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20. August 2015 - von Claudia Posca

Kunstvereins-Grübelei

Essen

Bums, das sitzt: „Kunstvereine sind antiquiert!“ Haut’s einer in die Runde, mitten hinein ins Philosophieren über die Kulturszene Ruhr. Und dass, obwohl ich grad’ dabei war, meinem Gegenüber vom internationalen Künstler-Austausch-Programm „RuhrResidenz“ in spe zu erzählen.

Nicht zu vergessen, das Engagement der Revier-Kunstvereine im Kulturhauptstadtjahr 2010: Projekte wie „GrenzGebietRuhr“, sowie im Nachgang, das Artcamp „Blowin’ Free“ im Rahmen der EMSCHERKUNST 2013, und „Canale Grande“ 2014 ernteten in Zu- und Widerspruch große Resonanz. Und überhaupt: Was wäre das kunstgebiet.ruhr ohne das enorme Ausstellungs-, Reise- und Vermittlungsprogramm seiner rund 19 Kunstvereine?

Der erste Kunstverein überhaupt wurde 1792 in Nürnberg mit der Albrecht-Dürer-Gesellschaft gegründet. Es folgten 1817 der Kunstverein in Hamburg und ein Jahr später der Badische Kunstverein in Karlsruhe. So gesehen – tatsächlich ganz schön alt, die heutigen Kunstvereine.

Aber sind sie deswegen veraltet?

„Kunstvereine sind die zentralen Vermittlungsinstanzen für zeitgenössische Kunst in Deutschland. Sie sichern der Kunst ein Forum, in dem diese breiteren Kreisen der Bevölkerung sowie einem Fachpublikum nahebracht wird. Weit über eine Millionen BesucherInnen nehmen jährlich die Angebote der Kunstvereine wahr. Die Bedeutung und Einzigartigkeit der Institution Kunstverein, die in Deutschland auf eine über 200-jährige Geschichte zurückblicken kann, zeigt sich eindrücklich in der Vielzahl und der Vielgestaltigkeit der unterschiedlichen Institutionen: In über 300 Kunstvereinen engagieren sich mehr als 120.000 interessierte BürgerInnen als Mitglieder – eine einmalige Situation in Europa!“ skizziert Carina Herring vom Dach- und Interessenverband der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine ADKV.

Davon lässt sich mein Gegenüber nicht beeindrucken: „Kunstvereine sind Krustentiere!“ Schade, dass grad niemand vom Netzwerk KunstVereineRuhr mit am Tisch sitzt. Die würden wohl platzen.

Aber auch so ist die Debatte hitzig. Und dauert. Gut, dass wir sitzen. Der Affront hängt schroff überm Essen-Rüttenscheider Isenberg-Platz in lauer Luft.

Biestiges Denken gehört zum Metier. Und mal ehrlich: Ähnlich düstere Zukunftsvisionen geisterten einem selbst auch schon durch den Kopf. Trotz der ADKV-Positiv-Darstellung. Vor allem, wenn man an das in die Jahre gekommene Vernissage-Publikum, die wenigen jungen Leute im Ausstellungsraum, die stagnierenden, eher rückläufigen Mitgliederzahlen, die große Konkurrenz anderer Institutionen zwecks Förderung und Vermittlung von (noch) nicht etablierter Kunst denkt.

Ist der Kunstverein ein Auslaufmodell?

Ganz sicher nicht, wenn es um die inhaltliche Arbeit geht, die die Kunstvereine an Emscher und Ruhr als Solisten oder gemeinsam stemmen. Wichtige künstlerische sowohl als auch kulturpolitische Impulse werden von ihnen vorangetrieben, „zur Herausbildung eines besonderen kulturellen Profils der modernen Gesellschaft.“ (KunstVereineRuhr)

Stolz können die KunstVereineRuhr in der Tat sein. Trotz aller Kritik sind sie es, die entdecken: junge Kunst, innovative Kunst, vitale Kunst. Daneben netzwerken sie vor Ort und international für die Sache der Kunst.

Woran aber liegt es dann, dass das Modell Kunstverein müde wirkt? Ist es die Vereinsstruktur, die heute nicht mehr ankommt? Die vor allem auf junge Leute eher abschreckend denn einladend wirkt? Weil zu wenig Mitsprache, zu wenig Einflussnahme möglich ist? Sind die Vereinsbeiträge zu hoch? Oder ist schlicht das philosophisch-inhaltliche Interesse unserer Gesellschaft geschrumpft, das Kunstvereine sehr im Unterschied zu spekulativer Kunstmarkt-Profit-Orientierung hochhalten?

Die Historie des Kunstvereins wurde abseits vom Marktinteresse geschrieben. Das Motto des aufstrebenden Bürgertums um 1800: Kunst und Ästhetik unters Volk bringen. Statt Ständestaat, bürgerschaftliches Engagement. Die ersten Kunstvereine, – sie waren ein erster Schritt hin zur Demokratisierung von Kunst.  

Auch wenn mein Gesprächspartner Vereins-kritisch äugt –, gut dass es diese Vereinskultur bis heute gibt! Denn als kleine flexible Einheiten nah dran am Puls der Zeit und vor Ort mit ihrer „schlanken Logistik“ (Stephan Berg, Intendant KunstMuseum Bonn) leisten Kunstvereine wertvolle Entdeckungs- und Vermittlungsarbeit. Was wiederum der jeweiligen Stadt hinsichtlich ihrer Bedeutung als Teil von „Creative industries“ kulturpolitisch extrem wichtige, weiche Standort-Vorteile sichert.

„Ja sicher, d’accord, aber…“ Mein Kontrahent gibt nicht auf. Meint, dass mit dem Profil der Kunstvereine etwas nicht stimmt: „Wodurch denn unterscheiden sich deren Ausstellungen von den Ausstellungen anderer Institutionen?“

Eine Nachfrage unter vielen. Die Kunstvereine selbst denken darüber nach. Schon zwei Jahre vor dem Kulturhauptstadtjahr 2010 hat Vanessa Joan Müller, bis 2011 Direktorin des Düsseldorfer Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen, angemahnt: „In Zeiten, da jedes Museum einen Projektraum für junge Kunst einzurichten scheint, müssen die Kunstvereine ihr Profil schärfen und wieder ein wenig unangepasster werden. Eine stärkere diskursive Verankerung z.B. auch oder gerade weil die Feuilletons dies zu hassen scheinen, könnte eine tragfähige Perspektive bieten, auch in Zeiten schrumpfender Budgets Signale für die Gegenwartskunst zu setzen.“

„Ja, wenn die Diskussion in diese Richtung geht… “ Mein grantelnder Widersacher entspannt sich. „Forciert die Profilierungs- und Vernetzungs-Muskulatur spielen lassen, das könnte gehen. Vielleicht sind die Kunstvereine damit tatsächlich auf einem guten Weg.“

Vielleicht? Ich bin überzeugt!

Kunstvereins-Grübelei