gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

20. April 2017 - von Claudia Posca

Kunst & Kaps-Kunde

Ruhrgebiet

Es gibt Ausstellungen, die befeuern Erinnerungen: an Kunst und Kohlköpfe etwa. Was zugegeben, ein Orchideen-Thema ist, im Revier aber eine Nische hat. Ob ich Kohl mag? Geht so. Aber die Kohl-Orchidee, die ist was anderes. Sie gehört ins Ruhrland, wurzelt in Brauchtum und Malerei. Keine Frage: Kaps kann Kunst. Der das besonders kultiviert hat, heißt Robert Imhof. Wirsing, Kraut & Co malte er salonfähig.

Geboren wurde der Mann 1925 in Herne als Sohn des Kunstmalers Wilhelm Imhof, gestorben ist er 1996 in Bochum. Als Kunsterzieher und Studiendirektor war Robert Imhof am Herner Otto-Hahn-Gymnasium tätig, als Künstler engagierte er sich im Bochumer Künstlerbund. 1995 hat ihm das Kunstmuseum Bochum zum 70zigsten eine große Ausstellung gewidmet. Im Revier gilt der Künstler-Kunsterzieher als Urgestein.

Jetzt ist sein Frühwerk der 1950er, 60er Jahre bis zum 27. April im Herner Rathaus zu sehen: informelle Anfänge, magisch Surreales, exotische Wesen in bunt-ornamentaler Figuration. Der Traum-Realismus ist mit einem Schuss stilistischer Retro-Romantik zwischen Pop Art, Kubismus und phantastischer Fabulierkunst gewürzt.

Kohlköpfe allerdings gerieten erst später ins Bild, gediehen prächtig in den 1980er Jahren. Die Herner Ausstellung endet da, wo die Kaps-Kunst beginnt.

Eine Erinnerung: Aus der Kunstgeschichte des Reviers sind Robert Imhofs Kohl-Variationen nicht wegzudenken. Schon uns Studierenden waren die selten-seltsamen Gewächse ein Begriff, nicht immer gemocht, aber bekannt. Wuchernd spitz, pilzartig sprießend oder labyrinthisch strukturiert, in Öl oder Acryl gemalt, machte die Kraut-Art den Bilder-Gärtner überregional bekannt. Im letzten Jahr noch zeigte das Bochumer Schlieker-Haus Robert Imhof im Rahmen von „70 Jahre Künstlerbund Bochum“ neben dem bekannten Farbmaler Kuno Gonschior (1935-2010).

Der aber malte weder Kohlblatt noch Strunk. Robert Imhof dagegen hat dem Grünzeug nahezu ein ganzes Jahrzehnt seines Schaffens gewidmet.

Kunst aus den Beeten ist ein echter Revierschlager. Vermutlich war der Künstler besonders fasziniert vom Kohl als kleinem Bio-Wunder. Denn der Braccica oleracea (lat. Gemüsekohl) ist ein Farbwandler. Je nach PH-Wert des Bodens ändert er sein Aussehen. In sauren Böden tendiert er zum Rot, in alkalischen Böden zum Blau. Rotkohl, Blaukohl, Kabis, Kraut - Robert Imhof verliebte sich ins Chamäleon.

„Wer sich einmal die Zeit genommen hat, einen Kohlkopf genauer zu betrachten, wird mich sicher verstehen: Das vielfältige System der Adern und Rispen ergibt ein wunderbares Bild, welches trotzdem oder gerade daher von einer unaufdringliche, spielerischen Ordnung getragen wird. Für mich ist er das Sinnbild des Vegetativen. Dieses, sich immer wieder sich selbst bestätigende vegetative Ordnungssystem entdeckte ich in allen Teilen als Abbild des Ganzen wieder. Ich kann behaupten, dass ich mich im Laufe der Zeit so mit seinem Wachstum vertraut gemacht habe, dass ich ihn fast spielend malte, Mutationen erfand, ihn personifizierte und verwandelte.“

Was ja überhaupt kein Kappes ist. Sondern im Laufe von Jahrzehnten eine irre quere Galerie anlegte: Blaukohl in Auseinandersetzung mit der Landschaftsmalerei der Romantik, aber auch mit dem Surrealismus. Da wiederum knüpft der Kohl ans traumrealistische Frühwerk an, hat phantastisch turbulente Qualitäten.

Gemalt, gezeichnet, aquarelliert, gedruckt: Robert Imhof seziert den Kohl in allen Lagen. Und so wird das arme Gemüse auch halbiert, geköpft oder aus der Froschperspektive heraus betrachtet, portraitiert.

„Schrebergarten, ich hör Dir trapsen.“

Warum auch nicht? Den Pott ohne Kaps, den gibt es nicht! Wohl gelitten war die Naturalie vor allem im Nachkriegsdeutschland, in Kohle- und Stahlzeiten, als mancher im Hof-Gärtelchen sein eigener Agrarminister war: mit Bergmannskuh in der Kaps-Kolonie.

Krautiges als Kunstmotiv aber? Das wäre seinerzeit wohl Kappes gewesen.

Denn „Kohl ist hier ein beliebtes Gemüse der ärmeren Leute, in jedem Garten eines Arbeiterhäuschens konnte man ihn finden in verschiedenster Gestalt“, betont der ehemalige Bochumer Museumsdirektor Peter Spielmann die existentielle Bedeutung der Pflanze im Pott. Und da Robert Imhof „ein Kind des Ruhrgebiets“ gewesen sei, und zudem Hobby-Gärtner war, ist das Faible für die Kohlköpfe dieser Welt nicht weit her geholt.

„Son Kappes! Du übertreibst!“

Dann hättest Du mal 1990 in die Herner Flottmann-Hallen gehen sollen. Da gab es eine „monothematische Ausstellung: Kohlbilder - zwischen Stillleben und surrealem Versatzstück“. Die Thematik hat doch was! Überhaupt: Guck mal Stillleben!

„So gibt es ein flimmerndes Kohl-Stillleben von James Ensor (1860-1942) im Folkwang Museum Essen. Wilhelm Busch (1832-1908) zeichnet die Köpfe einer Prüfungskommission wie Kohlköpfe. Und „August Macke (1887-1914) lässt in einer in den Bonner Kunstsammlungen befindlichen Darstellung des Vorgebirges, „Gemüsefelder“, die verschiedenen Kohlsorten in allen grün-bläulichen Farbtönen leuchten“, hat es  der ehemalige Museumsdirektor des Emschertal-Museums Herne, Alexander von Knorre, recherchiert.

Tatsächlich kommt`s im Leben wie in der Kunst drauf an, wie Kaps bereitet wird. Robert Imhof hatte Fingerspitzengefühl. Und Humor. Er nahm den Kohl furchtbar ernst, malte „Kohl, barock“ und „Kohl mit Flugzeug“. Sein „Zeitungs-Kohl“ entstand 1981. Auf anderen Bildern lässt er surreale Kraut-Wälder sprießen oder malt ein „Kohlstillleben“ mit Schweinsgesicht - eine Pars-pro-toto-Symbolik nicht ausgeschlossen.

Wie sehr Robert Imhof der Kabis am Herzen lag, zeigt eine Notiz sechs Jahre vor seinem Tod: „So benutze ich an dieser Stelle die Gelegenheit, ihm, den ersten Kohl aus meinem Garten, meinen Dank zu bekunden für die treue Begleitung über so viele Jahre. Ihm sei auch diese Ausstellung gewidmet.“

Dem Kaps ein Denkmal setzen? Robert Imhof hat`s getan.

Kunst & Kaps-Kunde