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6. Februar 2018 - von Claudia Posca

Kohle, Kirche, Kunst.

Mülheim

Ich war Erstbesucher in Mülheims Falkenweg 6. „Eine Adresse“, wie Insider bestätigen. Und damit meinen, dass es sich lohnt, mal vorbei zu schauen. Und zwar nicht nur prächtiger Jugendstilfassade und komfortabler Tagungsräume wegen. „Du meinst die WOLFSBURG?“ Scheinbar hab` nur Ich was verpasst. Oder Sie etwa auch?

Dabei steht das denkmalgeschützte Haus mit dem beinah grimmen Namen doch ausdrücklich für Begegnung, Bildung, Offenheit und Kultur. Die Katholische Akademie des Bistums Essen sitzt drin. Seit 1960 initiiert sie auf der WOLFSBURG Fortbildungen, öffentliche Diskussionsforen. Kunst und Kultur werden hoch geschätzt. Originale zieren Gästezimmer und Vortragssaal. Ein jährliches Ausstellungsprogramm ist Usus. Der Dialog mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ebenso. Man stellt Fragen, will Wandlungsprozesse in Alltag und Leben durchdringen. Retrospektiv. Prospektiv. Es geht um das, was schon mal als existentielles Halteseil bezeichnet wird.

Gerade jetzt noch einmal mehr, wo es im Ruhrland eine erhebliche Zäsur gibt, wenn Ende 2018 Schicht im Schacht ist mit dem Steinkohlebergbau.

Kohle, Kirche, Kunst? Ob und wie das zusammen geht? Spannend.

„Wie gelingt die Transformation der bergmännischen Werte und Tugenden wie Solidarität, Integration, Verlässlichkeit und Direktheit? Welche neuen Formen der Solidarität für gemeinwohlorientiertes Zusammenleben werden im Ruhrgebiet erforderlich? Lässt sich das Positive der gewachsenen Mentalität der kulturellen Offenheit, des Einstehens füreinander aufs Neue in die Zukunft übertragen?“

Es sind wichtige Fragen. Zu Ethik und Verantwortung. 

Ich kam drauf, weil die WOLFSBURG schon im letzten Jahr mit im Boot saß beim RAG-Projekt „Glückauf Zukunft! – aus Herkunft Zukunft leben. Dialog der Generationen“. Mehr aber noch, weil das Haus ganz aktuell eine der ersten Sonderschauen im Marathonjahr zur Kunst und Kohle zeigt, - mit „drei ganz unterschiedlichen künstlerischen Herangehensweisen“ auf der Spur des schwarzen Goldes und seiner Wirkungsgeschichte.

Drei Positionen zeitgenössische Malerei von regional verwurzelten Kunstschaffenden, - das ist Malerei von Egon Stratmann (Hattingen), Reinhard Wieczorek (Bottrop) und Gabriele Wilpers (Essen). Mit Kohle, über Kohle sind sie fürs Erinnern unterwegs. „Koks“, „Ruhrtopia“, „Wärmefeld“, „Lager-Stätte“, „Verletzt“, „Nach Kohle“ heißen die Werke.

Nur das Ruhr Museum auf Zeche Zollverein war schneller mit seiner, eine Woche vor der Wolfsburg eröffneten Foto-Schau des Essener Industrie- und Dokumentarlichtbildners Josef Stoffels (1893-1981). Viele Ausstellungen werden in diesem Jahr folgen. Revierweit. Siehe Ausstellungskalender „Glückauf Zukunft! - Alle Veranstaltungen rund um das Ende des Steinkohlenbergbaus.“

Der Ruhrkohle-Chor aber ist exklusiv auf der WOLFSBURG gewesen. Und ich sag Ihnen: das Steigerlied geht unter die Haut. Allen Unkenrufen zum Trotz, die Folklore-Tamtam wittern. Ich schwör`s. Die symbolstarke Inszenierung hat was.

Ja, es war eindrücklich. Auch das, was und wie es der Bottroper Oberbürgermeister Bernd Tischler sagte, in dessen Stadt im Dezember die Zeche Prosper Haniel als letztes Steinkohlebergwerk schließt: „Ich schließe diese Rede, wie es in unserer stolzen Region gute Tradition ist, mit einem kräftigen, aber immer herzlichen Glückauf.“ Das sagte er im Tonfall so, dass ein Fels in der Brandung draus wurde: „Glückauf Zukunft!“

Den Weg Bottrops von der Bergbaustadt zum „Vorbild der energieeffizienten Innovation City mit der deutschlandweit höchsten, klimaschützenden CO2-Reduktion“ hatte er zuvor geschildert, vom sogenannten „Rollout“ hinein in weitere Revierstädte gesprochen.

Verlustängste? Bottrop ohne Bergbau?

„Auch wenn das Ruhrgebiet in Zukunft nicht mehr ´auf Kohle` ist, wird es von der Kohle geprägt sein. Sie hinterlässt nicht nur sichtbare Zeichen in unseren Städten. Der Bergbau hat zu der besonderen Mentalität beigetragen. Denn nicht der Schulabschluss, nicht die Religion oder die Hautfarbe eines Menschen spielen unter Tage eine Rolle, sondern das Miteinander und der besondere Zusammenhalt der Bergleute sowie das gegenseitige Vertrauen, das bei einem so schweren Job unausweichlich ist.“

Klar, dass viele die Ausstellungsbroschüre „Auf Kohle“ mitgenommen haben, zumal es hieß: „Wir haben Give-aways für Sie. Überall liegt der Katalog aus. Er ist kostenlos und schön gemacht.“

Später noch gibt`s „schwarze Diamanten“, geschenkt vom Ruhrkohle-Chor. Nette Geste. Und versprochen: der Glitzerkoks wird in Ehren gehalten.

Zurück zu Hause bewegen die drei ´Ks` noch immer: Kohle, Kirche, Kunst. Wo liegt die Schnittmenge?

Erste Antworten: „Der Glaube hatte im Leben der Bergleute von jeher eine große Rolle. Gerade in den Anfängen des Bergbaus im Ruhrgebiet gab es noch keine Auflagen zum Arbeitsschutz. Unfälle waren damals an der Tagesordnung. Um den vielen gläubigen Bergarbeitern die Möglichkeit zu geben vor Schichtbeginn zu beten, wurden in vielen Zechen so genannte Bethäuser eingerichtet. Die Kirche hat die besondere Beziehung zu den Bergleuten bis heute gehalten. Noch immer gilt die Hl. Barbara als Schutzpatronin der Bergleute, der am 4. Dezember feierlich gedacht wird.“ (Bernd Tischler)

Und die Kunst? 

Ganz sicher ist sie nicht retro-verliebt. Aber mit dem „Auf Kohle geboren-Sein“ hat sie schon zu tun.

„Ich nenne das kulturelle Flöze. Und auch die sind mächtig“, ist sich Akademie-Chef Dr. Michael Schlagheck sicher.

Schauen wir mal, das „Kunst & Kohle“-Jahr, - es hat ja erst begonnen.

 

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Bildnachweise:

Titelbild: Gabriele Wilpers, Wärmetransit (2017), 92x65cm, florales Relief, Mondgold, Bohrkerne (Prosper-Haniel) auf Holz

Bild 1 im Text: Reinhard Wieczorek, Koks, 190x160cm

Bild 2 im Text: Außenansicht der WOLFSBURG Akademie 

Bild 3 im Text: Egon Stratmann, In Memoriam

Kohle, Kirche, Kunst.