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16. Mai 2018 - von Claudia Posca

THE LONG NOW

Bochum

Noch einer. Und noch einer. Brückentage im Mai sind genial. Machen aus kurzer Woche langes Weekend. Muße pur. Was „The Long Now“, also „Das lange Jetzt“ heißen könnte, tatsächlich aber eine Zweiteiler-Ausstellung im Kunstverein Bochum und im niederrheinischen Museum Goch ist. Und die weiß viel darüber, dass auch Frühlingswohlgefühle eine Kehrseite haben, die zum Leben dazu gehört wie das Amen in der Kirche.

Ja, auch wenn die Sonne gerade traumschön scheint, von ewiger Dauer ist das bekanntlich nicht. Licht bedeutet Schatten und umgekehrt. „Das lange Jetzt“, hier wie dort im Spiegel von 27 Positionen Gegenwartskunst, hat genau das auf dem Schirm. Es geht jeden und alle an: Vergänglichkeit. 

Wovon auch das soeben gestartete Mammut-Projekt „Kunst & Kohle“ dem Ruhrgebiet so einiges erzählt,- anders gelagert zwar, aber ebenso bewegend. 

Fakt ist: Die „Reflexionen von Zeit“ begegnen uns derzeit auf Schritt und Tritt im Revier. Vielschichtig. Umfassend. Zwischen Historie, Gegenwart und Zukunft. Wie`s scheint, hat`s was, - das rätselhafte Fluidum. „Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich frägt, erklären sollte, weiß ich es nicht“ war schon Kirchenvater Augustinum vom Zeitlichen fasziniert.

Wie kommt man auf so ein nicht gerade griffiges Thema?

„Wir hatten den Eindruck, dass, obwohl die Thematik ja traditionell durch Vanitassymbole und Stillleben besetzt ist, gerade die zeitgenössische Kunst auf phantastisch vielfältige Weise in den unterschiedlichsten medialen Disziplinen mit Zeitstrukturen umgeht. Ja mehr noch, dass sie sich gerade auch dem Aspekt der Vergänglichkeit widmet. Dabei war es uns wichtig, eine nicht einengende Bandbreite ohne Redundanzen mit unterschiedlichen Spotlights auf ein weitreichendes Thema zusammenzutragen“ erzählt es Kunstvereinskurator Reinhard Buskies.

Wer also dachte, dass Zeit rundläuft, hat an der Zeit vorbei gedacht. Eindrücklich hat`s einst Salvatore Dalí  mit drei  Uhren ins Bild gesetzt. Schlabberweich. 

Was zeigt: Die Zeit ist ein Chamäleon, wechselt Farben im Fluss steter Veränderungen, hängt ab von Blickwinkeln, Perspektiven, Empfindungen. Daran hat sich Kunst jahrhundelang abgearbeitet. Und tut es bis heute. „The Long Now“ kann so gesehen ruhig wörtlich genommen werden.

The Long Now im Kunstverein Bochum „Hmmm. Trotzdem frage ich mich, gerade weil es ja stimmt, dass wir von einem gewissen Blickpunkt aus alle nur Eintagsfliegen sind, ob es eben deswegen nicht das ´kurze Jetzt` heißen müsste?“

Bingo! Auch ich bin über den Titel gestolpert. Und habe ihn als Werktitel der Seifenblasen-Verlängerungs-Apparatur von Verena Friedrich in der Gocher Schau wiedergefunden. Der übrigens in Bochum die „Vanitas Machine“ korrespondiert, ein installativer Coup, wie man das Abbrennen einer Kerze mittels technologischer Manipulation entschleunigt, um die Momentanität zu dehnen, damit die Vergänglichkeit, wenn schon nicht aufgehoben, so doch weit nach hinten verschoben wird.

„Was für ein kapitales Thema. Und das bei schönstem Wetter. Du weißt schon: „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte…“ 

Umso mehr ist es dem Kunstverein Bochum, insbesondere seinem Kurator Reinhard Buskies, hoch anzurechnen, dass er sich in Kooperation mit Museumsleiter Stephan Mann aus Goch auf das nicht  leichtfüßige Thema eingelassen hat. Selbst schuld, wer nicht wenigstens zu einer der beiden Stationen reist, um zu sehen, wie sich Echtzeit verhält, was Lebenszeit, Sekunde für Sekunde digital herunter gezählt, mit einem macht.

Bis zum 17. Juni ist die Kunst der Zeit auf Burg Kemnade in Hattingen zu sehen, wo der Kunstverein Bochum sein Ausstellungsrevier hat. In Goch endet der Parcours eine Woche früher. Beide Ausstellungen sind das ganze Gegenteil von Twittergewittern: echte Auszeiten vom Hamsterrad des Alltags, weil sie die Ruhe weg und Zeit intus haben.

Außerdem: Wer die eigene Lebenszeit zumindest mal als kurzen Abschnitt ganz handfest in der Hand halten möchte, drückt sowohl in Goch als auch in Bochum auf den roten Knopf. Prompt produziert die „Time Machine“ von Malte Bartsch in Abhängigkeit zur Button-down-Zeit einen Kassenbon: persönliche Zeit verbucht als investiertes Kapital, dokumentiert wie Geld auf dem Quittungsstreifen. So prosaisch kann Leben sein. Das muss man erst mal schlucken.

Anderes im Parcours zeigt, dass das Zeitalter der Beschleunigung vorbei ist. Die These dazu: „Mittlerweile leben wir zunehmend im Zeitalter zeitlicher Divergenz“ meint Reinhard Buskies. Was bedeutet, dass nichts begrenzt und alles gleichzeitig ist: Overflow (Überlauf). Wer kennt das Gefühl nicht?

Verrückt dabei ist: Gleichzeitig wissen Sie und ich, was eine indische Weisheit weiß: Der Mensch sagt: die Zeit vergeht. Die Zeit sagt: der Mensch vergeht.

Wie aber geht man mit der Gewissheit um? Wenn man nicht längst schon den Frieden mit ihr gemacht hat, wie es der Mystiker-Theologe Jacob Böhme (1575-1624) wunderbar formuliert hat: „Wem Zeit ist Ewigkeit, und Ewigkeit wie Zeit, der ist befreit von allem Streit“, den treibt das Thema um. 

Gut, dass es Brückentage gibt.

Kunstverein Bochum


Teaserimage: Kunstverein Bochum, Fotograf: Miha Fras

THE LONG NOW