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7. April 2016 - von Claudia Posca

Kunst sammeln, Augen heilen

Recklinghausen

Besonderer Anlass, besondere Gelegenheit: Wann schon kann man mit einem Augenarzt übers Kunst-Gucken, insbesondere auf polnische Bildwerke, philosophieren? Ob andere Nationen anders Kunst gucken als wir? Wollte ich immer schon mal wissen.

Ich fahre nach Recklinghausen und treffe dort Werner Jerke, Mittfünfziger, Augenheilkundler, verheiratet, Leiter einer Augenklinik und seit 30 Jahren Kunstsammler aus Leidenschaft.

Soeben ist er dabei, dem Ruhrgebiet ein Gratis-Museum zu bescheren, Eröffnung: Sonntag 24. April, 13 Uhr, „kein Cent Steuergeld steckt drin.“ Ein Glücksfall.

Stattdessen steckt Spitzenkunst im Spitzdach-Neu-Museum. Sogar das New Yorker MOMA fragt schon mal Kunst aus der Jerke-Kollektion an. Spezialisiert ist die auf polnische Avantgardekunst der 1920er/30er Jahre sowie auf polnische Nachkriegskunst. Große Namen darunter: Henryk Berlewi, Tadeusz Kantor, Maria Jarema.

Ob es tatsächlich stimmt, dass Recklinghausen mit der neuen Jerke Art Foundation, Johannes-Janssen-Straße, ab sofort ein erstes und einziges Museum für polnische Kunst außerhalb Polens beheimatet?

„Ja, es ist wirklich das erste Museum außerhalb von Polen, das ausschließlich polnische Kunst zeigt.“ Wirklich? „Ja, sogar weltweit“ betont Werner Jerke.

Warum das neue Haus in auffälliges Blaugrau-Granit gewandet wurde? „Weil ich Schalke-Fan bin“ schmunzelt der Augenarzt. Vor Kritik allerdings hat das die Architektur nicht bewahrt.

In schönster Altstadtlage neben dem Recklinghäuser Ikonen-Museum, Nähe St. Petri-Kirche, sticht der für manchen zu puristische Baukörper aus der umgebenden Fachwerkarchitektur heraus. Der leidenschaftliche Sammler aber meint: „Ein Museum muss provozieren, wie die Kunst selbst. Das Schlimmste ist, wenn jemand an einem Kunstwerk vorbei geht und gar nicht reagiert.“

Als Koproduktion zwischen ihm und einem befreundeten Architekten entstanden, ist das als Museum-aus-einem-Guss beeindruckende Gebäude ein monolithischer Hingucker: Fassade und Dach gehen nahtlos ineinander über, ein seltenes Stück Architektur von eleganter Ästhetik, ausgestattet mit skulpturaler Persönlichkeit.

Gratulation an die Stadt zum markanten neuen Eye-Catcher! In der rund 200-Häuser-starken Museumslandschaft Deutschlands ist das kleine Jerke-Museum eine echte Augenfälligkeit.

Doch nicht nur ans Augenwohl denkt der Augenarzt. Im Erdgeschoss seines Privatmuseums wird feinste Gastronomie serviert: vom TV-Koch Matthias Ruta, bekannt aus der Fernsehserie „Kochduell“. Ob man schon mal reservieren sollte?

Aktuell allerdings sitzen wir im Szene-Restaurant „Eckstein“ ums Eck mitten in der Recklinghäuser Kunstmeile. Denn noch ist Baustelle im Neu-Museum. „Alles wird aber rechtzeitig fertig werden“ ist sich mein Gesprächspartner sicher.

Warum polnische Kunst? „Ich wuchs im oberschlesischen Pyskowice in einer deutschstämmigen Familie auf, zuhause sprachen wir Deutsch, in der Schule sprach ich Polnisch, in Krakau habe ich studiert, an jeder Ecke gibt es dort Kunst und Architektur zu bewundern. Das prägt.“

1981 siedelte der studierte Geograf nach Deutschland um, begann ein Studium der Augenheilkunde, am Wochenende „interessehalber“ noch dazu ein Kunstgeschichtsstudium. Stress? Hetze? Zeitmangel? „Gibt‘s nicht.“

Ich staune: Wie schaffen Sie das? „Ach, der Tag hat 24 Stunden. Es geht. Wenn man alles richtig macht“, lacht der Kunstenthusiast. Hobby-Winzer ist er zudem, lässt schon mal gern von polnischen

Künstlern Etiketten für seine Weinproduktion im schönen Kreuzberg an der Ahr fertigen.

Bleibt da noch Muße fürs Kunstsammeln? „Das Ruhrgebiet hat viele Flughäfen. In 11/2 Stunden ist man in  Polen, freitags hin, sonntags zurück, das reicht für Galeriebesuche, fürs Informieren und Lesen.“

Rund 600 Werke hat der Mann inzwischen versammelt. Was macht man mit so viel Kunst? Auf der Internet-Plattform „Porta Polonica“ zitiert man den Museumsbesitzer: „Kunstwerke gehören niemals einem allein. Sie werden vom Besitzer lediglich auf Zeit gepachtet. Ich bin froh, wenn ich sie für einen Moment halten kann. Das Entscheidende ist aber, dass sie der gesamten Gesellschaft gehören.“

So viel Altruismus? „Nein, es gab eine Entwicklung. Sammeln fängt dann an, wenn die Wände voll sind. Irgendwann ist auch der Keller voll. Und man beginnt, Werke auf Reisen zu schicken. Schließlich kam die Idee, warum die Werke nicht dauerhaft in einem Haus zeigen? Warum sie im Keller verstecken?“

Wenn Werner Jerke erzählt, erscheint alles folgerichtig, einfach. Ab April wird sein Kunstschatz auf zwei Etagen von jeweils knapp 200 Quadratmeter zu sehen sein.

Lieblingskünstler? „Das Ehepaar Wladyslaw Strzemiński und Katarzyna Kobro. Und Wojciech Fangor. Letzterer ist leider vergangenes Jahr gestorben. Er hat das farbige Fenster im Museum als sein letztes Kunst-am-Bau-Projekt entworfen.“ Die genannten Künstler sind Ikonen der polnischen Kunst. Und gut vertreten im neuen Jerke-Museum.

Dass das beeindruckt, zeigen flankierende Ausstellungen rund um die kleine Recklinghäuser Sensation. Unter dem Motto „Polnische Kunst im Ruhrgebiet“ haben das Kunstmuseum Bochum, die Kunsthalle Recklinghausenund das Skulpturenmuseum Glaskasten Marl Parallel-Ausstellungen organisiert: beste Gelegenheiten Polenkundig zu werden, wo doch gerade die niederschlesische Metropole Wrocław (Breslau) Kulturhauptstadt 2016 ist. Was sich der derzeitige politische Rechtsruck Polens vor Augen halten sollte.

Überhaupt: Das Ruhrgebiet und Polen ist ein Thema mit Tradition. Den Mottek für Hammer kennt im Revier fast jeder. Was wiederum mit den sogenannten „Ruhrpolen“ zu tun hat, die Ende des 19. Jahrhunderts ins Ruhrgebiet einwanderten, um hier vor allem als Bergleute zu arbeiten. In vielen Familiennamen spiegeln sich noch heute diese Wurzeln. Omi Erna etwa hieß Nowicki.

„Außer der Sprache gibt es in meinen Augen keine so großen Unterschiede zwischen Deutschen und Polen. Fast jeder im Ruhrgebiet hat doch irgendwo osteuropäische Wurzeln. Ich vergleiche die Metropole Ruhr gerne mit New York, auch wenn viele darüber lachen. Aber es ist doch so: Wenn jemand nach New York kommt, ist er in diesem Nationalitäten-Schmelztiegel nicht fremd. Genauso ist das doch auch im Ruhrgebiet. Hier gibt es eigentlich keine Fremden, weil jeder irgendwo irgendwann einmal fremd war. In fast jeder Familie finden sich bei uns Menschen, die von außerhalb kamen. Das ist der Unterschied zu anderen Regionen Deutschlands. Und etwas sehr Gesundes“, spricht‘s der Mediziner.

Genau den muss ich jetzt doch noch fragen: Gucken wir Deutsche anders als unsere polnischen Nachbarn?

„Natürlich ist die Wahrnehmung geprägt. Ein Eskimo sieht Farben anders als wir. Die Inuit haben zum Beispiel rund 50 Namen für Schnee. Das ist Sozialisierung. Medizinisch nachweisen etwa kann man, dass sich die Wahrnehmung von Kunst im Alter ändert. In der Wuppertaler Monet-Ausstellung etwa konnte man sehen, wie die Seerosen nach einiger Zeit immer grauer, immer dunkler wurden. Und dann plötzlich waren sie wieder kräftig farbig und hell. Das war die Entwicklung des Grauen Stars. Nach der OP hat Monet wieder farbig gemalt.“

Und ich dachte, das habe mit möglicher Restaurierung zu tun. Manchmal guckt ein Augenheilkundler  eben doch anders. Vielen Dank, Herr Jerke.

Kunst sammeln, Augen heilen