gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

17. Januar 2018 - von Claudia Posca

Kunst & Kohle

Ruhrgebiet

Kaum ist 2017 rum und schönstes Feuerwerk vorbei, da triumphiert das frische Neue mit erst recht viel Funkel. Auf allen Kanälen ist zu vernehmen: „17 RuhrKunstMuseen nehmen den Kohleausstieg zum Anlass für das größte städteübergreifende Ausstellungsprojekt, das je zu diesem Thema umgesetzt wurde. In 13 Städten werden von Mai bis September zeitgleich über die gesamte Region hinweg künstlerische Positionen gezeigt, die sich auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Thema 'Kohle' auseinandersetzen.“

Sogar dem dpa-Newschannel war`s eine Meldung wert: „Zum Ende des Steinkohlebergbaus in Deutschland kommt die Kohle ins Museum.“

Schicht im Schacht also. Das Saarland hat das schon hinter sich. Am 30. Juni 2012 war dort, im kleinsten deutschen Flächenland, der Bergbau ausgelaufen. Eine über 250jährige Ära endete. Der Steiger war gegangen.

Das lässt die Kunst nicht kalt. Wenn im Dezember auch bei uns im Revier die letzten beiden Steinkohlezechen Prosper Haniel in Bottrop und die Zeche Ibbenbüren schließen, dann bedeutet das ab sofort: start up für eine Erinnerungskultur, die Trauer, Wut und Sorgen aller vom Ende des Steinkohlebergbaus Betroffenen ernst nimmt.

Zeche Zollverein, ehemals größte Steinkohlenzeche der Welt und größte Zentralkokerei Europas, ist heute das lebendige Wahrzeichen des Ruhrgebiets. Bildende und Darstellende Künste, die Literatur und Musik sind solidarisch. Vielleicht sind sie sogar ermutigend, ganz sicher sind sie identitätsstiftend. Und möglicherweise erweisen sie sich als echt visionäre Bausteine im anhaltenden Strukturwandel des Reviers vom einstigen Industrie- in ein Dienstleistungs- und High-Tech-Land.

„Die Menschen im Ruhrgebiet überlassen ihre Heimat nicht ihrem Schicksal. Die vielen Veranstaltungen machen deutlich, dass trotz Wehmut über das Ende des Steinkohlenbergbaus Aufbruchsstimmung und Gestaltungswillen überwiegen. Das macht Mut für die Zukunft der Region“, sagt Dr. Werner Müller, Vorsitzender des Vorstandes der RAG-Stiftung. „Meine persönlichen Highlight-Veranstaltungen: „Das Zeitalter der Kohle. Eine Europäische Geschichte.“

Die vom Essener Ruhr Museum und dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein gestemmte, gleichnamige Schau - Laufzeit vom 27. April bis zum 11. November - ist eine kulturhistorische Fundgrube: „Mit über 1000 beeindruckenden Großobjekten und seltenen Exponaten von Leihgebern aus nahezu allen europäischen Kohlerevieren wird der Besucher auf einen spektakulären Rundgang in die Welt der Kohle geschickt.“

Ja, man nimmt die Zäsur im Entwicklungsgang des Reviers sehr ernst. Oder wie man so sagt: Eine lange Schicht geht zu Ende. Jakob Koldings Bronzeskulptur im Bergpark Lohberg, Dinslaken. Ein kleines Stück Kohle, nicht viel größer als 10 Zentimeter, ein „Klümpken“ wie man im Ruhrgebiet sagt. Worin steckt, dass das Ganze einen würdigen Abgang und eine nachhaltige Zukunft verdient.

„Wer aber kümmert sich nach dem Kohleausstieg um Lebenstraditionen, um Bergbau-Mentaltät und -kultur?“

Betroffenheit hängt im Raum. Die Frage ist nur allzu berechtigt. Verlustängste stecken drin. Das geht unter die Haut. Auch eigne Biografie ist ein bisschen Bergbau-angedockt. Schließlich ist das Revier Heimat, man lebt mitten drin.

Eine Mini-Grubenlampe ist`s bei mir, an der Erinnerungen hängen. Vorsichtig wurde sie einst immer dann aus Omas Schatzkästchen geklaubt, wenn`s draußen iggelig wurde. Dann bekam ich erzählt, wie wichtig so ein Licht unter Tage ist. Und dass der Bergmann es nie nie ausmachen dürfe, denn das wäre im Falle eines Stromausfalls im Stollen lebensgefährlich.

Das Wetterlämpchen stammte aus dem Souvenirladen des Gelsenkirchener Ruhr Zoos. Meine Oma hatte es in den 1950er Jahren meiner Mutter zum Andenken an den Ausflug geschenkt. Und so war die Bergbaugeschichte bei mir gelandet. Damals konnte ich natürlich nicht ahnen, dass 2007 so ein Grubenlicht im 30-Meter-hohen Riesenformat einer Halde in Moers aufgepflanzt werden würde. Inzwischen ist das „Geleucht“ nach Plänen von Otto Piene auf Rheinpreußen eine Ikone unter den Revier-Landmarken.

Später dann lernte ich weiteres aus der Pütt-Kultur kennen. Auch die sozialkritische Dichtung des am 23. März 1847 in Bochum-Linden geborenen Heinrich Kämpchen. Oder die bewegende Autobiographie „Ich hab`s gewagt“ von der Bildhauerin und Ordensfrau Tisa von der Schulenburg. Anderes rankt sich um die christliche Märtyrerin Barbara, die im 3. Jahrhundert in Nikomedien (das heutige İzmit in der Türkei) gelebt haben soll, und von den Bergleuten als Schutzheilige verehrt wird, weil sie sich, laut Überlieferung, auf der Flucht vor ihrem grausamen Vater, in einer sich wundersam öffnenden Felsspalte, gewissermaßen unter Tage, versteckt hatte. Zahlreiche Bildnisse der Heiligen Barbara blättern dazu eine eigene Kunstgeschichte auf.

Das von der RAG-Stiftung, der Brost-Stiftung, dem Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie sowie dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und der Kunststiftung NRW geförderte „Kunst & Kohle“-Projekt widmet sich solchen Geschichten.

Max Kratz (1921-2000): Steile Lagerung. Und stellt Fragen. Retrospektive. Perspektivische. Die Folgen des Abschieds von der Steinkohle sollen sondiert werden. Der enorme Ausstellungsstrauß den die RuhrKunstMuseen dazu als beeindruckendes Bukett mit dem „Duft der Kohle“ (Kunstmuseum Mülheim) über „Schwarz“ (Museum unter Tage, Bochum) bis hin zu „Himmel und Hölle“ (Museum Ostwall im Dortmunder U) neben zig weiteren Themen- und Einzelausstellungen gebunden haben, wirft „damit nicht nur die Frage nach der kulturellen Dimension dieses Ereignisses auf, sondern reflektiert mitunter auch die mit der Industrialisierung der Region so eng verwobenen Entstehungsgeschichten ihrer Häuser.“

Dafür wird mächtig geplant, geforscht, recherchiert. Eine schwergewichtige Dokumentation mit 1000 Seiten soll im Juli erscheinen. Und wer den unter die Haut gehenden Film „Der lange Abschied von der Kohle“ schon im Fernsehen gesehen hat, wird ihm in dem einen oder anderen Reviermuseum wiederbegegnen.

Und wenn dann im Dezember das Deutsche Bergbau Museum Bochum nach umfangreicher Sanierung wiedereröffnet, und der Abschied des deutschen Steinkohlenbergbaus für die regionale Bevölkerung an vier RAG-Standorten in Bottrop, Dinslaken, Essen und Hamm feierlich gewürdigt wird, ist das Programm komplett: „Glückauf Zukunft!“

Ab Mai geht`s los mit „Kunst & Kohle“. Zur Einstimmung darauf, was ein großes Thema im Jahr 2018 und darüber hinaus ist: „Danke Kumpel!“

_____

Künstlerische Positionen zum Thema "Kunst & Kohle" im Ruhrgebiet findet Sie hier: http://www.kunstgebiet.ruhr/kunst-kohle 

Pressemitteilung zum Ausstellungsprojekt der RuhrKunstMuseen finden Sie hier.

Kunst & Kohle