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28. Januar 2016 - von Claudia Posca

Kann Computerkunst auch sinnlich?

Hagen

Was es nicht alles gibt! Über verzwickte Verhältnisse beim Update von restaurationsbedürftiger Computerkunst las ich neulich. Original oder nicht nach digitaler Aufrüstung? Wertverlust?

Ein erster öffentlich bestellter Sachverständiger soll‘s richten, am renommierten Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe ist er tätig. Und hilft Sammlern, Rechtsanwälten, Gerichten und Versicherungen bei der Klärung. Denn „in bestimmten Fällen sind die Dateien und digitalen Vorgänge sogar das eigentliche Kunstwerk. Ein künstlerisch bedeutender digitaler Code handschriftlich notiert, kann bereits Digitale Kunst sein“, schreibt Wikipedia.

Ich dagegen hab im Blick auf digitale Künste eine ganz andere Baustelle im Kopf: ein Unbehagen, das nicht nur mit dem babylonischen Sprachgewirr rund um Computerkunst - oder sollte es besser heißen „digitale Kunst“? - zusammenhängt. Wer blickt denn wirklich durch, was computergenerierte Kunst ist, was 3-D- oder mathematische Kunst, was Vektor Art, Plotter- oder Softwarekunst ist? Und wodurch unterscheidet sich dieser Kosmos vom digitalen Malen, von der Fotomanipulation? Selbst Profis fachsimpeln in Sowohl-als-auch-Kategorien.

Nur über die Geburt des modernen Computers herrscht weitgehend Einigkeit: Ada kriegte das Kind, denn „Ada Lovelace (1815-1852) erkannte bereits 1843 die Universalität von Computern weit über deren Funktion als bloße Rechenmaschine hinaus. Sie schrieb das erste Programm für die nie gebaute Analytical Engine des Charles Babbage und verwendete dabei noch heute gültige Prinzipien der Programmierung wie bedingte Verzweigungen, Variablen und Schleifen, 100 Jahre vor den ersten Computer“ steht's in der Ausstellungsinfo zu „Frauen in der Computergeschichte“ des Paderborner Heinz Nixdorf MuseumsForums notiert, noch bis zum 10. Juli zu sehen.

Was mich aus solidarischen Gründen sehr freut, mir aber das Gefühl eines Verlusts angesichts hoch komplex schlauer, mathematisch basierter, nüchtern erzeugter Vernunft-Kunst nicht nimmt: Ob Computerkunst auch sinnlich kann? Schließlich scheint sie Materialität, Stofflichkeit, Gestik, Duktus, Entstehungsgeschichte und Werkstoff-Emotionalität weg zu rationalisieren. Wie ein schwarzes Loch frisst das System Sinnlichkeit. Und verbannt Dionysos.

Was bleibt, ist perfekt. Und clean. Eine reine Kunst. Kein Matschen in der materia prima. Stattdessen: ein Artefakt, was da aus oder mit dem Computer kommt. Eiszeit.

Dachte ich jedenfalls. Und geriet ausgerechnet im Gestik und Materialsinnlichkeit ausstellenden Emil Schumacher Museum Hagen ins System des tschechischen Konstruktivisten Zdenĕk Sýkora.

Der 1920 im böhmischen Louny geborene, 2011 dort gestorbene Maler zählt zu den weltweit ersten Künstlern, die den Computer ins bildnerische Schaffen mit einbezogen, und „so zu einem der Pioniere der internationalen Computerkunst wurden“, skizziert Rouven Lotz, wissenschaftlicher Leiter des Hagener Emil Schumacher Museums, die Bedeutung des 1968 auf der documenta 4 vertretenen und1986 mit einer ersten Retrospektive im Bottroper Josef Albers Museum geehrten Konstruktivisten.

Was ich allerdings vor Ort im Hagener Emil Schumacher Museum sehe, hat mit medientechnologischer Eiszeit so gar nichts zu tun. Denn in der wunderbar den vergleichenden Blick zwischen Bildern von Emil Schumacher und Zdenĕk Sýkora befördernden Ausstellung sind jede Menge farbige Linien in dick und dünn und querbeet unterwegs, ein herrliches Tohuwabohu, darin sich Striche, Balken und Kurvaturen jagen, parallel verlaufen, sich umgarnen, Knäuel bilden, sich beschleunigen, sich verlangsamen. Und sich bisweilen so sehr auf der Stelle bewegen, dass sie nur mehr als Punkt und Pünktchen zu sehen sind. Manches auch hat skripturale Züge, anderes zelebriert in weiträumigen Schlägen die große Geste. „Walzer“ nennt es der tschechische Maler. Und wieder anderes kommt im Outfit von Schnittmuster oder biologischer Kartographie daher, weit entfernt davon entsprechend zu funktionieren.

Ob ich falsch liege mit unterkühlter Computerkunst? Umso mehr, als ich im Zitat einen Künstler mit Liebe zur Natur entdecke: „Die Natur operiert mit einigen wenigen objektiven Prinzipien der Rotation und der damit zusammenhängenden Gravitation, die letztendlich alle anderen Möglichkeiten determinieren“ hat Zdenĕk Sýkora, der studierte Geometrie-Spezialist und frühere Landschaftsmaler, gesagt. Und die Naturgesetzmäßigkeiten in Raster, Schema, Koordinatensystem und Zirkelschlag umgesetzt, wovon die in manchem Hagener Bild auf grundiertem Grund zu sehenden hauchzarten Ziffern, Buchstaben, Winkelandeutungen und Pieks-Löcher des Zirkels zeugen.

Das Rendezvous mit dem Computer? Es ergab sich mit der Frage „nach klareren Regeln für die Kombination und eine objektive Ordnung. Nachdem Sýkora das Schema entwickelt hatte, benötigte er allerdings ein Hilfsmittel, um das kombinatorische System betreiben zu können… Er erkannte die Chance, das hochkomplexe System zur Berechnung der Strukturen durch die Rechenmaschine lösen lassen zu können“ hilft mir Rouven Lotz auf die Sprünge.

Der Computer also als ein digitales Werkzeug zur Realisierung einer malerisch-dionysischen, einer, ergo also, analogen Kunst? In diesem Fall kann Computerkunst tatsächlich sinnlich.

Nur: Ist die Kunst Zdenĕk Sýkoras Computerkunst? Ich bin ratlos.

Kann Computerkunst auch sinnlich?