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10. Dezember 2015 - von Claudia Posca

„junger westen“ 2015 - Der älteste Kunstpreis im Revier

Recklinghausen

Jung sein ist schön, jung bleiben ist schöner. Wie‘s geht, macht ausgerechnet ein Dinosaurier seiner Art vor. Ein T. Rex ist er nicht, steigt aber regelmäßig als Phoenix auf: Alle zwei Jahre in Recklinghausen. Gestatten, sein Name: Kunstpreis „junger westen“. Gemessen am Lebensalter anderer Wettbewerbe hat er etwas beinah Urzeitgeschichtliches.

Tatsächlich ist der „junge westen“ der älteste Kunstpreis, den das Revier zu bieten hat.

Wir schreiben das Jahr 1948. Das Ruhrgebiet ist Trümmerland. Und tief im Osten ist es die Geburtsstätte des „jungen westen“. Als erster kommunaler Kunstpreis der damals jungen Bundesrepublik wird er in Recklinghausen aus der Taufe gehoben, begleitet von der zeitgleich gegründeten Künstlergruppe „junger westen“, in deren Vorstand große Namen sitzen: Der Maler Emil Schumacheraus Hagen war 1. Vorsitzender, als Stellvertreter engagierte sich der Bildhauer Ernst Herrmanns. Und Thomas Grochowiak, Maler aus Recklinghausen, führte das Geschäftliche.

Insgesamt gehörten dem Recklinghäuser Bund im Gründungsjahr achtundzwanzig Kunstschaffende an. Die Presse damals vermeldet: „Hier ist eine Gruppe jener Künstler am Werk, die das erregende Moment der Kunst…im Formalen…begreift und jede epische Einmischung in den Bildgehalt verwirft.“

Abstraktion hieß das Zauberwort. Der „junge westen“ schrieb Kunstgeschichte. Und beschert Jungkünstlern heute eine historische Ausschreibung von großer Strahlkraft. „Dabei sein ist alles. Wär‘ schon grandios unter die Finalisten zu kommen und in der Abschluss-Ausstellung vertreten zu sein“ ist ein hehres Ziel aufstrebender Profis.

Siebenundsechzig Jahre hat das Ruhr-Ranking auf dem Buckel. Und ist damit nicht nur gestanden und etabliert und bedeutend, sondern vor allem ein wichtiges Talent-Barometer für das Kunstgebiet Ruhr.

Die Folge: Der alte Kunstpreis kommt ziemlich jung daher. Und das immer wieder. Regelmäßig erfindet er sich im Zwei-Jahres-Rhythmus neu: mit unverbrauchter, frischer Kunst, gemacht von Kunstschaffenden bis 35. Die Altersgrenze ist fixiert, eine zweite Voraussetzung schließt sich an: Die Ateliers, aus denen „junger-westen“-Kunst stammt, sowie deren Macher, müssen Wohnort und Adresse in Deutschland haben.

Ach ja, und dann gibt es noch die Sparten-Bindung seit 1958: Mal wird der „junge westen“-Kunstpreis für Plastik, Skulptur und Installation ausgeschrieben, mal für Malerei, mal für Druckgrafik und Zeichnung, mal für Collage und Assemblage. Eine Jury sichtet, das Ganze läuft zeitgemäß digital ab. Originale sind zur Bewerbung im ehemaligen Hochbunker, Nähe Bahnhof, nicht zugelassen.

Das aber war‘s auch schon mit den Vorgaben. Es sei denn, der 10.000-Euro-Gewinn fällt  auch darunter. Ist dann aber eine garantiert willkommene Vorgabe. Denn ursprünglich mit 1000 D-Mark dotiert, ist das heutige Preisgeld längst nicht mehr ein Low-Budget.

Aber erst einmal gilt es, an der Jagd auf die Trophäe teilzunehmen. In der Hoffnung, „sich einzureihen in die famose Galerie großer Preisträger von Ernst Herrmanns über Emil Cimiotti bis hin zu Gerhard Richter. Das wär‘ schon was!“ Der „junge westen“ hält Träume wach.

Die Konkurrenz ist groß. 601 Bewerbungen waren es in diesem Jahr, 246 Künstler, 355 Künstlerinnen. 27 Positionen mit insgesamt 81 Arbeiten, verteilt über die drei Etagen der Städtischen Kunsthalle sind in der aktuellen Kunstpreis-Schau auf 900 Quadratmetern bis zum 31. Januar 2016 in Recklinghausen zu sehen.

Der Parcours ist bunt, es knistert vor Diversität und Sparten-Ausfransung. Auch in der Kunst hat Vitalität mit Grenzüberschreitung zu tun. Klug ist, wer sich drauf einlässt. Es hält, wie im richtigen Leben, jung.

Preisträger in diesem Jahr ist Jan Paul Evers, Fotograf, 1982 in Köln geboren, 2013 mit dem Förderpreis des Landes NRW ausgezeichnet. Der Mann macht so etwas wie Fotografie über Fotografie. Und denkt dabei Tradition und Moderne zusammen. Große Klasse, wie  locker bewusst er mit dem leicht Unperfekten spielt. Und uns höchst konzeptuell mit handwerklich-altmeisterlicher Foto-Technik eine höllisch perfekte Lichtbildnerei in Schwarz-weiß mit grober Körnung und zeichnerischer Scharfkantigkeit bei impressionistischer Erscheinung zaubert. Die Wirkung? Ist grandios dicht. Und ziemlich rätselhaft.

Erst zum dritten Mal, nach Peter Piller im Jahr 2003 und Susanne Britz in 2009, wurde der Kunstpreis „junger westen“ für Fotografie verliehen. Insgesamt hat man ihn bis dato 35 Mal ausgelobt. Die allersten Preisträger hießen 1948 Karl Otto Götz, Kurt Lehmann, Emil Schumacher und Heinrich Siepmann.

Lang ist‘s her, doch trotz großer Historie, erscheint mir der Dinosaurier unter den Kunstpreisen ausgesprochen knackig. Das Spannungsfeld des 2015 für Grafik, Zeichnung und Fotografie ausgeschriebenen „jungen westen“ ist riesig, ein roter Faden punktet mit Fehlanzeige. Dreidimensionale Arbeiten bis hin zu kunterbunter Raum-Installation sprengen in der aktuellen Schau eindimensionales Sparten-Denken.

Ob eine ebenso bunte Melange auch vor knapp sieben Jahrzehnten die „junger westen“-Kunstpreis-Ausstellungen bestimmte? Oder gab es einst eine gemeinsame Bildsprache?

Genau das jedenfalls meinte 1951 der geistige Mentor des „jungen westen“ Franz Große Perdekamp, Volksschuler in Recklinghausen und bereits vor dem Krieg Leiter des Vestischen Museums: „Die Abstraktion wird ein unumgängliches Mittel…., obgleich gelegentlich auch noch die sichtbare Wirklichkeit rudimentär in Erscheinung tritt.“

Wie dem auch sei. Noch steht eine umfassende Wirkungsgeschichte des ältesten Revier-Kunstpreises aus: Ob und wie genau sich die Talent-Suche im Laufe der Jahrzehnte wandelte, ob und wie der Wettbewerb als Diagnostik zum Stand hiesiger Gegenwartskunst taugt, ist Stoff genug für einen Revierkrimi auf Kunsthistorisch.

Am Ende vielleicht mit Happy-End? Der „junge westen“ als DER Ruhrgebietskunstpreis überhaupt, den`s explizit ja bis dato nicht gibt.

Fortsetzung folgt. 2017 wird der alte Kunstpreis neu ausgeschrieben.

„junger westen“ 2015 - Der älteste Kunstpreis im Revier