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14. Juli 2016 - von Claudia Posca

Industrie-Aliens im Revier!

Hattingen

Wer hätte das gedacht? Kunst und Jurassic-Park liegen nah beieinander und gleich ums Eck im Revier an der Ruhr: Hattinger Henrichshütte, LWL-Industriemuseum, Werkstraße. Herkunft: Industriezeitalter. Gattungszugehörigkeit: Winderhitzer, Schlackengreifer, Blockzange, Düsenstock, Torpedopfanne, Lochpresse, Schleifbock.

Archaische Tier-Verwandtschaft? Werk-Zeug-Abstammung?

Die Kurios-Namen haben mich aufs Fremd-Terrain gelockt: Science-Fiction archäologisch macht Imaginäre-Museums-Visionen. Wer so heißt, wie das, was da so heißt, reizt, es genauer unter die Lupe zu nehmen: Echte Alexander Calvellis, Industriemalerei pur. Schauen wir mal des Mysterium der Seltsam-Wesen.

Greifarme, die Schlacke packen, ein Ofen, der Wind erhitzt. Verwesentlichte Gerätschaften? Apparate-Kreaturen? Transformer? Gemalt in Acryl auf Leinwand und Papier. Wenn das mal nicht nach Abenteuer riecht!

Zumal das Gebiet nach wie vor ungesichert ist. Die Kunstgeschichte grübelt: Ob Industriemalerei neben, sagen wir mal Landschaftsmalerei ein eigenständiges Kapitel ist? Vernachlässigt auf jeden Fall ist die Thematik. Man tut sich schwer mit der Schwerindustrie auf dem Kunstparkett. Überschaubar ist die Wissenschaft zu frühen Industriebildern. Gemalt etwa von Alfred Rethel, Andreas Achenbach, Francois Bonhommé, Heinrich Kley, Paul Friedrich Meyerheim, von Adolf von Menzel. Was das Revier dazu mehr parat hält, harrt zukünftigem Forscherdrang.

Die Künstler des 19. Jahrhunderts hätten allerdings die Hattinger Zoom-Bilder eines gigantischen Schrottgreifers, eines einzelnen Schlacke- und Herdwagens vermutlich als menschenleer, als  modernistisch empfunden. Daumen hoch dagegen wohl hätte es bei einem Giorgio de Chirico  (1888-1979), einem Fernand Léger (1881-1955) geheißen. Auch einem Otto Bollhagen (1861-1921) wäre mutmaßlich das Herz aufgegangen. In der Zeit um den 1. Weltkrieg hatte er Industriemalereien für Krupp, Bayer und die AG Weser erstellt. Und auch dem zur Neuen Sachlichkeit zählenden Carl Grossberg (1898-1940) könnten die kühlen Calvellis gefallen haben.

Doch Kunstgeschichte hin oder her, mit oder ohne eigenständiges Industriemalerei-Genre: Was ich auf der Hattinger Ex-Hütte sehe, ist durch und durch Industriebild, wahrnehmungsscharf. Und das nicht zu knapp. 166 Werke listet die bereitliegende Preisübersicht auf, zwei Dinos darunter: das „Duisburger Hüttenwerk Meiderich“ von 1992 und der „Schrägaufzug/Hattinger Henrichshütte“ von 1995, beides Leihgaben, unverkäuflich. Das jüngste Werk wurde gerade eben noch so zur Eröffnung fertig. Die nie unter 380 Euro kostenden bis zu 3300 Euro teuren „Schmelzpunkte“ erzählen von Koks und Kohle, von Eisen, Stahl, Walzen und Gießen, von Kreisläufen und Industriekultur. Und davon, dass Maschinen Gesichter haben, dass sie Charaktere sind. Die meisten sind ziemlich Furchteinflößende Scheusale: Monster-Industrie-Aliens. Lauernde Mega-Insekten mit klingenscharfen Beiß-, Biege- und Brech-Werkzeugen, auf dem Sprung gleich zuzupacken, zuzubeißen, zu biegen und zu brechen, was das Zeug hält. Wären sie nicht in Acryl gebannt. Oder längst abverkauft.

Der die malerischen Techno-Bestien mit und für seine Kunst hegt und pflegt, ist einer der ganz wenigen Gegenwarts-Industriekunst-Maler: Alexander Calvelli, Jahrgang 1963, Bruder des Schauspielers Hannes Jaenicke. Dass er das ist, sagt er aber nicht. „Weil sonst die Leute immer nur deshalb in die Ausstellung kommen“ hat er irgendwann dann doch gesagt.

Studiert hat der Mann Malerei an der Fachhochschule Köln, war 1993 Stadtmaler in Leverkusen. Heute lebt und arbeitet er in Köln. Bei der großen Oberhausener „Feuerländer“-Schau mit rund 200 Arbeiten aus ganz Europa war er 2010 mit im Boot. Seine ins Bild gesteckten Impressionen herangezoomter Seilscheiben, Drehbänke, Herdwagen kommen wie der Poster-perfekte Fotorealismus futuristischer Maschinen-Biester rüber: feinst ziseliert, statisch, kühl, subjektiv und präzise fokussiert, immer clean, immer ohne Dreck und Staub.

Der Mann obduziert Form und Architektur. Tiefenpsychologie sieht anders aus.

„Warum diese unnatürliche Sauberkeit?“ Hat es 2013 ein Besucher des Gelsenkirchener Industrie-Clubs Friedrich Grillo wissen wollen. „Zu viel Dreck könnte als sozialkritische Note verstanden werden. Das möchte ich nicht“ begründete Alexander Calvelli damals. Und malt so etwas wie die ästhetische Ausschließlichkeit von Mega-Werkzeug und Giganto-Greifern. Ecken und Kanten? Außer jenen tatsächlichen im Abbild der technoiden Vorbilder? Sind selten. Calvelli-Bilder beißen nicht.

Der Mix aus Doku und Ästhetik kommt gut an: Schon kurz nach der Eröffnung signalisieren rote Pünktchen: verkauft! Der Künstler ist busy. Charmant erläutert er seiner Kundschaft, was sie zur malerischen Industriekultur wissen möchte. Auch der örtlichen Presse hat Alexander Calvelli die Basisarbeit auf der Jagd nach den vielen Dinosauriern der Industriekultur erläutert: „Ich war an all den Orten, die ich in meinen Bildern zeige. Ich habe Fotos davon gemacht und setze diese über Skizzen in Gemälde um. Kleinere Bilder  brauchen zur Fertigstellung nur Tage, größere Wochen und Monate. Manchmal vergeht auch Zeit zwischen den Fotos und dem gemalten Bild, manchmal Jahre. Dann gibt es das Fotomotiv schon gar nicht mehr. So bilde ich einerseits die Realität ab, doch andererseits ist diese vergänglich und verändert sich stetig.“

Tatsächlich ist so einiges inzwischen ausgestorben: das Dortmunder Phoenix-Werk etwa. Und die Hattinger Henrichshütte. Jetzt, wo beides weg ist, fehlt das, was weg ist. Selbst, wenn es einst eher verflucht denn geliebt wurde, weil die Maloche mit und an den Monster-Maschinen so oft gefährlich-monströs war. „Die da kenn ich doch!“ sagt`s ein Besucher. Und zeigt auf die mächtigen Blockzangen der Vereinigten Schmiedewerke GmbH Hattingen. Andere Besucher stromern draußen auf dem Henrichshüttengelände herum, suchen den Vergleich: Gestern - Heute.

Und morgen? In den Bildern Calvellis hat das Historische eine Gegenwart mit Zukunft. Was damit zusammenhängt, dass der Künstler aus industriellen Funktionsträgern künstlerische Monumente macht.

Alexander Calvelli sieht das ganz nüchtern: spricht davon, dass er in gewissem Sinne ein „Leichenfledderer“ sei. Weil er im Vergänglichen wühlt. Um zu bewahren. Für die Generation von morgen. Hunderte Fotos hat er so unterwegs zu Hochofen und Montan-Industrie geschossen, hat sie ausgenommen, hat sie malerisch verfremdet, zu Trophäen einer Industriemalerei gemacht. Ein Großwildjäger, wie er im Buche steht, nur keiner der Tiere jagt, sondern Schleifböcke.

Warum? Wieso? Wozu? Weil die Monster-Maschinen, die Maschinen-Monster „genauso Zeitzeugen sind wie Schlösser und Burgen. Aber im Gegensatz zu denen, werden sie ganz sicher nicht liebevoll restauriert werden, denn wer hat schon Interesse an einer alten, schmuddeligen Fabrik“ beschützt Alexander Calvelli die Spezies seiner aussterbenden Industrie-Dinosaurier. Und die sind trotz hässlich-böser Zangenbeißer ganz schön schön anzusehen!

Industrie-Aliens im Revier!