gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

11. August 2016 - von Claudia Posca

Marl für viele Male Skulptur

Marl

„Schon mal in Marl gewesen? Im Skulpturenmuseum Glaskasten?“ Hab` ich jüngst bei Freunden rundgefragt. Hatte nämlich gerade das nördliche Revier bereist, die 85.000-Einwohner-Stadt Marl besucht, zweitgrößte Stadt des Kreises Recklinghausen im Regierungsbezirk Münster. Und mächtig viel Raum- und Volumenkunst geguckt. Am sonnigsten Sommertag des Jahres. Mit viel Muße. Für unfassbar viel Plastisches. Augen-Luxus pur. Am laufenden Meter zwischen Himmel und Erde.

Was seh-süchtig macht. Vor allem, wenn man Skulptur-Fan ist: Noch eine. Und noch eine. Und da hinten taucht schon das nächste Mehr- und Vieldimensionale auf. Marl ist Skulpturen-Paradies. Ob das an einem Tag zu schaffen ist?

Und: Wie nur schafft man die Hege und Pflege von so viel Public Art? Ich nehme mir vor: Das werd` ich bei nächster Gelegenheit Museumschef Georg Elben fragen. Seit 2011 leitet er das Skulpturenmuseum Glaskasten Marl. Aufgebaut hat`s Uwe Rüth. Über drei Jahrzehnte ab 1978 hat der Gründer des seit 1984 vergebenen Marler Medien-Kunst-Preises, dem ältesten deutschen Preis für diese Gattung, den Städtischen Sammlungsbestand erweitert, eine grandios famose Skulpturen-Kollektion zusammengetragen. Rund 2000 Werke sind`s heute. Mit der Special-Sparte: Video- und Klangkunst.

Jetzt aber bin ich erst einmal vor Ort, um Frei-Licht-Luft-Kunst zu genießen: Kugelformen, Organoide, Rahmenkonstruktionen, schwimmender Kunststoff, grasende Kühe, eine Nike. Wo nur soll ich hingucken? Das Konzept schönster Koexistenz beschert Augenreiz und -rätsel vom Feinsten.

Rund 80 Werke, Kategorie figürlich bis abstrakt, von der Moderne bis zur Gegenwart, stehen rund ums Skulpturenmuseum am Creiler Platz, am nahe gelegenen City-See, auf dem ehemaligen Friedhof Brassert hinter dem benachbarten Grimme-Institut, open air und gratis: Hans Arp, Emil Cimiotti,Ian Hamilton Finlay, Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff, Ilya und Emilia Kabakov, Ulrich Rückriem, Richard Serra, Ossip Zadkine, um nur ein paar der vielen High-Light-Namen zu nennen. Wer`s zeitgenössischer mag: Bogomir Ecker, Ludger Gerdes, Mischa Kuball, Christina Kubisch, Robert Schad, Günter Zins. Und und und…

Da sage noch einer, das Duisburger Wilhelm Lehmbruck-Museum sei alleiniges Zentrum für internationale Skulptur der Moderne.

Die leise Ahnung allerdings, dass meine wunderbare Kunst-Guck-Marl-Reise im Kern-Revier zwischen Essen, Bochum, Dortmund eher als exotischer Trip ankommt, werd` ich nicht los.

„Jetzt sagt doch mal, schon mal in Marl gewesen? Begeisterung sieht anders aus.

„Marl? Das ist doch was für ein Mal! Bin vor Jahren im Marler Stern gewesen. 60er/70er-Jahre-Shopping-Mall-Architektur. Mit gigantischem Luftkissendach drüber. „Das größte der Welt“, steht es im Guinness-Buch der Rekorde.“

Aha. Sowas wiederum weiß ich nicht. Stimmt aber. Und es stimmt auch, dass Marl bis 2015 mit der Zeche Auguste Victoria die drittletzte Steinkohlebergbaustadt Deutschlands war. Zeitweise arbeiteten bis zu 11.000 Menschen für die Kohleförderung. Mal ganz abgesehen davon, dass Marl zudem eine extrem interessante städtebauliche Geschichte hat. „Hügelhäuser“ kommen drin vor. Eine Schularchitektur made by Hans Sharoun. Und ein Rathaus mit hängenden Türmen.

„Wirklich? Aber wer weiß das schon.“ „Ja, weil Marl halt Marl ist. Wer will denn ein Picknick in einer Industriestadt mit einem der größten Chemieparks Deutschlands machen? Und zur renommierten Grimme-Fernsehpreis-Verleihung werden wir sowieso nicht eingeladen. Und außerdem ist der Bahnhof Marl-Sinsen alles andere als publikumsfreundlich, hübsch-hässlich wär` viel zu schön gesagt.“ „Stimmt. Und ne` kleine Weltreise weit weg von Essen, Bochum, Dortmund liegt Marl auch noch.“

Huch, prallen da etwa Welten aufeinander?

Ich hatte Marl doch als Himmel-auf-Erden für Kunst-in-3D erlebt, Analytisches, Existentielles, Emotionales, Erzählerisches entdeckt? Und im  verwunschenen Skulpturenpark hinter dem berühmten Grimme-Institut, Nähe Glaskasten gesessen, melancholisch die „Trauernde“ von Hermann Breuker geguckt, mich angesichts der Ian Hamilton Finlay-documenta 8-Arbeit (1997) von vier, in einer Flucht stehenden, Guillotinen gegruselt, einer alten Eiche bei ihrer Rot-Ohren-Mutation zugeschaut und mich über so viel getanzten und statischen Ausdrucksgestus zweier abstrakt-filigraner Stahl-Plastiken namens „Merlak und Enfim B“ gewundert.

Ödes Marl? Kam mir nicht in den Sinn.  Eher ein Zitat vom Museumschef Georg Elben: „Was für Dessau das Bauhaus ist, könnte Marl für die Architektur der 1950er bis 1970er Jahre sein.“

Allerdings und vorausgesetzt: Man mag sie, die Formensprache jener Zeit. Ich persönlich hab` da so meine Grenzen. Ich & ich: Was die eine bauhistorisch hoch interessant findet, davor  würd` die andere am liebsten schnellstmöglich fliehen. So jedenfalls geht`s mir mit dem vor der Renovierung stehenden Marler Rathaus aus dem Atelier des Architekten-Duos van den Broek und Jacob Bakema, erbaut zwischen 1960 und 1967, das Gebäude mit den „hängenden Türmen“. Ich kann mir nicht helfen, aber seine Tristesse hat bei mir Geschichte.

Zum Glück wirkt das 1982 unter dem Sitzungstrakt des Rathauses eröffnete Skulpturenmuseum so ganz anders. Rundum komplett verglast, signalisiert der architektonische Gestus: Offenheit und Transparenz, auch im gesellschaftspolitischen Sinn. Man kann rein- und rausgucken. Man sieht viel. Durchblick ist möglich.

700 Skulpturen kleineren und mittleren Formats finden sich hier beherbergt. Dazu kommen die Groß-Skulpturen im Außenraum. Nirgendwo sonst in NRW ist ein solches Dorado Bildhauer-Künste in dieser Dichte zu haben. Spartenorientierte Kunstgeschichte unterwegs auf Haupt- und Nebenwegen, von der Moderne bis heute,  drinnen und draußen, in vielerlei Schattierungen. Phantastisch plastische Kunst soweit das Auge reicht.

Marl für ein Mal? Geht nicht, gibt`s nicht. Weil: Siehe oben: Marl gut ist für viele Male Skulptur. Hinfahren, hingucken!

Marl für viele Male Skulptur