zeitgenössische Kunst als kleinen Off-Space gründete, und jetzt für das Revier eine allererste Einzelausstellung rund um Rückblick, Erinnerung und Kindheit stemmte: „Das Los Angeles Museum of Art (LAMOA) präsentiert: Mülheim/Ruhr und die 1970er Jahre“.

Mit Mülheims Museumschefin Dr. Beate Reese habe ich mich verabredet: Wer ist Alice Könitz?

„Alice Könitz zählt zu den bedeutenden zeitgenössischen KünstlerInnen, die das Ruhrgebiet hervorgebracht hat. 1970 wurde sie in Essen geboren. Sie ist die Tochter des Bildhauers Peter Könitz, ihre Kindheit und frühe Jugend verbrachte sie in Mülheim an der Ruhr. 1996 wurde sie mit dem Förderpreis des Ruhrpreises für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet, 2014 hat sie in Los Angeles den renommierten Mohn Award erhalten. Bei uns allerdings gilt es Alice Könitz erst noch zu entdecken.“

Was ja ausgesprochen Spannendes verspricht, wenn einer mit Röntgenaugen aus der Ferne in die alte Heimat späht. 

Aber denken Sie bloß nicht, dass Sie beim Pilgern zum Kunstmuseum Mülheim, -  wenn`s irgend geht, schleunigst bis zum 4. Februar, denn dann ist Schluss mit der Ausstellung -, nostalgische Fotoalben oder ad hoc wiedererkennbar Regionaltypisches entdecken werden! Jaja, es stimmt schon, was die Museumsleiterin eine Herausforderung nennt: „Die mit Präsentationsdisplays und einer Ausstellung in der Ausstellung von weiteren 14 Künstlern arbeitende Schau ist komplex, nicht unbedingt aus sich heraus sprechend. Man muss sie sich erschließen. Es macht Arbeit.“

Was nur gerecht ist. Schließlich hat Alice Könitz auch mächtig fürs Publikum gerackert, um ihren besonderen Rückblick aufs Damals in eine mit Raum, Architektur und Design spielende Installationsbühne persönlicher Erinnerungen zu verwandeln. Eine „konzeptuelle Skulptur“ nennt sie, was jetzt in Mülheim steht. Mehrere Skizzenbücher hielten dafür erste Ideen fest. Später hat Alice Könitz den kleinen Jeansanzug von einst (mit Blümchenapplikation!) nachnähen lassen, den Sprungturm des Freibades Mülheim-Styrum in Miniaturformat, ja selbst einen Zigarettenautomaten nachgebaut. Gleichzeitig tritt sie in Mülheim als Kuratorin auf, inszeniert als Teil 2 ihrer Ausstellung einen Brückenschlag zwischen europäischer und amerikanischer Gegenwartskunst, darunter Arbeiten von ihrem Vater Peter Könitz und dem aus Gelsenkirchen stammenden Wolfgang Liesen.

Die Klammer dazwischen? Ist besagtes Display-System, das als skulpturale Installationslandschaft die buchstäbliche Basis für die Mülheimer Zwei-Raum-Ausstellung gibt. In Anspielung auf die farbige Brunnenanlage von Otto Herbert Hajek vor dem Mülheimer Museum ist dabei eines der beiden Systeme rot, gelb, blau akzentuiert.

Wie die Künstlerin das interkontinentale Hopping, ihre erinnerungsstrategischen Absichten sieht?

In einem Interview erklärt sie es so: „Als Bildhauerin hat man eigentlich automatisch einen räumlichen Bezug. Bei mir geht es aber meistens auch um konkrete Orte. Ich habe einige Ausstellungen in den USA gemacht, die sich auf Orte bezogen haben, die ich jahrelang kannte, an denen ich immer wieder vorbeigefahren bin, zu denen ich also eine gewisse Familiarität hatte. Das habe ich mit Mülheim natürlich auch, ich habe ja 14 Jahre lang hier gelebt. Aber das ist eben wahnsinnig lange her, weil es meine ersten 14 Jahre waren. Für die Ausstellung habe ich Dinge nachgebaut, teilweise komplett aus der Erinnerung, manchmal mit Hilfe des Internets, teilweise bin ich auch nochmal an Orte gefahren und habe Fotos gemacht. Die Ausstellung hat viel mit Erinnerung und Rekonstruktion zu tun, während es in Los Angeles oder in anderen Ausstellungen, die auch ortsbezogen waren, keinen so starken Erinnerungsbezug gab. Was mir an der Mülheimer Ausstellung gefällt, ist die Tatsache, dass ich den Ort gut kenne und eine enge Verbindung zu ihm habe, aber auch gleichzeitig eine sehr große Distanz.“

Fremd, vertraut. Vertraut fremd. Ich bin mir nicht sicher. Aber vor Ort, auf einem Modul mitten in der Installation sitzend, beschleicht mich genau das – ein Gefühl zwischen Nähe und Distanz und zwischen Wärme und Coolness. Hatte die Künstlerin nicht von „konzeptueller Skulptur“ gesprochen? Was analytische Sezierungen vorfindlicher Räume, - und was Anderes sind Erinnerungen? -, mit einbeziehen dürfte.

Prompt schleicht mir der Begriff „Brechung“ ins Hirn. Um den einfachen Wiedererkennungseffekt jedenfalls geht es in der Könitz-Schau nicht.

„Ja, eine totale Brechung. Alice Könitz hat Erinnerung, Recherche und heutigen Zustand, beispielsweise des Sprungturms, nachgebaut. Natürlich spielen da auch Emotionen eine Rolle. Mireille Mathieu etwa taucht in der Installation auf. Eine Ikone der Kindheit. Wobei es aber nicht die Musik ist, die Alice Könitz fasziniert hat, sondern das Abendkleid, das die Sängerin trug.“

Ganz ehrlich: Auf diesen Schlenker wäre ich nicht gekommen.

Allmählich aber ahne ich, dass Alice Könitz und ihr LAMOA noch vieles Um-die-Ecke-zu-Denkende bereit hält. Auch dieses: Was eigentlich ist Erinnerung? Wie lässt sie sich transportieren?

Wie gesagt: Einmal Mülheim – Los Angeles und zurück. Es lohnt sich.

Mülheim – Los Angeles und zurück