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16. Februar 2017 - von Claudia Posca

Kunst mit Kronenkreuz

Ruhrgebiet

Ja, man kann überzeugt sein, dass es auf dem Kunstparkett nichts gibt, was es nicht schon gab. Kunstschauen in Citynahen Doppelgaragen etwa. Oder Kabinett-Ausstellungen in Privat-Lounge-Wohnzimmern. Oder im U-Bahn-Showroom - kleine feine Off-Spaces, im Revier sind sie beliebt. Weil da tatsächlich über Gott und die Welt getöttert wird, über Wahrnehmung und Sichtweisen auch: Krieg, Krise, Kunst sind keine Tabu-Themen. Und ob der Mensch, also Sie und Ich, einfach so weitermachen können, wie bisher? Zumal ein Donald Trump…., zumal die AfD… Achtsamkeit ist angesagt.

Aber wohin ich vor drei Wochen, am 22. Januar, dem Tag der Deutsch-Französischen Freundschaft, zu einer Ausstellung des französischen Konzept- und Medienkünstlers Jérémie Setton wegen nach Essen mitgenommen wurde, da kommt so leicht keiner drauf. Was weniger mit der Off-Space-Örtlichkeit denn mit dem institutionellen Rahmen zu tun hat, „zwiespältige Allgegenwart“ heißt, im zungenbrecherischen O-Ton: „Ubiquités contrariées“. Die Schau läuft noch bis Ende März.

Der Ort: Ein Hofgebäude in einem Hinterhof, kein Museum. Der Weg dorthin: vorbei am TÜV Nord Essen, Langemarckstraße. Die Institution: Zentrum für Beschäftigung, NEUE ARBEIT der Diakonie Essen. Sie wissen schon, das ist die Einrichtung mit dem Kronenkreuz im Emblem, sie wurde 1979 gegründet und ist Mitglied im Evangelischen Fachverband für berufliche und soziale Integration in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe.

Deren Programm: „Die NEUE ARBEIT hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zu helfen, die von Arbeitslosig­keit betroffen oder bedroht sind. Die Kompetenz der NEUE ARBEIT ist die Begleitung Arbeitsuchender bei der Entwicklung (neuer) beruflicher Perspektiven. Menschen werden durch Be­ratung, Beschäftigung, Qualifizierung und Vermittlung in ihrem Engagement für die eigene Zukunft unterstützt.“

Was ich toll finde, was mich aber dennoch staunen lässt: Krise, Kunst und „Neue Arbeit“? Ein neues Dreamteam?

Nicht nur, dass die Ausstellungseröffnung im Werkshallen-Ambiente richtig richtig voll gewesen ist. Und dass der stellvertretende Direktor des Folkwang-Museum Essen, Hans-Jürgen Lechtreck, sprach, genauso wie Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen und der französische Generalkonsul Vincent Muller, sondern Staunen vor allem darüber, dass hier augenscheinlich und mit Bedacht eine Beschäftigungs-, Qualifizierungs- und Integrationsgesellschaft, griffig „FABI“ (Fachverband für berufliche und soziale Integration), auf Kunst setzt.

Um was zu tun?

Die Idee ist kreativ. Mutig ist sie auch. Und praktisch orientiert. Wo man andernorts viel über kulturelle Teilhabe redet, packt man in der Langemarckstraße an. In Kooperation und inhaltlichem Austausch mit dem in Marseille lebenden, als Artist in Residence vor Ort in Essen zwei Monate lang arbeitenden Künstlers, hieß es im Vorfeld der Ausstellung für Langzeitarbeitslose, Migranten und Flüchtlinge: Podeste bauen, Wände streichen, Räume strukturieren, Elektrik und Beleuchtung managen, den künstlerischen Prozess mitgestalten. Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen, die vor Kultur und Ästhetik nicht bange sind.

Bedeutet: Konstruieren, vermessen, reden miteinander, reden untereinander, reden mit dem Künstler Jérémie Setton. Die Chance: Eigene Geschichte in Kunstgeschichten wiederentdecken, Gemeinsamkeiten erfahren.

Das vernetzende Kunstprojekt unter einem Dach mit der großen Fahrrad-Werkstatt und der Oldtimer-Aufarbeitung ist besonders. Berufsqualifikation mit Augenmaß für Menschen am Rande der Gesellschaft. Die neue Design-Werkstatt übrigens stellt stylische Hocker, Teelichthalter und Taschen her. Unterm Label „Kronenkreuz“ wird das noch im Container vis-à-vis der Ausstellungsräume beheimatete Projekt demnächst an eben diesen, frisch für Kunst umgebauten Präsentationsort umziehen.

Das klasse Kunst-Qualifikations-Konzept hat Michael Stelzner, der Geschäftsführer der „Neuen Arbeit“, auf den Weg gebracht, die Setton-Ausstellung in Kooperation mit dem Deutsch-Französischen Kulturzentrum Essen und vielen Beteiligten gestemmt. Im vorigen Jahrtausend managte der Kunstpassionierte Mann in Düsseldorf die Galerie 102 für junge zeitgenössische Kunst. Für Essen steuerte Jérémie Setton Erfahrungen aus seiner von Auswanderung und Migration geprägten Biografie bei.

Geht sowas? Ohne agitatorisch zu wirken?

Das geht! Gut sogar. Denn die mit Licht und Schatten magisch zaubernden Installationen in der „Neuen Arbeit“ setzen behutsam, bisweilen in Gestalt minimalistischer Licht-Architektur-Boxen, Vergängliches, Schein und Sein, Erinnerung, Ab- und Anwesendes, Flüchtigkeit und Flucht in Szene. Ergreifend hat Jérémie Setton etwa Portraits aus dem historischen Familienalbum mit verflüssigter Aleppo-Seife auf den Grund aquarelliert. In einigen Monaten werden sie verschwunden sein, - wie so Vieles, was Menschen auf der Flucht verlieren. 

Dafür: Hut ab, vor einer Ausstellung, die ästhetisch prickelnd politisch argumentiert.

„Die Idee entstand nach den vielen erschütternden Anschlägen, die nicht nur viele Menschen getötet und verletzt haben, sondern auch tiefe Spuren in unserem sozialen Gefüge hinterlassen haben. Spuren, die besonders in einer veränderten Wahrnehmung und dem Blick auf die Geflüchteten deutlich werden. Dieser, in Teilen sehr negativen Entwicklung wollen wir einen positiven Impuls durch Kreativität und Innovation entgegensetzen… Das wird nur gelingen, wenn wir einander zuhören, wenn wir verstehen wollen, woher der oder die andere kommt“, skizziert die „Neue Arbeit“ den Weg.

Die Message: Wir können nicht mehr so weiter machen wie bisher.

Kunst als Mind-Opener dafür? Als Schule der Empfindsamkeit? Jenseits der Holzhammer-Methoden einer Polit-Kunst à la Ai Weiwei, der sich 2016 am Strand der Insel Lesbos in der Pose des ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi ablichten ließ und die Säulen des Berliner Konzerthauses am Gendarmenmarkt mit Flüchtlings-Schwimmwesten verkleidete?

Dass das geht, ohne „das Elend anderer für die eigenen Zwecke auszubeuten und die Opfer der Not zu benutzen, um sich selbst Aufmerksamkeit zu verschaffen“ (Hanno Rauterberg in der „Zeit“), macht Jérémie Settons Kunst klar. Ihr Werkzeug: Geschichtsbezug, individuelle Erzählung, kontemplative Stille, ästhetische Brechung, Irritation, knisternde Augen- und Denk-Erlebnisse, Mehrdeutigkeit, Offenheit. Kein Getöse, kein plakativer Gestus, kein mahnender Zeigefinger.

Aber wirkt das? Oder besser doch: „Scheiß auf subtil“, wie es Raimar Stange in der Kunstzeitschrift „art“ kürzlich schrieb?

Der Zwiespalt ist allgegenwärtig. Oder wie es Jérémie Setton nennt: „Ubiquités contrariées“.

Kunst mit Kronenkreuz