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6. April 2017 - von Claudia Posca

„Let`s buy it!“

Oberhausen

Genau das wär`s: Rein in den Korb, nach Lust und Laune eingekauft, vorzugsweise einen Giacometti, einen Cézanne, Twombly oder Beuys. Schade nur, dass das Real-Life realistisch ist. Statt ´open bar` gilt gedeckeltes Budget.

Der Oberhausener Ausstellungstitel aber klingt verführerisch: „Kunst und Einkauf“ auf Schloss Oberhausen, Ludwiggalerie: „Von Albrecht Dürer über Andy Warhol bis Gerhard Richter“. Es geht um Markt und Mall in Kunst und Historie.

Bevor ich mich bitten lasse: Let`s do it! Zumindest theoretisch kann man`s ja mal probieren. Her mit der Kunst, der Markt ist da.

Der allerdings hat eigene Gesetze, lässt Kunstwerk und Bewertung nach „einem geheimen Code unter Beteiligung von Künstlern, Sammlern, Galeristen, Kritikern, Auktionatoren, Kuratoren Museumsdirektoren und vielen mehr“ entstehen. Wer sich da rein wühlen will, kommt um Katja Bloombergs Buch „Wie Kunstwerte entstehen“ nicht drum rum.

Fakt ist: Ohne Moos: nix los. Das ist im Revier nicht anders als woanders. Fakt aber ist auch: An billiges Geld kommen Sie und ich in der Regel nicht ran.

Bei Scheichen sieht das anders aus. Laut der Wirtschaftsagentur Bloomberg soll Sheikhar Al-Mayasa bint Hamad bin Khalifa Al-Thani jährlich eine Milliarde Dollar zur Verfügung habe, um fürs Emirat Katar schönste Kunst einkaufen zu können.“

Die Museumschefs des Reviers können da nur milde lächeln. Galgenhumor ist gefragt. Um überhaupt irgendwie über die Runden zu kommen. Seit Jahren tendieren die Ankaufsetats kleinerer und mittlerer Ausstellungsinstitute gen Null oder sind lächerlich gering. Was den Scheich natürlich nicht interessiert. „Let`s buy it!“ ist sein Selbstbewusstsein. Koste es, was es wolle. Je teurer, desto größer ist der eingekaufte Reliquien-Status.

Ich kaufe, also bin ich. Was ist dran am „Let`s buy it“-Hype? Dreht der Markt durch?

Einen Sieger-Sammler würde den Scheich der Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich nennen. Von ihm stammen die klugen Gedanken: „Siegerkunst. Neuer Adel, teure Lust“. Im letzten Jahr ist das Buch erschienen.

Und Sieger-Sammler sammeln Sieger-Künstler. Den reichsten, lebenden Künstler etwa: den Briten Damien Hirst. „Sein Vermögen wird 2010 auf 215 Millionen Britische Pfund geschätzt“, skizziert Oberhausens Ludwiggalerie-Chefin Christine Vogt den Wirbel um den Haifisch-Kunst-Einleger Damien Hirst. Auf der zweitägigen Auktion „Beautiful Inside My Head Forever“ hat er 2008 eine Jahresproduktion seiner Werke bei Sotheby`s in London versteigert. Sein Angebot: 223 Arbeiten für 65 Millionen Britische Pfund. Am Ende kamen 111 Millionen heraus. Wenn das keine Mega-Gewinn-Maximierung ist.

Zum Glück für den Künstler. Wovon sonst sollte der den nächsten Platinschädel, besetzt mit 8601 Diamanten, bezahlen? Jaja, so relativ kann die Sicht auf Kunst und Kommerz sein.

Nur, ob das Bildphilosophische langsam im Geld verhungert, geht im Pop-kulturellen Zirkus unter.

„Siegerkunst ist (…) Kunst von Siegern für Sieger. Sie ist zum wichtigen Ingrediens einer exklusiven Lebenswelt der Erfolgreichsten (…) geworden.“ (Wolfgang Ullrich)

Da frage ich mich ernsthaft: Will ich zu den ´happy few` dazu gehören? „Let`s buy it“ über alles?

Überhaupt: An wen richtet sich die Einladung zum Kaufrausch? Sind Sie, ich oder der Scheich gemeint? Und wenn nicht Sie und nicht ich es sind, die angesprochen werden, steht uns eine Re-Feudalisierung von Kunst und Kultur ins Haus? Nach dem Motto: Schluss mit lustig: „Kunst für alle“ war gestern, Kunst „zwischen Reliquienkult und Fondmanagement“ (Beat Wyss) ist heute. Dafür dürfen wir die Reichen-Kunst im schnieken Privatmuseum bewundern.

„Da packst Du dich doch an den Kopp!“ Mein Kollege ist ernstlich aus dem Häuschen. „Über zwanzig Millionen Euro hat einer im März für einen Gerhard Richter raus gehauen. Verrückt! Fragt sich nur, wer eigentlich der Wahnwitzige ist? Der Sammler, der den Preis bei Sotheby`s hoch gesteigert hat? Oder die Welt, die solch einen Irrsinn auch noch mit Schlagzeilen hofiert. Wo bleibt das Bildanschauliche als Mehrwert der Kunst?“

Stimmt! Wo bleibt es? Tatsächlich geht`s bei der vermeintlichen großen Kunst nur mehr nur ein bisschen und auch nur ganz zum Schluss, wenn der nächste Rendite-Verkauf ansteht, um Bedeutung. Wertschöpfung ist halt was anderes als Wertschätzung.

Die Sorge ist: Dass der Mammon, den Wenige im Überfluss haben, - Stichwort: Sieger-Sammler -, und nicht wissen, wohin damit, - nachdem sie schon zig Berliner und Londoner Lofts aufgekauft haben und die Oldtimer-Sammlung aus den Nähten platzt -, dass dieses zur Vernichtung anstehende Geld, Einfluss nimmt auf das, was Künstler produzieren, was die Museen zeigen (können).

„Das billige Geld hat längst eine zentrale Säule der Kunstvermittlung unterspült. Die Kunstgeschichte schreiben nicht mehr die Museen und die Kuratoren“ hat es Martin Zeyn für den „Deutschlandfunk“ 2016 ins Netz gestellt. Stattdessen werde die Kunstgeschichte vom Geld geschrieben.

Korrumpierte Künste? Ausverkaufte Ästhetik?

„Oder sollten wir einfach darauf verzichten, von ´der` Kunst zu sprechen und einfach besser differenzieren: in Sammlerkunst, Ausstellungskunst und Kunst, die in kein Schema passt?“

Was sicher eine gute Idee ist, die Martin Zeyn da anregt. ´Die Kunst` gibt es nicht: „Nein es gibt eine Kunst für Supersammler, eine für Kunstvereine, Biennalen und die documenta, eine für ambitionierte Enthusiasten und eine für Repräsentationszwecke. Geld spielt nicht in allen Bereichen dieselbe Rolle, sondern mal mehr, mal weniger.“

Tatsächlich hat das Reinheitsgebot, hier: Mammon, dort: Kunst, noch nie funktioniert. „Let`s buy it“ in Oberhausen zeigt es sehenswert beim Ritt durch die Kunstgeschichte vom späten Mittelalter bis zur aktuellen Position. Schon immer hockten Salonmaler und Adel, Klerus und Auftragskünstler zusammen. Wer das Geld hatte, nahm sich die Freiheit der Kunst. So sah`s aus, so sieht`s aus. Der Malerfürst von gestern ist der Sieger-Künstler von heute.

Wozu also die Aufregung?

„Naja, die Dimensionen machen den Kohl fett. „Let`s buy it!“ für Bestbetuchte. Oder?“

Wie der Hase auf dem Kunstparkett läuft, zeigt das Beispiel Picasso. Sein Gemälde „Femme d` Alger“ ging 2015 beim New Yorker Auktionshaus Christie`s für sage und schreibe 160 Millionen Euro über die Theke, durchs Telefon ersteigert von einem New Yorker Bieter. Für den war „Let`s buy it“ offensichtlich Reality, kein Wunschtraum. Obwohl er eigentlich nur 140 Millionen Dollar hatte anlegen wollte. Aber was sind schon ein paar Millionen Dollar mehr? Schließlich „soll ein sakraler Fetisch wie ein Wunder vom Markthimmel fallen. Wenn so ein Objekt nur hunderttausend Euro kostet, kann kein Mensch daran glauben“ ist sich Beat Wyss, Schweizer Kunsthistoriker und Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, sicher.

Also gilt, wer hat, der hat und hat vor allem eins im Sinn: Wie knacke ich den Jackpot? Kaufen statt sammeln, um als High-Endler, natürlich anonym gemäß dem Motto: je geheimnisvoller desto auratischer, zu posieren.

„Heute geht es um den Akt des Kaufens: den Sex-Appeal, den verströmt, wer ohne mit einer Wimper zu zucken, zwanzig Millionen für einen Jeff Koons hinblättert.“ (Beat Wyss)

Schade dabei nur: Der schöne Picasso ward seither nicht mehr gesehen. Auf unbestimmte Zeit ist er im Tresor verschollen.

Gemacht aber wird Kunst für was? Genau: Sie will gesehen werden. „Let`s buy it!“, um Kunst zu gucken in Oberhausen!

„Let`s buy it!“