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24. April 2018 - von Claudia Posca

Kunst & Kohle und „Coal Market“

Herne

Ich weiß schon, was Sie sagen wollen: Soll sie nicht jammern. Schließlich sind Großevents, wie der im Mai startende „Kunst & Kohle“-Marathon der RuhrKunstMuseen funkelnde Offerten. Einmalig.

Ja, es wird spannend. Ich freu` mich drauf.

Aber sitzen Sie mal in meinem Büro. Da breitet sich Haldenlagerung aus: zig Einladungskarten, die auf Abbau drängen. Akkreditierungsfaxe überall. Neulich noch meinte eine Kollegin augenzwinkernd: „Da hätte ich aber die Faxen dicke.“ Und während der Countdown bis zur zentralen Pressekonferenz in Herne am 2. Mai die Tage runter zählt, rast mein Puls die Tage rauf.

Übrigens auch, weil es eine Herzenssache ist, Ihnen möglichst viel „Kunst & Kohle“ ans Herz zu legen. Immerhin geht es um Ausstellungen in 17 Museen in 13 Städten zu einem, zu DEM einen Thema: „Zum Ende der Steinkohleförderung in Deutschland und anlässlich ihres 10-jährigen Bestehens schenken die RuhrKunstMuseen sich und ihren Besucherinnen und Besuchern eine ganz besondere Ausstellung, in der sich alles um die Kohle und die Kunst dreht“ lädt die Ruhr Tourismus GmbH zum umfassenden Blick in den Spiegel der Kunst ins Kaminzimmer auf Schloss Strünkede ein.

Nehmen wir nur mal das von der RAG-Stiftung herausgegebene Booklet „Glückauf Zukunft“ (auch im Internet unter www.glueckauf-zukunft.de), was allein schon 72 Seiten pralles Programm sind. Dazu kommen in den kommenden Tagen knackig-intensive Detail-Infos aller teilnehmenden RuhrKunstMuseen. Viel Theorie-Input also rund ums schwarze Gold.

Im Fokus: Nicht nur Bergbau und Kohle an sich, sondern auch die historischen Folgen des Abschieds von der Steinkohle für die Gegenwart und Zukunft sollen beleuchtet werden. Das Füllhorn der RuhrKunstMuseen dazu ist tief: Es geht um „Schwarz“ (Museum unter Tage, Bochum), um „Bergwerke“ (Josef Albers Museum Quadrat Bottrop), um den „Schichtwechsel von der (bergmännischen Laienkunst) zur Gegenwartskunst“ (Museum Ostwall im Dortmunder U), um „Reichtum: Schwarz ist Gold“ (Lehmbruck Museum), um „Ideallandschaft: Industriegebiet“ (Museum Folkwang), um „Holz und Kohle“ (Flottmann-Hallen Herne), um „The battle of coal“ (Skulpturenmuseum Glaskasten Marl), um „Comics und Cartoons von Kumpel Anton bis Walter Moers“ (Ludwiggalerie Schloss Oberhausen), um den „Auf- und Abstieg“ (Märkisches Museum Witten), um nur ein einige der Highlights zu nennen.

Wer will da behaupten, dass das Ende des Steinkohlebergbaus kalt lässt. Im Gegenteil. Wenn im Dezember die letzten beiden Steinkohlezechen Prosper Haniel in Bottrop und das Bergwerk Ibbenbüren schließen, gilt es nachhaltige Startups der Erinnerungskultur im Nachgang auch des „Kunst & Kohle“-Projektes zu installieren, die die Trauer, Wut und Sorgen aller Beteiligten ernst nehmen und über „Kunst & Kohle“ hinaus eine im Leben des Reviers verankerte Industriekultur gegenwärtig halten.

Wirklich heiß also, ob und wie die RuhrKunstMuseen in ihren thematisch höchst unterschiedlich ausgerichteten Themen- und Einzelausstellungen Ruhrgebietsspezifisches zu Tage fördern. Im Idealfall kommt eine identitätsstiftende Klammer als faktenreich anschauliches Statement für das Ruhrgebiet als „City oft the cities“ heraus.

Vergangenen Freitag bin ich schon mal auf Tuchfühlung zum Großevent gegangen. Was Sie ruhig wörtlich nehmen können, weil es tatsächlich buchstäblich war.

In diesem Fall waren die Tuche Jutesäcke, die der inzwischen mächtig bekannte, erst 31 Jahre alte Documenta 14-Teilnehmer, Ibrahim Mahama aus Ghana, auf Schloss Strünkede für sein „Coal market“-Projekt im Rahmen von „Kunst & Kohle“ zusammennähen lässt. „In seiner Heimat sind die groben Stoffsäcke das landestypische Verpackungsmaterial, mit dem nicht nur Lebensmittel, sondern auch Kohle über weite Strecken transportiert wird. Sie werden zum Relikt, das die globale Zirkulation von Rohstoffen und wirtschaftliche Umwandlungsprozesse sichtbar macht“ steht es im druckfrischen Mini-Katalog der RuhrKunstMuseen notiert. Eine dicke Dokumentation zu allen „Kunst & Kohle“-Projekten wird im Laufe der Ausstellungen erscheinen.

„Wir brauchen 5 x 9 Meter große Stücke“ leitet Ibrahim Mahamas Mitarbeiter Francis Djiwouno gerade das Team an. Mit großen Ledernadeln und dicken Fäden vernähen die Helfer, auf dem Boden sitzend, das Sackleinen. An diesem Tag ist es für April ungewöhnlich heiß, es riecht nach Sonnencreme, man trägt Hut. Der technische Leiter im Hubkasten auf Höhe des Dachfirsts wird mächtig schwitzen. Im hinteren Teil des Schlosshofes müffeln die angelieferten Jutesäcke markig nach Keller. Beim Aufrollen staubt es irrsinnig. Das Verträglichkeitsgutachten hat Unbedenklichkeit attestiert. „Wo sind die Nadeln?“ Es ist an diesem Nachmittag alles etwas durcheinander. Man musste umziehen, kommt von der Hertener Zeche Schlägel & Eisen, wo zuvor genäht wurde. Kurz bespricht sich Ibrahim Mahama noch mit weiteren Mitarbeitern, dann bricht er auf. Für ein parallel laufendes Projekt in Brasilien.

In der Presse wird der junge Künstler gefeiert. So schrieb Nicola Kuhn für den Berliner „Tagesspiegel“: „Für die Documenta 14 hat Mahama eines jener Schlüsselwerke geschaffen, das wohl in Erinnerung bleiben wird – wie aus früheren Ausgaben Walter de Marias „Vertikaler Erdkilometer“ oder die „1000 Eichen“ von Joseph Beuys. Auch die von Mahama mit Jutesäcken verhängten Torhäuser, die jeder Besucher passiert, der von der Wilhelmshöhe in die Stadt kommt, haben das Zeug zur Documenta-Inkunabel, so nachhaltig beeindrucken die beiden finsteren Skulpturen.“

Jetzt hat Herne die Chance, einem ähnlichen Kunstwerk Raum zu geben. Auch wenn sich so manches Brautpaar zornig wundert, was derzeit mit „dem schönen Schloss als Wedding-Kulisse“ passiert.

Dabei ist die Szenerie besonders. Eine einmalige Installation, die spätestens zur großen Pressekonferenz am 2. Mai die Fassade von Schloss Strünkede komplett verhüllt.

Inzwischen ist auch Ferdinand Ullrich, ehemaliger Chef der Kunsthalle Recklinghausen, jetzt Sprecher der AG „Kunst & Kohle“ auf der künstlerischen Noch-Baustelle eingetroffen. Wir fotografieren Atmosphäre und Stimmung.

Ob man beim meditativen Nähen darüber nachdenkt, dass die Jutesäcke Zeugen sind, gespickt mit Erinnerungen und dem Schweiß der Menschen, die die Säcke befüllten?

„Ja schon. Vor allem jetzt, wo die Sonne auf den Pelz brennt.“ Eine andere Helferin erzählt, dass „es für sie eine Ehre sei, für einen weltbekannten Künstler zu arbeiten, der sich in seiner Kunst kritisch mit kapitalistischen Wirtschaftssystemen, mit Ausbeutung und Abhängigkeit auseinandersetzt.“

„Da werden wohl nicht nur die Jutesackballen Staub aufwirbeln“ ist sich ein vorbei flanierender Kunstsympathisant sicher. Es wird spannend, wie gesagt.

Zu den Ausstellungen "Kunst & Kohle" der RuhrKunstMuseen


Abbildungen: Ferdinand Ullrich / Claudia Posca

 

Kunst & Kohle und „Coal Market“