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4. August 2016 - von Claudia Posca

Ist das öffentlich?

Bochum

Vielleicht tun wir das alle: die Dinge beim Namen nennen, das Leben verwesentlichen. Meine Kaffeemaschine heißt Celeste. Anderes, was bei mir wohnt, hat andere Namen. Weil sein Wesen ein anderes ist. „Was Du den Dingen andichtest.“ Andichten? Aber was tun die Dinge, wenn wir uns umdrehen? Ich bin nicht sicher, dass sie kein Eigenleben haben. Wie denn sonst gehen so viele Sachen einfach verschütt? Obwohl ich sie doch suche. Nein, wirklich: Dinge sind rätselhafte Wesen. Sie verstecken sich.

Im Übrigen: Schon der verehrte Paul Klee hat von der „Verwesentlichung des Zufälligen“ gemalt. Seither empfind` ich Kunst als quitsch-fideles Wesen.

Wesen aber wohnen in der Regel irgendwo: Der Fisch im Wasser, der Fuchs im Bau, der Mensch im Haus. Und Dinge? Rumsteh-Rümchen zum Beispiel stehen rum: im Zimmer, auf der Fensterbank, im Setzkasten.

Und Kunst? Ist Ding und Wesen zugleich. Und wohnt wo? Privat? Öffentlich?

Zwei ziemlich konträre Ereignisse der jüngsten Zeit brachten mich drauf nachzuhaken: Zum einen gab`s da die spektakuläre Bochumer Aktion der temporär verwirklichten Studenten-Wohn-Vision „Bloon“, eine tatsächlich bewohnbare Kunststoff-Ballon-Blase auf einer Telefonzelle zwischen Häusern in einer Baulücke. Und die neu in den Park der Bochumer Situation Kunst in die Krypta der historischen Sylvester-Kapelle eingezogene Skulptur „Prow“ des britisch-amerikanischen Bildhauers William Tucker. 

Beide Ereignisse zeigen: Kunst ist ausgezogen, wohnt weder nur im Museum noch in der Galerie noch im Kirchenpalast. Und auch nicht nur beim Nachbarn ums Eck. Oder in den eigenen vier Wänden.

Stattdessen: Art goes public - public goes art. Natürlich vorausgesetzt, man hat ein Faible für kühne Seitensprünge runter vom Sockel raus aus den Musentempeln rein ins Leben, mitunter sogar rein in den Lastwagen. Siehe Truck Tracks Ruhr. Da fährt Künstlerisches als immer ausgebuchtes Multi-Media-Cross-Over-Event quer durchs Revier, made by Rimini Protokoll und Urbane Künste Ruhr.

Klar aber ist: Kunst kroch aus der Höhle. Lascaux, Altamira. Der White Cube wurde erst spät erfunden. Und erfand die Frage gleich mit, ob die uralten Ritzzeichnungen, die Wandmalereien privat oder öffentlich waren, und was sie heute sind? Möglicherweise kursierte ja damals schon die eine oder andere Art der Rede vom öffentlichen Raum, von Bildern für alle. Die  rituelle Büffel-Jagd als Public Art?

Was eigentlich meinen wir, wenn wir von Open-Air-Galerie und von Kunst umsonst und draußen sprechen? Ist das öffentliche Kunst?

Einer, der`s wissen muss, heißt Florian Matzner, ist Kunstprofessor und Kurator der „Emscherkunst 2016 - Entdecke die Kunst“: „Mit Kunst im öffentlichen Raum - für die der amerikanische Sprachgebrauch den deutlicheren Begriff der Public Art, der öffentlichen Kunst also, bereithält - bezeichnet man gemeinhin Werke im Außenraum, die keinem musealen oder einem, wie auch immer gearteten, institutionellen Kontext verpflichtet sind. Mit Außenraum ist allerdings nicht einfach der Gegensatz zum White Cube des Innenraums gemeint: Wichtig ist hier die Spezifizierung als so genannter „öffentlicher“ Raum. Einen Acker im Allgäu oder einen Strand an der Nordsee wird man schwerlich als öffentlichen Raum bezeichnen können, sondern schlichtweg als „Gegend“ klassifizieren.“

Leuchtet ein, räumt den Begriffs-Dschungel auf.

Nur: Ist nicht jedwede Gegend, so sie nicht verboten oder abgesperrt ist, frei zugänglich, also irgendwie doch öffentlich? Spätestens von jenem Moment an, da ich die Gegend nutze? Ganz so, wie es Florian Matzner für den öffentlichen Raum beschreibt: „Insofern ist der öffentliche Raum weniger ein geographisch oder topographisch spezifizierter Ort, als vielmehr ein sozialer und psychologischer Zustand oder - im künstlerischen Sinne - ein Erzählraum.“

Spannend: Was ist öffentliche Kunst?

Und was ist, wenn diese, wie eine Seifenblase, schon nach kurzer Zeit wieder verschwindet? Samt und sonders von Wohn-Ballon und projizierter Bilder-Tapete? Oder wie verhält es sich mit der öffentlich-freien Zugänglichkeit, wenn sich nach einmaligem Zutritt bei der feierlichen Übergabe danach dauerhaft eine gläserne Krypta-Tür vor der Skulptur schließt, um Publikumsdünste aus konservatorischer Erwägung auf Abstand zu halten? Gucken durchs Glas erlaubt, Eintritt ins Gewölbe verboten.

Ist das noch Kunst im öffentlichen Raum? Oder halbiert sich dieser in diesem Fall? Gibt es so etwas wie halb-öffentliche Kunst?

Schwer zu entscheiden. Vor allem, wenn`s um die Aufnahme in Public-Art-Sammlungskataloge geht: Ist das öffentlich? Oder fällt das raus?

Wesentliches wohnt bisweilen zwischen den Stühlen, das Wesen Kunst sowieso.

Ist das öffentlich?