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19. Oktober 2017 - von Claudia Posca

Marschall 66

Marl

Still war gestern. Heute hat Marschall 66 das Kommando. Wer dabei an „Rauchende Colts“ denkt, ist nicht allein. Marschall 66 klingt genau so.

Aber von wegen Wilder Westen. Die Prairie ist der Pott. Und Marschall 66 ist das temporäre Festivalzentrum von „Urban Lights Ruhr 2017“ in einer seit Jahren leer stehenden Hauptschule. Den Namen fürs Projekt gab der Architekt Günther Marschall (1913-1997), der die Lehranstalt 1966 und auch das berühmte Adolf-Grimme-Institut gebaut hat. Nur, damit Sie im richtigen Film sind.

Und der wiederum spielt in einem besonderen Distrikt: nördliches Ruhrgebiet. Die City ist rund 85.000 Einwohner stark, zweitgrößte Stadt im Kreis Recklinghausen im Regierungsbezirk Münster, laut Landesentwicklungsplan ein Mittelzentrum und zur Metropolregion Rhein-Ruhr gehörend, ausgestattet mit einem der wichtigsten Chemiestandorte Deutschlands. Und bis zur Schließung der Zeche Auguste Viktoria 2015 war`s die drittletzte Kohlebergbaustadt Deutschlands.

Na, erraten? Die Stadt heißt Marl. Und Marschall 66 ist noch bis zum 29. Oktober in Marls Kampstraße 88 eine echte Adresse.

Es ist das Headquarter für acht Positionen zeitgenössische Lichtkunst international bekannter Künstler und Künstlerinnen, verteilt im Marler Cityraum. Kristina Buch, Nikolaus Gansterer, Mischa Kuball, Isa Melsheimer, Martin Pfeifle, Michael Sailstorfer, Sans Façon und Hannah Weinberger haben den Parcours ortsangedockt bestückt. Der spröde Charme einer einst auf der grünen Wiese hochgezogenen Stadt hat so seine Reize: Quo vadis Marl?

Weder Stadt noch Schule sind Schönheiten. Aber besonders. Auch, weil es am Ort eine grandiose Skulpturensammlung der Moderne gibt. Die allerdings nicht, - obwohl sie das Zeug dazu hat -, wie das Duisburger Lehmbruck Museum als „Zentrum für Internationale Skulptur“ gehandelt wird, sondern als „Skulpturenmuseum Glaskasten“ bekannt und unter dem Sitzungstrakt des Marler Rathauses beheimatet ist. Noch.

Anfang, Mitte der 2020er Jahre wird Marls Kunstschatz nach Marschall 66 umziehen, einmal quer durch den Skulpturenpark, der einst Friedhof Brassert war, keine 5 Minuten vom jetzigen Standort entfernt. Ins dann neue Museumszentrum mit mehr Platz und Licht und neuen Möglichkeiten. Spannend.

Ja, ja, viel tut sich in Marl. Erinnern Sie sich: „Marl für viele Male“. Habe ich vor einem Jahr geschrieben.

Was soll ich sagen? Ich war schon wieder in Marl. Das Pflaster ist heiß. Weil frischer Wind durch Historie, Gegenwart und Zukunft weht, im Koordinatensystem von Stadt, Kunst und Gesellschaft.

Das wiederum ist wunderbar für das Lichtkunstfestival „Urban Lights Ruhr“. Man arbeitet am Puls der Zeit: drei Wochen Ideen-Input. Neuinterpretieren, wiederbeleben. Der Stadtkern Marl nebst außergewöhnlicher Bauten steht auf dem Prüfstand. Statt  geistigem Sackhüpfen: Kunst zum Anfassen nah dran am Ort bei Tag und Nacht. Manches gar wirkt surreal.

Bekannt ist das Einkaufszentrum „Marler Stern“. Auch der angrenzende Creiler Platz. Das ist der mit den seit Ewigkeiten trockenliegenden Wasserbassins und einer hübsch-hässlichen Riesen-Uhr. Einst ultra-modern, setzt sie bis heute Zeichen der Zeit.

Inzwischen steht die beton-stylische Ruhrmoderne-Architektur der 1960er Jahre mit ihrem markanten Rathauskomplex und den zwei seltenen Bürotürmen unter Denkmalschutz. Demnächst wird saniert, das „soziale Rathaus“ wird kommen. Marl ist im Aufbruch. Ruhrmoderne reloaded.

Marschall 66 kommt da gerade recht, macht mobil. Für „Licht, Stadt, Utopie“. So heißt der Marschall-Plan. Was Frei-Licht-Luft-Kunst fürs Nachdenken über Urbanität ist. Und darüber, wie Stadtgesellschaft mit menschlichem Antlitz gelingen könnte.

„Die Menschen und ihr Leben haben sich verändert - Architektur und Städtebau sollten dem jetzt folgen“ sagt die Leiterin des Marler Baudezernats Andrea Baudek.

Schade nur: Die Dauer der Lichtstadtutopie ist von kurzer Dauer. Verlängerung wär` schön, damit Visionen in Herz und Hirn ankommen. Zumal die Melange irre komplex ist.

Utopie? Dystopie? Lichtkunstfestival? Stadtentwicklung? Das braucht Zeit.

In den kommenden Jahren will Marl Großes stemmen. Junge Kunst schaltet dafür Funzeln an, klappt Augen auf. Erhellend.

Das Kuratoren-Trio Katja Aßmann, Melanie Bono und Glaskasten-Skulpturenmuseumschef Georg Elben ist überzeugt: Die künstlerischen Interventionen von „Urban Lights Ruhr“ laden Bewohner und Besucher dazu ein, das Potential neu entstehender Stadtlandschaften zu erleben, zu aktivieren.

Wie gesagt: Marl ist ein heißes Pflaster. Auch ohne rauchende Colts. Die doppelt verknotete Revolver-Bronze des Schweden Carl Frederik Reuterswärd auf dem Creiler Platz spricht eigene Bände. Seit 2012 steht sie zum Zeichen einer „Non-Violence“-Vision.

Anderes in Marl entwickelt weitere Visionen. Da spuckt eine Laterne Popcorn, knistert, knarzt, melodiert ein lichtleuchtender Lautsprecher-Koffer-Parcours in den Bäumen, mutiert eine minimalistische Beton-Raumflucht auf grüner Wiese durchs Leuchte-Glasdach zum Sakral-Ort, wird dem Besucher einer Ghetto-Blaster-Lautsprecherwand im Großformat, umstanden von örtlich vorhandenen Designleuchten, kräftig applaudiert. Was schön irritierend, vielleicht sogar erhebend ist. Zumal ja gerade der Marler Bahnhofshalt hinter einem liegt, noch immer gruselig bei Ankunft. Schön, dass man sich sodann am Standort Marschall 66 ins magische Gespinst der filmischen „Untertagüberbau“-Projektion verstricken oder die Sicht eines surrealen, lichtprojizierten Wasserballetts genießen kann. Ganz zu schweigen vom impressionanten Eindruck einer Hausbesetzung, die riesige Leuchtebalken im De-Stijl-Grundfarben-Outfit Rot, Gelb, Blau in die brutalistische Betonarchitektur rammt. Schon gesehen?

Sehen Sie, so etwas gibt es nur selten zu gucken. Weswegen der Ausflug nach Marl lohnt. Auch, um im übertragenen Sinn über „Non_Lieux - Vier, fünf (Nicht)-Orte in  Marl“ zu stolpern. Was zwei durch den Stadtraum wandernde, in sich wechselnde Licht-Schriftzüge am Arbeitsamt und anderen existentiell prekären Orten sind: DYSTOPIA oder UTOPIA? FINISHED oder UNFINISHED?

Der Marler Lichtkunstparcours stellt Fragen: Ob die Stadt schon fertig ist? Ob sie den mit der Ruhrmoderne verknüpften Glauben an eine strahlende, lebenswerte Zukunft weiter, besser noch, besser entwickeln kann? Ideen sind gefragt. Auch, was ein gescheites Stadtraum-Feng-Shui-Empfinden auslöst. Für Wohlfühlqualität in der Innenstadt.

Von wegen Wilder Westen. Marshall 66 hat Hand und Fuß und Plan. Der Blick geht zurück nach vorn.

Bereits zum vierten Mal ist das Urbane Künste-Kunstfestival in der Region aktiv. Nach Stationen in Bergkamen, Hamm und Hagen. Immer im Herbst, wo jahreszeitlich bedingt „Mordor“-Depressionen aufkommen. Sie wissen schon: purer Sonnenscheinmangel. „Urban Lights Ruhr“ ist da so etwas wie Licht-Aspirin gegen Winterkummer.

„Was für Dessau das Bauhaus ist, könnte Marl für die Architektur der 1950er bis 1970er Jahre sein“ hat Museumsleiter Georg Elben mal gesagt. Marschall 66 zückt dafür die Lupe, lenkt Licht aufs Unbemerkte, stöbert Historisches aus den Winkeln, Ecken, Nischen.

Auch deshalb residiert das Festivalzentrum der Urbanen Künste Ruhr in der ehemaligen Hauptschule Kampstraße. Auf dass das zukünftig hier beheimatete Museumszentrum jetzt schon die Bühne betritt, die, dereinst auf- und umgebaut, ein neues Kultur-Highlight im Revier, ein Meetingpoint Marls werden könnte.

Eins jedenfalls ist heute schon klar: Selbst Non-Kunst-Hipster erleben, was hier und da und dort rund um den Creiler Platz in Marl-City abgeht. Nicht laut, nicht leise, aber einschneidend. Wie bei einer Obduktion. Nur, dass eine City seziert wird: „Handlungskonzept Stadtmitte Marl“. Auf dass Marschall 66 aufgeht.

Marschall 66