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2. Februar 2017 - von Claudia Posca

Mensch, Niki

Ruhrgebiet

Nein, die weltberühmte Künstlerin Niki de Saint Phalle stammt nicht aus dem Revier. Noch nicht einmal vorübergehend hat sie zwischen Rhein und Ruhr gelebt. Und ja, leider lebt sie nicht mehr. Nur 71 Jahre alt geworden ist die Schöpferin der drallen Nanas alias poppig-bunter Frauenfiguren, verziert mit schönster Tattoo-Kunst zwischen Blümchen, Stern, Herz und Ornament. Fast jeder kennt die imposanten Weiber, nicht jeder liebt sie, das Dortmunder Ostwall Museum im U zeigt gerade „Frauenbilder der Niki de Saint Phalle“.

Ob jedermann damit klar kommt? Pralle Brüste, dicke Schenkel, schwarz und weiß, Black Power, Frauen Power, Muttergöttin, Riesendimensionen - Nikis Nanas wollen die Machos der Welt klein kriegen.

„Ich bin eine Kämpferin“ hat die Franko-Amerikanerin gesagt. Und: „Ich wollte die Welt, und die Welt gehört den MÄNNERN.“

Kunststaub-Verwirbelung auf matriarchalisch-sexy Art?

Anno 2002, am 22. Mai, starb Niki an den Folgen des exzessiven Umgangs mit Polyester aus dem ein Großteil ihrer Nanas besteht. Ihr Todestag war der Geburtstag ihres Ehemannes Jean Tinguely, mit dem zusammen sie wunderbare Arbeiten schuf, er die kinetische Animation, sie die phantastischen Motive.

Wir im Revier wissen jetzt Bescheid: Was das Pariser Centre Georges Pompidou mit seinem surrealen de Saint-Phalle-Tinguely-Strawinsky-Brunnen vor der Tür hat, hat der Pott mitten in Duisburgs City auf der Konigsstraße: „Lifesaver(Lebensretter)“, jener fünf Meter hohe Fabel-Farbenpracht-Vogel, daran sich eine weibliche Figur klammert und daraus Wasserkaskaden plätschern, während der irdische Himmelsgeier sich rhythmisch nach links und rechts dreht. Im letzten Jahr wurde das 1993 eingeweihte Duisburger Wahrzeichen restauriert. Nur Vollpfosten konnten den Kunst-Brunnen 2011 in die TopTen weltweit schlechtester Kunstwerke im öffentlichen Raum setzen. Inzwischen ist das Meisterstück ein beliebtestes Fotoshooting-Motiv, ein touristisch bedeutsamer Werbeträger.

Mensch, Niki, wie hättest Du das gefunden?

Wo Du doch gesellschaftskritisch ambitioniert, künstlerisch provozieren wolltest? Auf dass sich ein Hallelujah nicht mehr so leicht singen ließe. Man denke nur an Deine mächtig skandalträchtige „HON“-Aktion 1966 im schwedischen Moderna Museet in Stockholm, wo das Publikum zwischen den Schenkeln deiner liegenden Riesen-Nana der Maße 28 x 6 x 8 Meter ein- und austreten konnte. Oder an Deine Schieß-Performances, „Tirs“ hast Du sie genannt, in denen Du auf Bilder geschossen hast, um sie zum Leben zu erwecken. Alles keine Coolness-Posen.

Fakt ist: Durch die Dortmunder Ausstellung glänzt der Duisburger  „Lebensretter“ Niki de Saint Phalles einmal mehr. Nicht nur, weil er von einer Ikone der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts stammt.  Das natürlich auch. Aber weitaus wichtiger: „Lifesaver“ ist auch von eben jener, in der Ostwall-Schau so eindringlich mäandernd-schwebenden Magie vieldeutiger Ambivalenz. Es sei denn, Sie wüssten tatsächlich das seltsam-phantastische Vogel-Engel-Frau-Wesen in Duisburgs City wesentlich zu packen.

Niki selbst bot einen kleinsten gemeinsamen Nenner fürs Hirn-Jogging an: „Wenn Du das Fließen des Wassers hörst und siehst, lässt es Deine Gedanken und Obsessionen verfliegen - es lässt Dich die Uhrzeit vergessen und versetzt Dich in eine universelle Zeit. Der Brunnen schafft diese Dimension der Freude. Er erfrischt den Geist.“

Die Dortmunder Ausstellung tut es auch. Ich treffe mich mit Regina Selter, der stellvertretenden Direktorin des Museum Ostwall, Mitkuratorin der Niki-Ausstellung neben Ulrich Krempel und Karoline Sieg. Was sie wohl an der Art-Polit-Aktivistin fasziniert, die gesagt hat: „Die Macht der Nanas ist wirklich die einzige Möglichkeit. Kommunismus und Kapitalismus haben es nicht wirklich geschafft. Ich denke, dass die Zeit für eine neue matriarchale Gesellschaft gekommen ist. Glauben Sie, dass man in der Welt noch an Hunger sterben würde, wenn die Frauen das Sagen hätten?“

Ja, Niki wollte, dass jedermann die Komfortzone verlässt.

Ihre Biografie spricht Bände. Ein paar Fetzen davon hab` ich im Kopf. Diese etwa: 1930 in Neuilly-sur-Seine wurde Niki de Saint Phalle als zweites von fünf Kindern in einer Bankiers-Adelsfamilie geboren, katholisch großbürgerlich wuchs sie auf. Im Alter von 11 Jahren: Missbrauch durch den Vater. Niki war Fotomodel, Kunstautodidaktin, Feministin, hat in der Toskana den „Giardino dei Tarrocchi“-Park realisiert, erfand ein Parfüm, um diesen zu finanzieren und schrieb ein Aids-Buch. Wunderbar pointierende Zitate hat sie uns als sehnsüchtige Rebellin für eine gerechtere Welt hinterlassen: „Statt Terroristin zu werden, wurde ich Terroristin der Kunst.“

Was fesselt Dich an Niki de Saint Phalle?

„Es ist das Kämpferische. Und zwar nicht nur in ihrem biografischen Lebensweg, also, wie sie gegen gesellschaftliche Konventionen drastisch aufbegehrt hat. Oder wie sie Rollen gebrochen hat. Es ist auch das Kämpferische in der Kunst, in ihrem Stil, in ihrer künstlerischen Entwicklung, das ich spannend finde. Auch, wie Niki de Saint Phalle den Werdegang ihrer Kunst reflektiert hat, ihn immer wieder umgeworfen hat, wie sie ihre Kunst präsentierte, wie sie mit dem öffentlichen Raum umgegangen ist. Ihre Haltung interessiert mich, im Leben, in der Kunst.“

Ist Niki heute noch von Bedeutung?

„Gerade unter dem Aspekt des Performativen und des Infrage-Stellens, absolut. Ja. Hoch aktuell etwa ist, wie sie das Publikum bei ihren Aktionen und Performances mit einbezogen hat, wie das Publikum Teil des künstlerischen Prozesses wurde.“

Ist das Hardcore-Kunst? (Regina Selter lacht.)

„Ja, Niki de Saint Phalle hatte einen sehr offenen Umgang mit Sexualität. In ihren Werken tauchen die weiblichen Geschlechtsorgane ja immer wieder ganz offensichtlich und betont auf, was in dem zeitlichen Kontext der 1960er/70er Jahre ausgesprochen ungewöhnlich ist. Hardcore könnte man ihre Kunst auch deswegen nennen, weil sie die Themen so offensiv benannt hat.“

Verknüpfst Du eine Botschaft mit der Ausstellung?

„Also, wenn ich an Donald Trump denke, könnte diese Ausstellung eine positive Botschaft sein.“

Boah. Mensch, Niki, Dich hätte ich gern kennengelernt.

Mensch, Niki