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11. Juni 2015 - von Claudia Posca

Kunst auf Zeche: „Unser Fritz“ und Helmut Bettenhausen

Herne

Kunst am Kanal „umme Ecke, auf‘m ausrangierten Pütt“: Die Künstlerzeche „Unser Fritz“ in Herne ist genau das. Mit elf Künstlern und elf Ateliers unter einem Dach, Skulpturen draußen, Ausstellungs-und Bühnenraum drinnen, Musik, Literatur und Events das ganze Jahr.

Die Architektur dazu: ist historisch-atmosphärisch. Mit grünen Rohrleitungen vor rotem Mauerwerk, Efeu am Portal und einem Ex-Maschinenhaus in Backstein-Optik. Längst sind die Waschkauen nicht mehr schwarz und weiß. Wie‘s früher mal ausgesehen hat, dass es vor Ort auch einen Förderturm gab, zeigt eine Schwarz-Weiß-Malerei auf rückwärtiger Fassadenwand. Geschichte hautnah, nicht nur vom Hören-Sagen! Das kommt an: beim Besuch, der aus  „jenseits von Rhein und Ruhr“ anreist. Versprochen! Denn viele kennen zwar Essens Welterbe „Zeche Zollverein“.

Aber „Unser Fritz“, Grimberger Feld/Dorstener Straße? Ist klein, fein, besonders. Eine Geschichte und viele Geschichtchen.

Helmut Bettenhausen erzählt sie wunderbar. Etwa, dass der Ornament-Fries im Ex-Maschinenhaus tatsächlich schon immer die Wand zierte. „Weil das Maschinenhaus die gute Stube, das repräsentative Wohnzimmer einer jeden Zeche war.“ Auf die Technologie, die hier mal stand, war man stolz, „putzte sie raus.“

Helmut Bettenhausen ist ein wandelndes Lexikon der Revier-Kultur. 1935 kam er in Wanne-Eickel als Sohn eines Bergmanns zur Welt, studierte Grafik am Essener Folkwang, lernte Anstreicher und Industriemaler. „Eisenwichser“ hieß das im damaligen Jargon. Aus gesundheitlichen Gründen und weil‘s „sicherer war“, ging er in den Öffentlichen Dienst, machte parallel Kunst. Die wichtigen Ruhrgebiets-Künstlergruppen „B1“ und Gruppe „gerade“ hat er mit gegründet, Symposien, wie „das revier – motiv und motivation“ auf Zeche Carl in Essen 1983 initiiert.

Jetzt ist der Mann 80 Jahre alt. Daten, Fakten, Namen, Aktionen - unfassbar, wie leicht er Revier-Geschichte aus seinem Gedächtnis zaubert. „Dass die Gebäude hier noch stehen, ich behaupte mal, das ist ein Zufall.“

Helmut Bettenhausen trägt nicht gern dick auf. Dabei ist er maßgeblich an diesem „Zufall“ beteiligt. „Naja, das wird wohl so sein. Vielleicht habe ich den Grundstein gelegt, aber seinerzeit nicht dran gedacht.“

Sagt mir der Initiator der Herner Künstlerzeche, der dazu noch ein bedeutender Vertreter der Konkreten Kunst, auch der Konzeptkunst des Ruhrgebiets ist. Seine Bildtafeln “Schwatt mit‘n  bisken Rot“ haben viel mit Kindertagen zu tun: „Herum klettern auf den zum Teil glühenden Halden, Kohle und Koks suchen“, das war in den Nachkriegsjahren für den damals 13-Jährigen ein bescheidener Zusatzerwerb. Andere Bettenhausen-Kunst befasst sich mit der Arbeit unter Tage, wovon ihm sein Vater erzählte: vom „Wassereinbruch“, vom „Gedingeschlepper“, vom „Hängen im Schacht“. Die jüngsten Arbeiten sind auch schon mal „…mit der Flex gemalt und gezeichnet“, Herzblut steckt drin.

Helmut Bettenhausen hat sich der Region verschrieben. Schrebergarten-Romantik, Gartenzwerg und nett bepflanzte Kohlen-Loren allerdings liegen ihm nicht. „Meine Idee: Der Grubenwagen da draußen, der soll hier sterben. In den Vorgärten werden sie schön bemalt, aber das ist eine andere Geschichte.“

Seine beginnt mit dem großen Zechensterben in den 1960er Jahren. Da hatte er so ein Gespür: „Bald weiß doch keiner mehr, wie hier einmal gelebt und gearbeitet wurde, dass wir auf einer vom Menschen durchwühlten Erde stehen.“ Und bedauert sehr, dass auch die beiden Schachtgerüste von „Unser Fritz“ abgeräumt wurden. „Sind weg. Auf der hinteren Wand hab‘ ich sie aufgemalt. Denn viele fragen: Was war hier mal? Von der Zeche ist nicht mehr viel zu sehen“

Aber genau das ist Helmut Bettenhausen wichtig: die Revier-Geschichte und die Erinnerung daran wach zu halten Mehrmals noch wird er sagen: „Da kommt heute kein Mensch mehr hin.“ Und erzählt mir von seiner Aktion unter Tage, 950 Meter tief unter seinem Atelier, wo wir gerade über Tage sitzen. Da hat er am 15. November 1979 eine „Markierung“ angebracht. 9. Sohle, Abteilung VO 95 Flöz Zollverein 5…Markierungsmaterial: Zwölf Holzbohlen. Um Ruhrgebiets-Identität zu bewahren - lange vor IBA und Emscher-Umbau.

Hatte der Mann einen frühen Plan? Wollte der passionierte Ruhrgebiets-Aktivist in den 1960er Jahren eine Künstler-WG gründen? Oder eine Produzentengalerie? Stand gar eine große Vision am Anfang des heutigen „Kreativ-Quartiers“?

Wir sitzen im Bettenhausen-Atelier, der Raum ist immens hoch, ein Konzertflügel steht im Eck, Kunst hängt an der Wand. Manchmal strahlt die Sonne durch die schönen Industrie-Sprossenfenster. „Mögen Sie Kaffee?“ Helmut Bettenhausen ist ein freundlicher Mensch.

„Visionen?“ Er lacht. „Dass diese Frage kommt, das hab‘ ich erwartet. Aber: Damals hab‘ ich einen Raum gebraucht, ein Atelier, wo ich arbeiten konnte.“

Er sagt das so sympathisch, dass ich mich bei meiner großartigen Kunstgeschichtsvision nicht auf den Schlips getreten fühle. Hier schreibt das Leben Geschichte, nicht umgekehrt.

„Nebenan bei meinen Eltern im Grimberger Feld hab‘ ich gewohnt, solange bis ich in den Öffentlichen Dienst gegangen bin. Das Gelände hier kannte ich gut, mittlerweile waren Unternehmer in die still gelegte Zeche eingezogen. Einer hat Autos repariert, einer hat Altpapier gesammelt, ein anderer hat Hackholz aus alten Holzkisten gemacht. Die wurden hier entnagelt, dann auf Länge geschnitten. Eines Tages hab‘ ich gefragt, ob nicht noch was frei ist. So ist das alles gekommen.“

Vor mir wird Vergangenheit lebendig: Die Wirtschaftswunderjahre im Portrait. „Baracken haben hier gestanden. Erst waren Ukrainer darin untergebracht, dann kamen die Italiener, später die Türken.“

Und wie und wann kamen die Künstler?

Helmut Bettenhausen erzählt, wie er nach Gelsenkirchen „zur Ruhrkohle“ gefahren ist, „den Mietvertrag abholen.“ Und dass man ihn dort gefragt hat, was er denn so mache? Als er „Kunst“ gesagt habe, sei prompt gekommen: „Sowas wie Picasso?“ Helmut Bettenhausen schmunzelt.

In der vom Förderverein „Unser Fritz e.V.“ herausgegebenen, wunderbaren Chronik lese ich Details: „Für fünfzig Pfennig pro Quadratmeter (warm) war so ab 1964 Bettenhausen der Vorreiter einer Bewegung, die erst viel später unter dem Einfluss der IBA Emscherpark der neunziger Jahre vollends und ruhrgebietsweit akzeptiert wurde - einer Bewegung, die den Mut zu der Vision hatte, man könnte die baulichen Zeugnisse der Montanzeit als eine Industriekultur begreifen und besetzen, in der eine neue Kulturindustrie aufblüht.“

Aber erst einmal saß der damals 30-Jährige allein unter Kleinunternehmern. Klar, sei ihm in den Jahren bis 1972 durch den Kopf gegangen, „hier mehr zu machen.“ Schließlich holte er Künstler-Kollegen ins Zechenhaus, die Büros um ihn herum waren frei geworden. Viele viele Ausstellungen, u.a. mit Rolf Glasmeier, mit Winfried Labus, Werner ThielMario Reis folgten, „ne Menge Renovierung in Eigenleistung auch. Aber eine Ateliergemeinschaft im klassischen Sinn gab es nie, jeder hat seine Kunst gemacht. Und das ist bis heute so.“ Helmut Bettenhausen ist Realist. Das Kreativ-Quartier hat seine eigene Dynamik.

Eine große Idee aber ist bis heute unvergessen: Helmut Bettenhausen träumt vom Forum für Konkrete Kunst auf „Fritz“. „Das wär schon was, vielleicht sogar ist das meine Vision.“

Kunst auf Zeche: „Unser Fritz“ und Helmut Bettenhausen