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23. Februar 2017 - von Claudia Posca

Lizenz zum Leuchten

Lünen

Ich sag`s mal pathetisch: Das war ein historisches Date. Man schrieb den 17. Januar 2017, der Abend war jung, das Lichtkunstwerk war`s auch. Ins Servicehaus des Bauvereins zu Lünen hatte man eingeladen. Wohlgemerkt: der Kunst, nicht möglicher Wohnbauwirtschaft wegen.

Man erfährt, unter anderem: Fast hätten Leitungen Kunst gekappt. Die nämlich machten Kabelsalat, pikanten, an unmöglicher Stelle, auf keiner Karte verzeichnet. Was also tun? Es blieb die Neuberechnung. Jetzt steht das Werk, wo`s hingehört, ein bisschen ortsversetzt nur.

Nicht mal ein halbes Jahr hat`s gedauert bis „radial“ den Lünern leuchten durfte: Lichtkunst aus Kunstlicht in Gestalt von acht, zwischen 4,5 und 5,5 Meter Länge messenden Stelen verzinkten Stahls mit eingelassenen LEDs. Vier Stelen sieht man stehen, vertikal im Boden verankert, sie tanzen aus dem Lot. Die übrigen vier liegen plan im Boden, mit Leuchtkraft nach oben versenkt. Die Zwei-mal-Vier-Segment-Skulptur flankiert Lünens Lange Straße.

Soweit die Fakten, so gut das Ganze: „radial“ ist Hingucker und Konstruktion zwischen Himmel und Erde, energetisch-dynamisch im Raum vor Ort verspannt. Entwurfsabgabe ist der 20. August 2016 gewesen.

Die Lizenz zum Leuchten hat der in Düsseldorf lebende Künstler Martin Pfeifle gewonnen, ein Schüler Tony Craggs, ein Meisterschüler Hubert Kiecols. Es gab eine öffentliche Ausschreibung, das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW hat gefördert. Public Art ist kein Auslaufmodell.

„Martin Pfeifle, den Namen kenn` ich doch?“ „Stimmt. Du hast ein Kunstwerk von ihm besessen.“ „Nee.“ „Doch! Die Großskulptur „onda“. Chill-out in the city, Moltkeplatz, Essen. Andere haben drauf gelegen.“ „Scherzkeks. Aber stimmt. War klasse Kunst mit Wohlfühleffekt.“

„radial“ in Lünen ist anders - kühler. Nichts für die grüne Wiese, dazu radikal ortsbezogen, eine städtische Entrée-Situation, ein modernes Stadttor, eine minimalistische Korrespondenz-Installation  an exponierter Stelle: der Zu-, Ab- und Durchfahrt lichtleuchtet das Werk. Wann eigentlich habe ich letztmals solch markant-markierender Dialogsituation nachgehangen? Gefühlt: ist „radial“ schon immer dagewesen, ohne Aufdringlichkeit. Mit Selbstverständlichkeit. Weil`s passt. Feng-Shui im Stadtraum.

„Fährst Du zur Übergabe?“

Was für eine Frage. Schließlich bin ich hypergespannt, was da für ein weiterer Meilenstein auf dem deutschlandweit, ich behaupte mal weltweit, einzigartigen „Hellweg - Ein Lichtweg“ zu bestaunen sein würde. Knapp vierzig Werke in zehn Städten zwischen Ahlen und Unna sind inzwischen auf dem Jakobsweg der Erleuchtung versammelt. Stationen gibt`s in Bergkamen, Bönen, Fröndenberg, Hamm, Lippstadt, Schwerte und Soest.

Jetzt also Lünen, wo Pfeifles „radial“ ein zweites Geleucht am Platz ist -, neben dem „Flusswächter“ von Kazuo Katase. Der ist ein international bekannter Star meditativer Lichtkunst. Dass sich ein knapp 86.000-Einwohner-Städtchen diesen Konzeptkünstler 2010 gegönnt hat, finde ich beeindruckend. Und noch erstaunlicher ist: dass damit nicht das Ende der Fahnenstange erreicht war, sondern jetzt ein famoses zweites Leucht-Werk zur Stadt am nordöstlichen Rand des Reviers, am südlichen des Münsterlandes, gelegen, lockt.

Was die Lüner wohl antreibt, sich für Freilicht-Luft-Kunst stark zu machen? Wo doch woanders entsammelt wird? Kann das weg? - kein Thema in Lünen?

Der 2016 für die Auslobung einer „künstlerischen Arbeit im öffentlichen Raum“ verantwortlich zeichnende „Förderverein für Kunst und Kultur Lünen“ ist vom Gegenteil überzeugt: „Gewünscht wird eine nicht naturalistisch abbildende Konzeption…, die in einem sehr engen Kontext zur vorgefundenen Situation steht. In jedem Fall soll für den Besucher/Passanten durch die skulpturale Installation eine Beziehung zwischen beiden Straßenseiten erkennbar sein…Neben dem Bezug zur jeweils anderen Straßenseite muss die künstlerische Konzeption ´Licht` beinhalten“, steht es in der Ausschreibung.

In den Zeilen aber steckt weit mehr die Überzeugung, gerade auf schwierigem Pflaster etwas tun zu müssen fürs „urbane Millenium“. Und zwar nicht irgendetwas, sondern etwas mit Herz und Hirn, das niemanden im Dunkel stehen lässt. So oder so. Schließlich lebt und arbeitet heute „zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten“ (Henning Walcha) während in Deutschland sogar achtzig Prozent der Bevölkerung im städtischen Raum leben, wie es das Deutsche Institut für Urbanistik (DIFU) diagnostiziert.

Das bedeutet: Wir verstädtern. Der Raum wird eng. Kluge Konzepte für ein gutes Zusammenleben   sind keine schlechte Idee. Es sei denn, ein möglichst reibungsloses aneinander Vorbeileben hat Priorität. Aber wollen wir das?

Kultur, Architektur, Ästhetik, Kunst haben das Zeug zum Gegenentwurf. Statt beengter Zimmerhauserei können sie ein Luftholen draußen in gelungen gestalteter Umgebung zaubern: Platz-Situationen, Licht-Konzepte, Bau-Kultur, Kunst-Ereignisse. Vor einem sitze ich gerade: „radial“ hat was Magisches.

Die Diskussion ist im Gange, kreative Urbanität lautet das Zauberwort. Ästhetik gegen Gleichgültigkeit - , eine besonnene Zukunftsplanung. Was optimistisch gehofft, irgendwann breitenwirksam wirkt, weil einfach stimmt: Ökonomie frisst Seele.

„radial“ aber ist sinnlich, ein Leuchtturmprojekt fürs Alphabet von visueller Sprache und provozierter Achtsamkeit. Wie gesagt: Feng-Shui im Stadtraum.

Was nun mal nichts mit einem Overkill an künstlichem Licht zu tun hat. Oder mit einer Möblierung des öffentlichen Raumes durch smarte Drop-in-Skulpturen. Oder mit dekorativer Illumination, selbst wenn es „radial“ ausgesprochen elegant gelingt auch Stadtbeleuchtung zu sein.

Vor allem aber ist die neue Public Art in Lünen auf der Hellweg-Route des Lichts eine Offerte mit Sogwirkung. Im Dunklen besonders, wo sich die zu Lichtbündeln entmaterialisierenden Stelen, wo sich die als reine Lichtlinien erscheinenden Bodenbalken, den Blick krallen. So intensiv, bis der das Luminöse nicht mehr aushält. Wandern ist jetzt angesagt. Neue Position, neues Glück: Die Wahrnehmungsphänomene verschieben sich, man ist dem Hotspot zueinander eilender Lichtbahnen auf der Spur: Konkrete Kommunikation?

Dabei ist am Shönsten: Platznehmen auf der Bank vor Ort, die Herz-Jesu-Kirche im Rücken, Zeit haben, Autos fließen, Menschen gehen sehen, stumm gucken, beredt imaginieren: „radial“ - ein Lumen-Mikado? Kunsthalme statt Grashalm? Skulptiertes Licht? Reduzierte Natur? Ein bisschen ist das so, wie eine Tasse Zen schlürfen. Die Lizenz zum Leuchten ist gut vergeben.

Lizenz zum Leuchten