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26. Januar 2017 - von Claudia Posca

#machdichkunst

Ruhrgebiet

„Alles hängt mit allem zusammen“ sagt mein Bauchgefühl. Und findet: Das Clevere an Binsenweisheiten ist: Sie stimmen. Einfach. Immer. Aber ganz besonders momentan.

Was folgende Geschichte hat: Vor zwei Wochen durfte ich den Neujahrsempfang im Kunstmuseum Bochum genießen, auch den dortigen Gastredner, den klugen, heiß diskutierten Kunstkritiker und -soziologen Walter Grasskamp, Autor von: „Das Kunstmuseum. Eine erfolgreiche Fehlkonstruktion.“ Sodann war ich wenige Tage später auf der Pressekonferenz in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen: „Let`s buy it!“, eine Ausstellung zur Liebschaft zwischen Kunst und Kommerz. Unterdessen trudeln jeden Tag aufs Neue zig Museumseinladungen zu zig kunstdidaktischen Neu-Formaten bei mir ein: „Kunst & Kuchen“ im Märkischen Museum Witten etwa. Oder „Kunst & Kaffee“ im Duisburger Wilhelm Lehmbruck-Museum. Oder „Atelier. Mappenkurs“ zum Thema ´Künstler werden` im Folkwang  Museum Essen. Ergebnis: Mail-Box voll. Kopf leer: Wo soll ich hingehen? Last but not least ´siegte` eine Eröffnung im Hagener Karl Ernst Osthaus-Museum letzten Samstag: „Mach Dich zum Kunstwerk!“ Da wollte ich hin. Merkwürdiges kann schließlich merk-würdig sein.

Sie denken: Wo ist der Zusammenhang? Sie meinen: Kein roter Faden in Sicht?

Oh doch! Was viel mit der Frage zu tun hat, wie es um die Kunstmuseumssphäre bestellt ist: Wohin mit all der Kunst, woher all das Geld zur Pflege und Verwahrung, warum und wozu der Boom kreativpädagogischer Angebote? Man kann es auch auf einen Zwei-Satz bringen: Ade Musentempel! Welcome: Mitmach-Museum! Oder, wie es die Neue Rhein Ruhr Zeitung (NRZ) am 17. Januar treffend titelte: „Auf der Suche nach Besuchern.“

Auf dass Quote und Evaluierbarkeit stimmen, ist hinzuzufügen. Was nicht nur fürs Ruhrgebiet gilt, sondern ein Länderübergreifendes Phänomen ist. Überall hängen mehr denn je Museen am Tropf erfolgsorientierten Sponsorings. Und bangen zeitgleich um kunstinteressierten Nachwuchs. „Guck Dich doch mal um. Durchschnittsalter 50+. Schön, dass es wirklich noch einige „Kunststarter“, „Freitagsmaler“, „Artmonkeys“ und „Bilderforscher“ gibt.“

Weshalb Museen für Mensch, Gesellschaft, Bildungsauftrag tun, was sie können: Spiel, Spaß, Workshop und Kurs zur Förderung ästhetischen Feingefühls, auch kultureller Achtsamkeit. Möglichst von ´Welpenbeinen` an, von der Pike auf. Die launige List: Mit Lust Jungvolk ins Museum locken - Kids & Teens an die Macht! Die Formate dafür sind frisch, das Angebot wirbt zielgruppenorientiert: „Make art, no war!“ „Farbexplosionen - Bilder aus platzenden Farbbeuteln.“ „Ich selbst in bunt.“

So -, und damit bin ich da, wo ich vergangenen Samstag war: im Osthaus Museum Hagen, auf der Vernissage von „participate - Mach dich zum Kunstwerk“. Was keine traditionelle Bilderausstellung ist, aber eine, die irgendwann genau da hin führen soll. Die Hoffnung: Über erlebnisorientiertes Tun, der Kunst und ihrer Geschichte nahe kommen, um „ganz nebenbei“ Renaissance-Künstler genauso wie Bilder von Manet über Picasso bis hin zu Andy Warhol kennen zu lernen. Tenor: „Wer ist eigentlich Herr Barock?“

Zunächst aber macht das Mit-Mach-Museum Sie, mich - und angedacht, vor allem junges Publikum - zur Venus von Botticelli, falls Sie, ich, Kids und Teens mitmachen.

Wie das im Osthaus Museum Hagen geht, geht so: „Gezeigt werden 24 interaktive Exponate. Die können die Besucherinnen und Besucher nutzen, um sich selbst in Szene zu setzen. Damit werden sie Teil des Kunstwerkes“ lautet es auf dem Info-Zettel. Desweiteren empfiehlt das Rezept: „Entgegen sonst üblichen Gepflogenheiten ist in dieser Ausstellung das Fotografieren ausdrücklich nicht nur erlaubt sondern sogar erwünscht… Dabei kann natürlich nach Herzenslust geposed werden. Dann das Foto in den sozialen Netzwerken hochladen und schon ist man in außergewöhnlicher Umgebung zu bewundern… Auch für Fotos zum Abschluss der Grundschulzeit oder für die Abizeitung lassen sich hier außergewöhnliche Szenarien finden. Das Feld der Anlässe, zu denen ein extravaganter Rahmen geboten wird, ist schier unbegrenzt“, flirtet das vom Tübinger Kulturmarketing-Haus, dem „Institut für Kulturaustausch“, in Kooperation mit dem Hagener Osthaus Museum entwickelte Konzept.

Zwar empörte sich ein Nutzer auf einem Internet-Blog: „Gute Aktion, aber neu ist die Idee nicht. Der Kunstverein Halver hatte das schon vor sieben Jahren erfolgreich durchgeführt.“

Dennoch - und mal abgesehen von den im 19. Jahrhundert beliebten, so genannten Tableau vivants, also mit lebenden Menschen und echter Kulisse nachgestellten Gemälden: Die Hagener „Mach dich zum Kunstwerk“-Ausstellung ist derzeit weit und breit einzigartig. Ein bisschen Dada, aber nicht gaga. Und ich schwör`s: Sie macht Spaß.

Dafür stehen Repliken berühmter Gemälde aus fünf Jahrhunderten Kunstgeschichte bereit. Im Blow-up-Verfahren wurden die Bilder übermenschgroß reproduziert. Jetzt gehen sie nahtlos von der Wand in den Boden über. Teilweise sind Versatzstücke thekenartig im Raum installiert. Die Option: Sich selbst in die Kunstkulisse rein montieren. Um sprichwörtlich-buchstäblich im Bild zu sein. Nur Mut! Ehrlich, Sie werden Gottvater noch nie so nahe gewesen sein wie in Hagen.

„Da fehlt doch was? Wo ist denn die nackte Schöne mit dem Walle-Haar, stehend in der großen Muschel, die Botticelli als „Geburt der Venus“ verewigt hat?“

Genau, die fehlt. Damit Sie, ich, Vater, Mutter, Kind, Onkel, Tante, Nichte, Neffe, Oma, Opa, Enkel die berühmte Dame ersetzen. Vorausgesetzt, wir steigen ins Bild ein. Einzeln natürlich, angezogen auch, was allerdings den Fake-Effekt auf dem Smartphone-Foto mindert.

Nicht aber das Interesse derer bremste, die am Eröffnungstag flink Kamera und Handy zückten, um von der schrägen Vernissage mit den vielen „Venussen“ Witziges im Digitalformat mitzunehmen.

Tatsache ist: Sich der Kunst einverleiben fürs Foto-Shooting auf musealem Parkett ist besonders.

Übrigens: Statt Venus zu werden, kann, wer will, auch eine Tänzerin im Ballettsaal Degas` mimen. Oder den Engel zu Füßen von Raffaels „Sixtinischer Madonna“ geben.  Oder auf Hokusais „Großer Welle von Kanagawa“ surfen. Tun Sie`s, es ist köstlich.

„Nee, höher das Bein! Ja, so ist gut. Sieht echt aus, als läge dein Fuß auf der Ballettstange. Moment, kannst Du noch? Nicht wackeln! Fertig! Guck mal!“ Das Paar guckt aufs Smartphone, erlebt Kunst im neuen Format: selbstgemacht, sportiv, spaßig, fotogen.

„Wie heißt denn das Bild?“ Der Schnappschuss-Jäger von eben studiert den Kurztext auf der Info-Stele. Coup geglückt. Das Konzept, über Spiel, Spaß und digitale Medien für Kunst- und Kulturgeschichte zu interessieren, kommt an.

Fehlt eigentlich nur, dass auch jene Generation zum Ausstellungsevent pilgert, für die das Museum social-media-mächtig trommelt: „# machdichkunst“, „# participate“.

 

#machdichkunst