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17. November 2016 - von Claudia Posca

Kunst gerettet: Z00 leuchtet

Essen

Soll ich Ihnen was sagen? Es gibt Dinge, die geben einem Drive. Weil sie zeigen, dass es auf der großen weiten Welt Seelenverwandtschaft gibt. Und das tut nicht nur gut, sondern das ist gut so. Beides jedenfalls fühlt sich gut an.

In diesem Fall geht es um ähnlich Gesinnte, die sich, in selbst freier Zeit noch um Kunst kümmern, was sie nicht bräuchten, es aber aus Leidenschaft tun. Und die dafür Müh und Zeit investieren. Nicht opfern. Das würden sie nicht sagen. Weil es ja Herzsache ist, philosophisch-ästhetische Visionen hoch zu halten. Überzeugt davon, dass insbesondere Kunst im öffentlichen Raum, also Kunst für alle, umsonst und draußen, richtig wichtig schützenswert ist.

Warum und wozu? Weil die Urbanität vor der Haustür dadurch gewinnt: an Seh- und Sichtangeboten, an Diskussionsthemen, an Identifikationsmöglichkeiten, an Wiedererkennbarkeit.

Anders gesagt: Kunst auf der Straße schleust heimatliche, vielleicht sogar demokratische Kreativ-Atmosphäre in die Stadt. In Ihre Stadt, in unsere Städte.

Was aber nicht heißt, dass Kunstpassionierte per se damit einverstanden sind, dass das in den 1980er/90er Jahren vorangetriebene Open-Air-Kunstprogramm zukünftig invasiv weiter ausgebaut wird. Nach dem Motto: ´Drop-in` - mehr Kunst unter freiem Himmel in die Städte! Darüber wäre tatsächlich zu diskutieren. Was übrigens eine irre Dringlichkeit ist - angesichts so vieler vor sich hin marodierender Public-Art-Kunstwerke.

Was also tun?

Selbst Museen nehmen kein Blatt vor den Mund: Das ´Entsammeln´ ist längst kein Tabuthema mehr. Aber ist es eine Lösung? Und schließt das ein oder aus, den Bestand für spätere Generationen zu hegen und zu pflegen?

Was also passiert mit der Public Art, die da ist? Für die aber keine Gelder da sind? Wer nimmt sich der verwahrlosten Werke an? Wer bewahrt sie vor Vergessenheit und Zerfall? Wer kämpft gegen leere Kassen, gegen Personal- und Zeitmangel, gegen Unkenntnis und Ignoranz?

Das Szenario treibt Menschen in vielen Städten um: Sorgenkind Kunst.

In Essen zeigte man Kante. Rettet die Kunst! Ihr Standort: Rüttenscheider Markt, Klarastraße, Kiosk-Dach: „Z00“ von Albert Hien, eine skulpturale Licht-Installation ohne Licht.

Die bürgerschaftliche Initiative „Z00 muss leuchten“ trommelte für Änderung. Ab 2014 wurde gesammelt, 25.000 Euro kamen zusammen. Genug, um das einzigartige Leucht-Werk eines der renommiertesten Bilderhauer der Gegenwartskunst vorm Tod durch Vergessen zu bewahren. Neue Lackierung, erneuerte Lichttechnik - Essen hat sie wieder: eine großartige, eine ortsspezifische Installationskunst von außergewöhnlichem Format. Dank bürgerschaftlicher Chuzpe. Chapeau!

1989 hatte der zweimalige documenta-Teilnehmer Albert Hien, 1956 in München geboren, Professor seit 2001 an der Akademie der Schönen Künste München, den Essenern die markante Anti-Neonreklame-Kunst mit ortsspezifisch geankertem Wortwitz zwischen 00 (für WC) und Z00 aufs Dach des Rüttenscheider Markt-Kiosks gezaubert. Knapp ein Jahr funktionierte das pfiffige Werk, dann gingen die Lichter aus. Ein Vierteljahrhundert war`s duster auf dem Kiosk-Dach.
 

„Kunst? Hier? Wo soll die denn sein? Ach so, den Z00 da oben meinen Sie.“ Was das „da oben“ aber einst mal war, das wussten nur mehr immer weniger Leute.

Das sieht jetzt anders aus. „Z00 muss leuchten“ war gestern, „Z00 leuchtet“ ist heute. Albert Hien knipste an, war extra angereist zum Bürgerfest am 8. 11.

Wie fühlt er sich an, der „Z00“ reloaded?

„Natürlich ist das toll. Nach so langer Zeit leuchtet es wieder. Vielleicht sogar ist es jetzt noch beeindruckender. Das Engagement für den „Z00“ ist wirklich großartig“, sagt der Meister und genießt die jetzt wieder lebendige Kunst.

Am Ort strahlt es von oben, die rhythmischen Lichtsequenzen machen was her. Der Markt hat seine Kunst zurück. Magie auch: Die Essener Agora, jetzt mit aktivierter Kunst, funkelt über Stadtgrenzen hinweg. Aus Bochum und Hattingen sind einige angereist. „Rüttenscheider Lichtkunst ist was anderes als Essener Lichtwochen!“ ist man sich einig. Und genießt das intelligente Kunst-Licht-Geleucht.

Was gibt`s en Detail zu gucken am Albert-Hien-Z00?

Eine Leuchtkunst-Installation, zu der auch eine Aluminium-Sanduhr in künstlerischer Verdopplung der auf dem Dach befindlichen Vier-Himmelsrichtungen-Uhr zählt. Sodann: Eine dreidimensionale Ziffern-Grafik, die beinahe jeder als „Z00“ liest, obwohl`s doch eigentlich ein Zick-Zack-Pfeil und eine Doppel-Null sind, die Albert Hien gewitzt ortsbezogen kreierte. Kopf-Kino und Bild-Imagination lösen sie aus: Markt, Mensch, Verdauung, Sehen und Gesehen-werden - da ist der Zoo nicht weit. Und auch die Agora nicht als quirlige Kommunikationsplattform. Albert Hien ist fürs doppelbödige Spiel bekannt. Zwischen Irritation und Verkehrung alltäglicher Lebenswelten hat er künstlerisch Non-Konformes auf dem Markt installiert als wär`s das Normalste der Welt.

Meine Prognose: Essen wird drum beneidet werden. Wer schon im Revier hat „coole Kunst“ auf dem Dach, aufgesockelt auf einem „Büdchen umme Ecke“ gleich nebenan?

„Ich halte die Installation für nahezu perfekt. Auch weil sie nicht nur irgendwie im Raum steht, sondern auffällig wird durch die Beleuchtung. Und weil sie sich nicht anbiedert, weil sie sich nicht aufdrängt. Und weil sie als Installation auf einem Dach ungewöhnlich ist. Es ist eine intelligente Installation“, sagt Volker Troche, treibender Kunst-Enthusiast der Initiative „Z00 muss leuchten“.

Andere sehen mit „Z00“ ein Identitätsstiftendes Wahrzeichen für Essen kreiert. Ein Junge erzählt: „Ich hab`s aus Lego nachgebaut.“ Wenn da nicht Herzen aufgehen.

„Wir wollen nach der Restaurierung auch eine kontinuierliche Betreuung schaffen. Wir wollen uns kümmern, damit es nicht wieder in diesen Zustand der Vergessenheit gerät. Denn wenn Kunst aus dem Blick gerät, gerät sie ins Abseits“, hält Volker Troche schützende Hand über den Rüttenscheider Kunst-Schatz.

Glückwunsch, famose „Zoo-muss-leuchten“-Initiative!

Kunst gerettet: Z00 leuchtet