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24. November 2016 - von Claudia Posca

Mit den Augen denken

Geht das? Mit den Augen denken? Wer kommt denn auf sowas? Der Ausstellungstitel reizt zur Probe aufs Exempel. Die Herner Flottmannhallen haben eingeladen: Augen auf, ran ans Werk. Auf gute Kooperation von Auge und Verstand: „Exercitien“, „Variatio“, „Reihungen“, Wahrnehmungsarbeit steht an.

Wie der sogenannte White-Munker-Effekt funktioniert, der mit faktisch zwei Farben, optisch drei produziert? Die konstruktiv-analytische Kunst im Raum und an der Wand ist ein Rätsel.

Magisch? Der Ausstellungstitel flunkert nicht, die Augen kommen ins Denken.

Noch bevor ich zur Eröffnung fahre, stelle ich mir vor: Einen nachdenklichen Kunstproduzenten am Werk, dem es, ähnlich wie dem gestaltpsychologisch bewanderten Medientheoretiker und Begründer der Kunstpsychologie Rudolf Arnheim (1904 – 2007), durch den Kopf galoppiert: „Die Kunst ist kein Betätigungsfeld für entspannte Leute. Die Reichtümer der Seele müssen durch bewusste und unbewusste Disziplin in eine organisierte Form gebracht werden, und dazu bedarf es einer Anstrengung der Konzentration."

Ich stelle mir weiter vor: Wer so einen Ausstellungstitel kreiert, ist geübt darin, Kunst, Ausstellungen, Text und Wahrnehmungstheorie beredt visuell dazustellen. Buchstäblich durchs Auge hindurch: eine ästhetische Grundlagen-Forschung zur Schärfung der Sinne.

Das allerdings braucht in der Tat Konzentration, Achtsamkeit.

„Das Auge ist unser höchstentwickelter Sinn; es steht auf das Engste mit unserem Gehirn in Verbindung, dem Bewusstsein. Es gibt die Idee der vitalen Bewegung der Welt und diese Bewegung heißt Simultanität. Unser Verständnis und unsere Wahrnehmung bedingen einander. Lernen wir zu sehen!“ hatte es schon der Licht-Maler-Magier Robert Delaunay 1912 in seinem Manifest „La Lumière“ als vordringliche Aufgabe fürs malerische Metier notiert.

Da der 1941 gestorbene Robert Delaunay aber schon 75 Jahre tot ist, ist nur mehr vorstellbar, dass der reizvolle Ausstellungstitel von ihm oder auch von einem anderen klugen Kopf ausgeliehen wurde. 

Tatsächlich stand Jean Paul Sarte Pate: „Noch nie habe ich so deutlich gespürt, dass ich mit den Augen denke.“

Ganz genau so, geht es mir in Herne. Augen-Rätsel probiere ich mit Sinnen und Verstand zu sezieren. Ist es das Immer-Gleiche, wenn sukzessiv ansteigende Additionen von senkrecht positionierten Viertel-Kreisbögen als modulare Segmente im Raum positioniert werden? Oder ist jedes Segment, das einen Viertel-Kreisbogen mehr aufweist, deshalb, faktisch und optisch betrachtet, eine vollständig neue Individualität?

Der Kopf raucht, die Augen brennen. Ich bin hautnah dabei, wie Augen, die denken, Gedanken, die sehen, produzieren.

Wer aber ist der Meister fürs meisterlich Vernunft-Optische?

Die Einladung zur Klärung flatterte vor zwei Wochen in die Box. Rudolf Knubel stand drauf, die Flottmannhallen Herne gaben den Auftakt zur großen 3-Stationen-Knubel-Retrospektive mit weiteren Brennpunkten in Ahlen und Bonn.

Rudolf Knubel? Kenn ich, kenn ich nicht, kenn ich, - noch war der Groschen nicht gefallen. Ein von mir, ein vielleicht überhaupt, vergessener Künstler, der „trotz früher Anerkennung, zahlreicher Skulpturen im öffentlichen Raum und Ankäufen in namhaften Häusern wie der Neuen Nationalgalerie Berlin … aus dem Fokus kunsthistorischer Betrachtung geraten“ war? 

Das will ich wissen. Kataloge wälzen, www.-recherchieren steht an. Um bald schon auf ziemlich sehr, und allerdings bekannte, Eck-beschnittene Würfelformen zu stoßen. Im Herner Parcours sind sie ´leibhaftig` zu sehen. Aus Aluminium gebaut, getürmt zu geometrisch-organischen Stelen, die Einzelform ins Koordinatensystem von Schichtung, Drehung und Addition eingespannt: „Faber“.

So also sieht Kunst zur Evolution von Grundformen in Natur und Kultur aus.

Die Plastiken rufen Erinnerung wach: Verdrehte Säule, Basiselemente, die sich auf einen Würfel zurückführen lassen? Das kenne ich doch?! Rudimentär zumindest.

Max Imdahl, der legendäre Professor für Kunstgeschichte an der Ruhr-Uni Bochum von 1965 bis zu seinem Tod 1988, empathischer Streiter fürs „sehende Sehen“, hatte Knubel-Kunst ins Ästhetik-Programm vom ´nur im Bildkünstlerischen auf einen Blick zu habenden Sowohl-als-Auch` eingeflochten. Es ging um Simultanität. Die konstruktiv-analytischen Arbeiten Rudolf Knubels, wie „Faber“, „Tuber“, „Zeller“ und „Dogger“ sind da beispielhaft.

Was ich in Herne erfahre: Mein Kunstgeschichts-Professor und Rudolf Knubel waren ob gemeinsamer Kunstinteressen, u.a. war Robert Delaunay ein Thema, „eng befreundet“. So war der „frisch gewählte Ordinarius des Bochumer Kunsthistorischen Instituts“ im Frühjahr 1966 zu Gast bei Rudolf Knubel in Berlin, wo dieser an der Hochschule für Bildende Künste studierte, u.a. bei dem Maler Fred Thieler und dem Kunsthistoriker Walter Hess, und wo Rudolf Knubel zusammen mit Karl Horst Hödicke, Markus Lüpertz und anderen „West-Berlins erste, einflussreiche Produzentengalerie“ unter dem Namen „Großgörschen 35“ (1964 - 1968) gegründet hatte.

Allmählich dämmert es mir: Der heute 78-jährige Rudolf Knubel, Hochschullehrer an der Essener Folkwangschule für Gestaltung von 1971 bis 2004, Mitbegründer der 1969 ins Leben gerufenen Revier-Künstlergruppe „B1“, die durch künstlerische Interventionen entlang der B1 zur Humanisierung der Industrie-geschädigten Region beitragen wollte, ist eine lebende Kunstgeschichte.

Die Wirkungsgeschichte? Ist aktiv nicht nur in Berlin, Bonn, Düsseldorf, Köln, Leverkusen, Münster und den USA. Arbeiten von Rudolf Knubel stehen zahlreich auch im Revier von Bochum, Essen, Herne und Marl. 2011 noch hat Rudolf Knubel zusammen mit Frauke Arnold, Gudrun König und Stefan Bienk die Rudolf-Arnheim-Akademie mit Sitz in Marl gegründet. Deren Manifest: Lasst Augen denken!

Geboren wurde der für ein extrem weit gespanntes Schaffen bekannte Künstler 1938 im westfälischen Münster. Heute lebt Rudolf Knubel in Essen. Zwischen Kunst und Design, zwischen Malerei, Grafik, Skulptur und Fotografie, zwischen Lehre und Forschung ist sein Werk beheimatet. Vor einem Vierteljahrhundert hat es Rudolf Knubel zusammengefasst: „Die Jahreszeiten - Eine Systematik der Grundlagen der Gestaltung - Anleitung zur Entfaltung der Sinne und ihrer Handhabung“, inklusiver Aufforderung zum Ressourcen-bewussten Handeln, ist ein gestaltpsychologischer Krimi.

Die Täter: Sehende Augen, denkende Blicke. Und ein Künstler, der sagt: „Ich gebe hier mein Staunen wieder vor der Quelle unserer Kultur.“

Mit den Augen denken