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19. März 2015 - von Claudia Posca

Im Trend: Kunst-Safari

Ruhrgebiet

„Tierisch gut“? Eine Erlebnistour zur Kunst im Öffentlichen Raum? Klingt verlockend, den Vorschlag von „kunstgebiet.ruhr“ nehm` ich an. Vierbeiner fand ich schon immer toll.

Und außerdem: Affe, Zebra, Bär und Fuchs zu gucken, ist ´in`, steht doch derzeit Viechiges hoch im Kurs auf dem Kunstparkett NRW. Zum Beispiel im Dortmunder U, im dortigen Ostwallmuseum, wo „Arche Noah“ eine gigantische Rettungsaktion vorstellt. Oder in Siegen im Museum für Gegenwartskunst, wo „Lucian Freud und das Tier“ ins rechte Licht gerückt werden. Leider ist „Lost paradise“ im Düsseldorfer Kai 10 schon vorbei, „Ross ohne Reiter“ im Kunstmuseum Solingen auch. „Tierisch gut“ aber, der Spaziergang zu sieben Tier-Skulpturen im Revier, ist immer zu haben.

Die Invasion der Tiere in der Kunst - warum sie uns im Augenblick so fasziniert? Darüber darf spekuliert werden. Meine Vermutung: Ein schlechtes Gewissen gegenüber Kuh, Schaf und Lamm. Inzwischen kennt jeder die Bilder industrieller Massentierhaltung, endlos langer Schlachttiertransporte und millionenfacher Kükenschredderei. Zuwendung wirkt da kompensierend, es könnte ein Motiv für das derzeitige Kultur-Interesse an „Bruder Tier“ sein.

Darüber hinaus: Tiere liegen uns zu Füßen, spätestens seit wir auf den Hund gekommen sind. Trotz seiner Familienmitgliedschaft macht uns Lassie mächtig. Ohnmächtig dagegen fühlt sich Mensch in vielen Gesellschafts- und Politikbereichen. Wen wundert`s da, dass Dackel & Co liebevoll geführt werden? Verantwortung zu übernehmen, zumal für ein Mitgeschöpf, macht ein gutes Gefühl.

Gespannt mache ich mich auf den Weg zum Tier in der Kunst. Das Schöne an dieser Outdoor-Tour: Es gibt kein Vierbeiner-Verbot. Ein Familienausflug mit Hund, Katze, Frettchen ist gebongt.

Also: Gucken gehen! Und am besten gehen ´Große` mit - der Organisation wegen. Denn ohne Mama-, Papa-, Großeltern-Taxi kommt der Nachwuchs nicht zum Nashorn an der vielbefahrenen Essener Gladbecker Straße (Ecke Johanniskirchstraße). Und schon gar nicht nach Marl zu „Tortuga“, das bekanntlich keine Schildkröte ist (obwohl das Werk so heißt), sondern eine auf den Rücken gedrehte Lokomotive vorstellt. Der auch sonst so ziemlich alles an Seh- und Denkgewohnheiten auf den Kopf stellende Fluxus-Aktions-Künstler Wolf Vostell (1932-1998) hat sie 1987/93 geschaffen, zu finden vor dem Theater Marl.

Warum eine Lok plötzlich „Schildkröte“ heißt? Ob es Ähnlichkeiten zwischen Kreatur und Maschine gibt? Hat der Schildkrötenpanzer etwas gemein mit der eisernen Lok? Warum und welche Stimmen ertönen aus dem Inneren der Installation? Vor „Tortuga“ sieht man Groß und Klein über Herausforderungen der Kunst rätseln, philosophieren. Und wer davon noch nicht genug hat, der geht ins benachbarte Skulpturenmuseum Glaskasten Marl - Kunst in 3-D und aus dem 20. Jahrhundert bestaunen.

Ich aber fahre weiter Richtung Essen-Nord zum Nashorn von Johannes Brus, das nicht so blau ist wie das bekannte Beton-Pony des 1943 in Gelsenkirchen geborenen, heute in Essen lebenden Bildhauers. Mitten auf einer Industrie-Steppe, auf ehemaligem Zechengelände, steht sein graues Panzertier, umgeben von vier Industrie-Relikten, die als Säulen funktionieren: „Der Nashorn-Tempel“ (1988). Am 5. Februar 2014 wurde er im Rahmen der „Neuenthüllungen“ frisch restauriert der Öffentlichkeit erneut übergeben. Fast wär ich dran vorbeigefahren. Von der Straße aus nämlich ist das Ensemble nicht allzu gut zu sehen, zumindest nicht, wenn man nicht genau weiß, wann und auf welcher Seite es auftaucht. Überhaupt: Was hat ein Rhinozeros im Revier verloren? Ob ich es mal als Reittier ausprobiere? Surreal genug ist die Situation ja sowieso, schräg allemal: Ein Nashorn, das Berufsverkehr guckt, irritiert. Und kein Café zum Relaxen weit und breit. Den mit Fahrrad und Eltern angereisten Kindern hier aber macht das große Tier Riesenspaß: So einen Exoten kriegt man nicht alle Tage live zu fassen! Und schon gar nicht kann man drunter her kriechen. Im Zoo ist das nicht erlaubt.

Ich verzichte aufs Rhinozeross-Reiten, die Virchowstraße 167a lockt mit weiteren Tier-Plastiken im GRUGA-Volkspark (Große Ruhrländische Gartenbau-Ausstellung, 1929). Am Eingang neben den Messehallen wird Eintritt fällig, Hunde dürfen kostenlos und angeleint mit rein. Am seitlich des Wegs quer stehenden „Tiger“ (1936) von Philipp Harth (1885-1968) wären sie glatt vorbeigelaufen. Bronze hat gegenüber heran wehender Pommes- und Waffelduftschwaden keine Chance.

Meinen Augen allerdings schmeichelt der Tiger: Sieht aus wie der Jaguar auf der Motorhaube - elegant, kraftvoll. „Beißt der? Boah, hat der Zähne!“, Kinder gucken anders. Und sind schon weiter gerannt. Zur großen Wiese, wo Mamas Lieblingstiere stehen: Zwei lebensgroße Rösser, ausdrucksstark, mächtig präsent, rassig. Wär die Wiese nicht matschig, dem Reiz, ihnen nah zu sein, würd` man nachgehen. Schon aus der Ferne sieht man gleich: schön geschniegelt und gestriegelt stehen die Rösser da, hoch erhobenen Hauptes, mit exakt geschnittener Mähne. Ein Bild von Pferd, wie der Mensch es gerne hat. Wild? Nein danke! In Abwandlung des berühmten Goethe-Zitats, schießt es mir durchs Hirn: Edel sei das Tier, hilfreich und gut. Philipp Harth, der Pferde-Porträtist, hat Wert darauf gelegt. In Bronze hat er die beiden Reittiere 1937/38 geschaffen, erstmals aufgestellt wurden sie im Stadtgarten Essen.

Ob ich die makellose Schönheit der Pferde-Statuen faszinierend finde? Es bleibt zwiespältig. Am schönen Tier fehlt das Tierische. Die Tier-Skulpturen-Tour macht nachdenklich. Hat der Regenwurm keine Aufmerksamkeit verdient, die Wespe, der Floh, das Suppenhuhn? Und: Präsentieren sich Tiere eigentlich immer so optimal, als stünden sie im Foto-Studio?

Immerhin: Zwei weitere Plastiken des Nazi-Verfolgten, für Tierstudien auch in Holz bekannten Bildhauers Philipp Harth rücken Bewegungsbeobachtungen (nahezu wissenschaftlich) in den Fokus: „Auffliegender Reiher“„Schreitende Störche". Die Erlebnisroute „Tierisch gut“ widmet sich auch dem Flügel-Tier. Adam Antes (1891-1984), Bildhauer mit Traum vom Nur-Flügel-Flugzeug, der in den 1920er Jahren als Flugpionier galt, steuert dazu seinen vom Mauerwerk „Auffliegenden Schwan“ bei.

Bei so viel geflügelter Kunst kommt man ins Spekulieren: Hätten die Bildhauer den frei in der Gruga watschelnden Pelikan gekannt, ich bin mir sicher, die GRUGA heute hätte einen „Stolzierenden Pelikan“ in Bronze.

Im Trend: Kunst-Safari