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22. Oktober 2019 - von Claudia Posca

„Lieber Osthaus, lieber Gropius“

Hagen

In anderer Leute Post schnüffeln? Wer macht denn sowas? Genau: Wir. Und wir tun es nicht zu knapp. Trotz Briefgeheimnis. Trotz Datenschutz. Liebeszeilen lesen wir besonders gern. Auch Reiseberichte, Geschäfts- und Freundschaftskorrespondenzen. Eigentlich schäbig. Oder nicht?

Tatsächlich gibt es Ausnahmen. Dann nämlich, wenn Sie oder ich das Schmökern in fremder Post professionell betreiben. Richtig. Der Briefgeheimnisbruch im Namen von Forschung und Wissenschaft ist kein Sakrileg. Vorausgesetzt, dass die liebe Verwandtschaft einer Veröffentlichung des Schriftverkehrs zugestimmt hat, oft zwecks einer Studie oder Publikation. Und wer weiß, was sonst noch erfüllt sein muss, bevor Antons & Lieses Briefwechsel online bzw. als Print erscheinen. Aber - und darauf kommt es an: Im Zusammenhang wissenschaftlicher Kultur- und Biografie-Geschichte braucht keiner Gewissensbisse beim Studieren fremder Korrespondenzen haben. 

Bedeutet im Umkehrschluss: Wo die Forschung Futter braucht, endet das Briefgeheimnis. Was aber natürlich gut ist, sonst käme viel Interessantes nicht an den Tag. So wie jetzt in dem frisch erschienenen 500-Seiten-Buch „Karl Ernst Osthaus und Walter Gropius - Der Briefwechsel 1908 -1920“, veröffentlicht im Klartext-Verlag Essen im Rahmen des diesjährigen Jubiläums „100 Jahre Bauhaus“, - ein roter Teppich im Buchformat zur Ehre des Hagener Folkwang-Museumsgründers und Kulturreformers Karl Ernst Osthaus (1874-1921) und des späteren Direktors des Staatlichen Bauhauses in Weimar, Walter Gropius (1883-1969). Als „Partnerschaft für die Moderne“ stellt sich ihr freundschaftlicher Briefwechsel dar.

„Lieber Osthaus, lieber Gropius“ - zwischen 1908 und 1920 haben sich die Visionäre neuer Gestaltung in Architektur, Kunst, Gewerbe, Design, Gesellschaft und Leben viel zu sagen, viel zu schreiben. Nicht immer sind sie einer Meinung. Aber: Rund 400, erstmals im Zusammenhang veröffentlichte Dokumente aus dem Karl Ernst Osthaus-Archiv Hagen belegen ebenso: Einig war man sich vor allem darin, dass Kunst und Ästhetik das Leben durchdringen sollten. Die Passion für keramische Fliesen etwa führte den Hagener Kunstmäzen Osthaus und den Berliner Architekturstudenten Gropius im Mai 1908 in Madrid erstmals zusammen. Ein Glücksfall für Gropius: Osthaus nimmt den neun Jahre Jüngeren in den Kreis seiner förderungswürdigen Künstler- und Architektenfreunde um das von ihm 1902 als „Kreuzpunkt der Moderne“ gegründete Hagener Folkwang-Museum auf, ein weltweit allererstes Museum für zeitgenössische Kunst, der Urquell des „Hagener Impulses“. Später wird Osthaus Gropius als Leiter der einstigen Kunsthochschule Weimar empfehlen, „was ihm den Aufbau des Bauhauses ermöglicht hat.“ (Reinhold Happel) Außerdem ist Osthaus vom Auge und Feingespür des jungen Architekturstudenten Gropius so beeindruckt, dass er ihn zeitweilig als Kunstagenten zum Einkauf für die Hagener Museumssammlung in die Welt schickt. Kurzum: Dank Osthaus ebnet sich für den aufstrebenden Gropius der Weg erheblich: „Osthaus was instrumental in supporting me“ schreibt Walter Gropius kurz vor seinem Tod 1969 an die damalige Direktorin des Osthaus Museums, Herta Hesse. Auch dieses Schreiben findet sich in dem opulenten Quellen-Buch zur Erforschung der „starken Wurzeln des Bauhauses im westfälischen Hagen“ dokumentiert. Was Krimi pur ist, ein Sesam-öffne-Dich wider kulturhistorische Desiderate. „Sämtliche Dokumente, vom Telegramm über Listen mit Ausstellungsobjekten bis hin zu handgeschriebenen Briefen mit persönlichen Stellungnahmen werden wissenschaftlich kommentiert und begleitet von ausführlichen Essays“ heißt es zu der mit 29,95 Euro vergleichsweise günstigen, sorgfältigst recherchierten Publikation. Zukünftig werden am Bauhaus Interessierte wohl kaum an diesem Grundlagenwerk vorbeikommen.

Gropius 1  Erstmals vorgestellt wurde das gewichtige Buch am 6. September im Osthaus Museum Hagen. Begleitet wird es von der Ausstellung „Vorbildliche Industriebauten“, die Gropius einst, zwischen 1911 und 1914, im Auftrag des von Karl Ernst Osthaus 1909 in Hagen gegründeten „Deutschen Museums für Handel und Gewerbe“ zusammengestellt hatte. Die jetzt bis 12. Januar 2020 gezeigte Foto-Ausstellung moderner Industriebauten rekonstruiert die historische Wanderausstellung, beleuchtet im Zusammenhang des Essays „Walter Gropius als Ausstellungsmacher“ erstmals dessen kuratorisches Wirken. Teile der Fotoausstellung finden sich in repräsentativer Auswahl in der Publikation dokumentiert. Keine Angst also vor nur und ausschließlichem Textmaterial. Was zu gucken gibt es auch. Versprochen. Und die Foto-Ausstellung selbst ist ganz sicher ein Dorado für Fans industrieller Bau-Kultur, - zudem ein Beleg dafür, dass Osthaus und Gropius die Bedeutung des Fabrikbaus für die Architektur der Moderne hoch schätzten. Gerade Osthaus setzte auf die anschauliche Fotografie, um vorbildliche Architektur bekannt zu machen.

Aber natürlich ist das von Reinhold Happel, Professor am Fachbereich Design an der FH Münster und Birgit Schulte, stellvertretende Direktorin des Osthaus Museum Hagen herausgegebene Osthaus-Gropius-Korrespondenz-Kompendium vor allem eine Textmacht. So viel Briefwechsel auf einen Streich, so viel Nah-dran an historischer Zeit. Hat man sich erst eingefuchst, kommt das intensive Hin-und-Her-Geschreibe als Lebens-Live-Stream rüber: „Lieber Gropius! Vielen Dank für Deinen Brief und vor Allem herzlichen Glückwunsch zu Deiner Berufung nach Weimar. (…) Dein Programm habe ich mit Interesse gelesen. Ich freue mich, dass Du es in seiner vollen Schärfe und Reinheit durchführen kannst. Natürlich bin ich mit dem Aufbau, der unsern modernen Bedürfnissen entspricht, vollkommen einverstanden. Darf ich nur eine Anmerkung machen?  Es ist richtig und auch wichtig früh zu betonen, dass die Baukunst Mutter der Künste sein soll. Aber das Verhältnis zwischen den bildenden Künsten ist doch zu verschiedenen Zeiten ein verschiedenes gewesen, und es gibt Gebiete der bildenden Kunst, die sich nicht unter diesem Gesichtspunkt greifen lassen, z.B. das Kleid und der Schmuck“ textet Osthaus am 27. April 1919 an Gropius. (S. 453) Der wiederum hatte Osthaus am 24. April 1917 mit der Feldpost zustellen lassen: „Ich habe gerade wieder das Glück eines Urlaubs in Wien genossen und finde mich schwer in den ewig öden, nur niederreißenden und gar nicht aufbauenden Kriegsbetrieb herein. Ich denke viel über den Sinn des Ganzen nach und komme nun manchmal in Zweifel und Gewissensnot, denn geschieht das alles wirklich nur, damit die Juden sich zu Hause mehr und mehr mästen und diese allein Leben und vermehrtes Gut aus dem großen Jammer erretten?? Der Kapitalismus ist so grotesk geworden – denn das Regulativ der Außenwelt fehlt ihm durch unsere Abgeschlossenheit – dass es doch schließlich wohl an sich selbst zu Grunde gehen muss?! Wir alle sind schuld, dass es so gekommen ist, wir haben die Juden unbehindert groß werden lassen, und ich fürchte die frische Kraft zu einem Pogrom ist nicht mehr in uns, das beweist der bedenkliche wachsende Zug zur „Aufklärung“, zum Sozialismus, in dem eben wieder die Juden treibende Elemente sind.“ (S. 430) Ja, einen solchen Gropius liest man selten. 

Und: Wie passt das mit einem anderen Zitat des Fabrikbau-Visionärs zusammen, in dem er 1911 mit Blick auf die Bestrebungen des Kaiserreichs, den Stellenwert der Arbeit neu zu definieren, zur Harmonisierung von unternehmerischen Interessen einerseits (Produktions- und Gewinnmaximierung) und dem sozialen Frieden andererseits fordert, dass der Arbeit „Paläste errichtet werden (müssen), die dem Fabrikarbeiter, dem Sklaven der modernen Industriearbeit, nicht nur Licht, Luft und Reinlichkeit geben, sondern ihn noch etwas spüren lassen von der Würde der gemeinsamen großen Idee, die das Ganze treibt“? (S. 35) 

Ich sag`s ja: Ein Krimi ist nichts dagegen, Quellenforschung liefert Zündstoff. Was die Hagener Publikation zur wertvollen Forschungsquelle macht.

12gropius

„Lieber Osthaus, lieber Gropius“