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25. Februar 2016 - von Claudia Posca

Lebendkunst: Bitte anfassen!

Gelsenkirchen

„Bilder, die nicken! Und ticken und picken!“ Wo gibt‘s denn sowas? Allein: Mir reicht die bloße Vorstellung: Lebendkunst! Bestes Beispiel: der Kinofim „Nachts im Museum“. Was da so alles passiert. Runter vom Sockel, auf ins Abenteuer. Gepfiffen auf museale Manieren!

Fand wohl auch der bekannte Kabarettist Wolfgang Neuss, von dem obiges Zitat stammt. Leider kann man ihn nicht mehr fragen, er starb vor 27 Jahren. Aber es ist überliefert, dass er in den 1960ern mit dynamischer Kunst liebäugelte und ganz besonders der Rhein-Ruhr-stämmigen Lichtleucht-ZERO-Kinetik-Kunst von Mack, Piene, Uecker schöne Augen machte, als die in Berlin ausgestellt wurde. „Also gleich wusst‘ ich: Zero macht lustich. Jetzt bin ich froh, ich bin ein kleiner Zero“ reimte der scharfzüngige Satiriker zwischen spitz und frech und angetan.

Ein Zero bin ich zwar nicht, aber fasziniert bin ich doch - von einer Kunst, die nickt, tickt, pickt. Schade eigentlich, dass diese im 21. Jahrhundert ein wenig ins Hintertreffen geraten ist, seit ihr performative Mitmachkünste oder auch Filmisch-Digitales den Rang abgelaufen haben. Dabei hatte Kinetik-Kunst gerade an Rhein und Ruhr ein Forum. Siehe ZERO-Kunst.

Mein Lieblingskünstler für Kunst in Bewegung allerdings kommt aus der Schweiz. Und ist, nach den russischen Konstruktivisten und neben dem Ungarn Laszlo Moholy-Nagy, zweifellos der Pionier kinetischer Bildkunst: Tingeling, eigentlich Jean Tinguely (1925-1991), ein großer Maschinen-Tüftler und Kreator von „Klamauk“, einem Auto-Ungetüm mit Kuhglocken dran, Zimbalen auch, und Röhren, Fässern, Becken, einmontiert im Trödelchaos auf vier Traktorrädern, ein Klingel-Tingel-Pingel-Dong ohnegleichen, kunstvoll verschraubter Krempelkram, einst vom Künstler selbst anlässlich eines Memorials im schweizerischen St. Ursanne 1981 über eine Rennstrecke gesteuert. Und ausgerechnet in der Autostadt Wolfsburg vom dortigen Kunstmuseum wunderbar bewegend im Jahr 2000 reloaded. Ich war begeistert!

Aber auch im Revier gibt‘s Bewegtes live vom Schweizer „Meta-Matic“-Groß-Meister: im Duisburger Wilhelm Lehmbruck Museum. Hinfahren, nachfragen, gucken: Das wunderbare „Märchenrelief“ von 1978 hat einen rasenden Gartenzwerg, einen traurigen Löwen, einen stolzen Adler und eine Ente namens Stefanie. Herrlich! Und nur einen Knopfdruck entfernt! Bis alles rattert und läuft, dank Tinguely.

Was ich so besonders finde, wenn`s blinkt, changiert, rotiert? Ich sag‘s mal mit meinem Favoriten: „Das einzig Stabile - das ist überall und immer die Bewegung… Nichts ist sicher außer, was nicht sicher ist.“

Heißt: Wenn es etwas gibt, was es immer gibt, also, etwas, was durchgängig, kontinuierlich, fundamental, vielleicht sogar ewig ist, weltweit, privat und global zwischen Himmel und Erde, etwas also, was sich durchs Leben zieht als beständiger Fakt, auf den man bauen kann, dann ist das Labilität, Veränderung, Dynamik. Und wer bringt ‚s, außer dem Leben selbst, besser ins Bild als Lebendkunst?

Die das bestens wissen, haben ein famoses „Musiktheater im Revier“, genial erbaut vom großen Werner Ruhnau und mit Yves Klein-Weltkunst in Blau drin ausgestattet. Fahren Sie mal nach Gelsenkirchen! Übrigens in jene Stadt, die einst als Ort der Künstlersiedlung „Halfmannshof“ bekannt war und ein Pianohaus hatte, wo ZERO-Künstler Otto Piene 1964 seine berühmte Klavier-Benagelung vor Publikum performte. Kinetik-Kunst live sozusagen.

Heute ist das Kunstmuseum an der Horster Straße die Adresse für Kinetik in allen Schattierungen und vom Feinsten, dynamisch-jung geblieben seit den 1960er Jahren, als man sich entschloss ZERO und andere Bewegungskunst internationaler Herkunft fürs damals noch „Städtische Kunstsammlung“ heißende Haus zu kaufen: u. a. Gianni Colombo, George Rickey, Gregorio Vardanega.

Schon mal mit einer Skulptur gequatscht? Oder Faxen vor einer Säule gemacht? Oder in einem Bild rumgefummelt? Gar Petting im Museum betrieben? Weil ein feistes Bronze-Insekt ständig in den Raum rein raunt: „Streichel mich, bitte streicheln!“ Natürlich lässt man sich das nicht zweimal sagen: „Mehr, mehr, jaaaaaah, aaaaaaaahhh...“ Versprochen: Man darf das! „Treten Sie bitte zurück“ gibt‘s hier nicht. Je mehr Streicheleinheiten, je mehr Aktivität, desto intensiver die Kunst.

Gelsenkirchens Kinetik-Kollektion setzt auf Kommunikation: Lebendkunst zum Anfassen und Ausprobieren. Bitte hüpfen! Und wer die „Cobra“ kann, bitte sehr! Sonst einfach den „Hampelmann“ vor der Stelen-Kunst zelebrieren. Hat man die rechte Position gefunden und ist die Fotozelle ausgelöst, komponiert sich wie von Zauberhand Klang durch Körperbewegung, während nebenan Zahnradketten-befestige Stahlfedern ganz allmählich und gemächlich unterschiedlichste Formverläufe variieren, ein stiller Windhauch die voreinander montierten, hauchzarten Tuche mit Fotoaufdruck in die Unschärfe treibt oder ein quadratisches Bild mit zehn abwechselnd flachen und gewölbten Graustufen ein illusionistisches Verwirrspiel in Gang setzt. Optik labil, auch das ist kinetische Kunst.

Bis „Heavy Metal“ ertönt: Da hat sich doch einer tatsächlich getraut, die Kunst zu hauen. Das Resultat? Wummert durch Mark und Bein, der Riesen-Gong hat Sound.

Das wiederum hält die spanische Fliege nicht aus: „Streichel mich! Bitte streicheln! Jaaaah, sooooo…. Mehr streicheln!“ Kinetik-Kunst macht Spaß.

Lebendkunst: Bitte anfassen!