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24. August 2017 - von Claudia Posca

Klein, aber oho

Marl

Mock-up Marl. Fast wär`s der Titel des Wochenblogs geworden. Aber, aber. Die Sache wirkt schief. Da hilft selbst sexy Lautmalerei nix. Moment mal sagen Sie? Nix trifft ins Mark? Weil ich in Rätseln spreche und der Zahntechnikprofi lacht, kennt der doch Wax-ups, die Ähnliches sind? Wie bitte was? Wachsmodellierung aus dem Labor auf dem Kunstblog? Ja ja. In diesem Fall passt das zusammen. Und assoziierte Geländewagen kommen auch noch ins Spiel. Abwarten. Gleich.

Die Sache ist ganz einfach. Im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl gibt es Mock-Ups. Derzeit. Und zwar viele. Was keine Pick-Ups sind. Aber so praktisch mobil wie das Automobil sind sie schon. Beide können hervorragend Dinge transportieren. Die einen: bildnerisch Wichtiges, die anderen: wichtig Nachgefragtes.

Im Unterschied aber zum Pick-up ist das Mock-up kein Auto. Sondern?

Bingo -, im Marler Skulpturenmuseum Glaskasten haben sich Mock-ups versammelt, um eine schönste Modellauswahl aus dem Skulptur Projekte-Archiv im LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster zu geben, jetzt im Rahmen der Skulptur Projekte 2017 als Teil der Open-Air-„Hot Wire-heiße Draht“-Ausstellung gezeigt. Ergänzt wird der Überblick durch Entwürfe von realisierten oder nur projektierten Großskulpturen für Marl. Ein Zahnmodell ist nicht darunter. Selbst wenn es als Wax-up wie ein Mock-up Realität und Möglichkeit simuliert.

Alles klar? Falls nicht, der Eintritt ist frei, die Schau läuft bis zum 1. Oktober. Ein Prototyp fürs Thema ist der Marler Parcours allemal.

Vielleicht wäre so gesehen „Mock-up Marl“ als Titelüberschrift doch gegangen? Modell Marl? Was prima passt zur Urbane Künste Ruhr-Aktion im Herbst, die mit acht international besetzten Interventionen der besonderen Stadthistorie Marls nachspürt: auf der Suche nach Visionen vom gelingenden Leben an glücklichen Orten.

Überhaupt: Ob Mock-ups maßstäblich gefertigte Modelle sind? Die unter einem bisschen Blow-up zur Großskulptur werden? Und dann also als vollwertig echte Skulpturen en Miniatur durchgehen?

Oder sind die Minis der Skulpturszene doch bloß schnöde Attrappen, schlappe Fakes? Die nur so tun als seien sie große Kunst. Sie wissen schon: Entwurf ist Entwurf. Punktum. Das eigentliche Werk ist die Umsetzung.

Dabei haben aber gerade die Bozetti das Zeug dazu, klar zu machen, was Künstler und Künstlerin an bildnerischen Möglichkeiten dachten. Spannend.

„Diese Modelle erzählen von Entstehungsprozessen, die dem Publikum meist verborgen bleiben, jedoch wichtige Schritte auf dem Weg zur Werkfindung sind“ erklärt Skulptur Projekte Münster-Kuratorin Marianne Wagner Absicht und Konzept der „Mock-up in Marl“-Ausstellung.

Die gibt zu sehen, was KünstlerInnen seit 1977 alle zehn Jahre für die Open-Air-Ausstellungen der bislang fünf Skulptur Projekte im urbanen Raum Münsters so alles zauberten, und was parallel in der Skulpturenstadt Marl angedacht bzw. realisiert wurde. Kleines im Format, großes in der Wirkung ist darunter. Die Auswahl verschafft Überblick, Überraschungen sind inklusiv. Aus der Vogelperspektive guckt es sich anders. Auch die Marler Nachbarschaften gibt es im echten Kunstleben nicht. Museumschef Georg Elben sagt stolz: „In Marl stehen über einhundert Skulpturen im Außenraum, und viele davon wurden von den Künstlern mit Modellen vorbereitet, die jetzt zum ersten Mal zusammenhängend gezeigt werden.“

Die Italiener dagegen nennen den kniffligen Sachverhalt rund um Bauplan und Testobjekt mal bozzetto, mal modello. Oder macchia, was aber eigentlich Fleck heißt. Oder schizzo. Wobei das verniedlichende Diminutiv bozzetto von bozza, was Entwurf oder Skizze bedeutet, die bekannteste Variante beim Ritt durch die Kunstgeschichte der Skulptur ist. Angeblich findet sich die erste verbürgte Wortverwendung von bozza 1482 für eine kleine Tonskizze des famosen Malers und Bildhauers Andrea di Verrocchio zu seiner Christus-Thomas-Gruppe in Orsanmichele in Florenz.

Hätten Sie`s gewusst? Ich auch nicht, fand aber schon oft, dass gut gemachte Modellchen - in welcher Gestalt oder von was auch immer - was haben. Große Kunst, die halt klein ist. Und irgendwo in den eigenen vier Wänden noch immer wohin gepasst hat. Auch die Marler Mock-ups sind Miniaturen, kleine Bonsais gegenüber ihrer großdimensionierten Verwandtschaft auf der Straße.

Besonders schön daran: Mock-ups sind mobil. Die sechs Meter hohe Kirsche auf Sockelsäule von Thomas Schütte mit Standort Münsteraner Harsewinkler Platz etwa, - seit ihrer Aufstellung 1987 als Wahrzeichen dort nicht mehr wegzudenken -, kam als Modell nach Marl gereist. Jetzt steht sie als eine von elf der noch existierenden, ursprünglich über dreißig Prototypen des „Roman de Münster“ (2007) von Dominique Gonzalez-Foerster im Glaskastenfoyer. Und leuchtet wunderbar rot im Alice-Wunderland magischer Klein-Skulptur.

Wie wichtig Maquetten aber wirklich sind, zeigt sich vor allem dann, wenn das, was sie entwerfen, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr existiert. Das „Sternenhaus“ von Ulrich Möckel etwa, das hinter dem Einkaufszentrum Marler Stern stand, der Witterung aber nicht trotzte, lebt als Modell des Originals weiter. Da muss man Mock-ups doch mögen, oder?

Falls aber trotzdem jemand etwas zu mokieren hat -, dann glauben Sie mir, auch das kommt vom Mock-up. In diesem Fall vom mittelalterlich-französischen, wo „moquer“ verhöhnen, verspotten bedeutete. Woraus das moderne Hochdeutsch mokieren machte. Ich sag`s ja: Klein, aber oho sind diese irre komplexen Mock-ups.

Klein, aber oho