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13. November 2018 - von Claudia Posca

Im Namen der Pose

Oberhausen

Sorry, aber der Ärger muss raus, so was von hab` ich mich geärgert. Über jenen Drängler auf der Bahn, der mich, Lichthupe raus mit gefühlten 200 Stundenkilometern überzeugte, gleich habe mein letztes Sekündlein geschlagen, bevor das A… zehn Millimeter vorm Crash in die Eisen stieg, es witzig fand Eisenbahn auf Mikroabstand zu spielen, schließlich links rüber zog und grinsend vorbei rauschte. Mal wieder ein A..., was kein Vorurteil, bloße Erfahrung ist.

Was, glauben Sie, hab` ich dem hinterhergeschickt? Genau. Den fiesesten Finger, den`s überhaupt nur gibt, hoch aufgestellt, im Brustton vollster Überzeugung. Was ich - ehrlich - nur sehr, nur ganz sehr selten tue, so unflätig finde ich unflätige Gesten. 

Aber: Am Ende hatte das Ganze ein Gutes. Mein schlimmer Finger erinnerte dran, was seit Wochen drauf wartet unter dem Stichwort Zeichensprache an dieser Stelle zu erscheinen: Was Sie schon immer über Gestus, Poker Face und Mikroexpression in der Kunst wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten. Oder wussten Sie, dass ein Künstler von Weltrang, der Maurizio Cattelan heißt, dem bösen Finger ein Denkmal setzte? Höchst monumental sogar, zwölf Meter hoch, ein Werk des Anstoßes in Marmor an höchst delikater Stelle vor der Mailänder Börse, wo, - klare Sache -, „il dito“ dem Kapitalismus seit 2010 zeigt, wo der Hammer hängt und Kunst als Systemkritik mit Schalk im Nacken auftritt.

Voilà: Wir sind beim Thema. Im Namen der Pose geht`s um Stinkefinger, Gestus & Co und um noch viel mehr aus dem Reich der nonverbalen Alltagskommunikation. Versuchen Sie mal, während Sie sprechen, alle Gesten und Körperbewegungen zu unterdrücken. Geht nicht? Stimmt. Weil der berühmte Satz des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick (1921-2007) stimmt, dass man nicht nichtkommunizieren kann, da Kommunikation nicht zwangsläufig Reden bedeutet.

Das Forschungsfeld? Liegt irgendwo zwischen Kunst- und Kulturgeschichte, zwischen Linguistik, Psychologie, Kognitionswissenschaft, Semiotik, Verhaltensforschung und Gebärdensprache. Also nicht bloß ´Daumen rauf`, ´Daumen runter` und fertig ist das Gesten-Buch. Wär`s so einfach, es bräuchte kaum die „Internationale Gesellschaft für Gestikforschung (ISGS). Und auch nicht die „Internationale Gesellschaft für Semiotik“ an der Technischen Universität Berlin und ihr „Lexikon der Alltagsgesten“ neben zig weiteren Instituten anderer Forschungsbereiche, die dem kindlichen Fingerzeig, der gelüpften Augenbraue auf der Spur sind. 

Wie kompliziert es ist, wie andererseits auch einfach es mit Zeigehand und Kräusellippe sein kann, reißt ein Zitat an: „Handelt es sich um eine einfach strukturierte Geste, die „ikonische“ Geste, kann sie ohne ausdrückliche Interpretation über kulturelle Grenzen hinweg verstanden werden. Anders bei der sogenannten „symbolischen“ Geste, bei ihr bedarf man eines kulturspezifischen Vorverständnisses.“ (Gabriele Groschner) Heißt also: Wer in Europa wie ein Scheibenwischer mit der Hand vor dem Gesicht wedelt, meint, dass sein Gegenüber nicht ganz zurechnungsfähig ist, während der gleiche Gestus in Japan eine Verneinung bedeutet, die in Europa mit Kopfschütteln kommuniziert wird. Alles klar? Gesten können mächtige Fettnäpfchen sein,  selten nur ein Luftgitarre-Spielen.

Gefunden hab` ich das Thema - nein, nicht wirklich auf der Autobahn, aber in einem wunderbaren Bildparcours, betitelt: „DIE GESTE“. Was eine noch wunderbarere Jubiläumsausstellung in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen ist, die dazu bewegt, über Kunst hinaus dem Alltag - nun ja - auf die Finger zu schauen. Wer sich besonders für den „Digitus Impudicus“ interessiert, dem sei „Der Stinkefinger - Kleine Geschichte einer wirkungsvollen Geste“ vom kürzlich verstorbenen Romanistik- und Kulturwissenschaftsprofessor Reinhard Krüger empfohlen. Besonders aber die Oberhausener „GESTE“, wo Bild, Foto und Skulptur so viel Spannendes über unseren Körper als Plaudertasche erzählen.

Gemälde nothingness von Eckart Hahn, 2015 © Eckart Hahn Denn nicht nur, dass mit dieser opulenten Schau 20 Jahre Ludwiggalerie Schloss Oberhausen und 10 Jahre Direktorinnenschaft von Christine Vogt gefeiert werden, sondern auch, dass „Kunst zwischen Jubel, Dank und Nachdenklichkeit aus der Sammlung Peter und Irene Ludwig von der Antike über Albrecht Dürer bis Roy Lichtenstein“ gezeigt wird, was wiederum Augen öffnet für Liebes- und Leidgesten, für Dominanz- und Unterwerfungsgesten, für Heils-, Schwur- und Bekundungsgesten, macht „DIE GESTE“ zum Eyecatcher fürs Coaching im Lesen von stummer Icon-Sprache. Weil da, wo Menschen im Bild sind, mit Händen und Füßen gequasselt wird, mit Arbeiterfaust und Merkel-Raute. Wobei die letztere dem Heiligen Johannes schon um 1475 so vertraut war wie das Amen in der Kirche. Jedenfalls hat`s der Meister des Sinzinger Kalvarienberges so gesehen und ergo in Öl/Tempera auf Blattgold für die Ewigkeit gemalt.

Es ist die Fülle der „stummen Dichtung“, wie Leonardo da Vinci die Kunst gestischer Körpersprache nannte, die uns in Oberhausen eine wahrlich große Geste als Hommage an das große Sammlerpaar Ludwig zu sehen gibt, -  jedenfalls so fabelhaft wie sich da eine Kunst- und Kulturgeschichte der verkörperten Denke und Emotion aufblättert, - selten sonst so kompakt, so köstlich zu sehen: Körpersprache-Check der Künste über Jahrhunderte und Kulturen hinweg. Selbst eine Muttergottes kommt nicht drum rum. Und auch nicht Jesus und seine zwölf Jünger. 

Leiterin Dr. Christine Vogt führt durch die Ausstellung "Die Geste" n der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen.  Foto © Claudia Posca Wann schon mal sah man ein hellenistisches Mädchen in Tanzstellung aus dem 2. Jahrhundert vor Christus in einem gemeinsamen Kontext mit einer Pietà von 1644/47 neben der gestischen Malerei eines K.O. Götz, eines Emil Schumacher, eines Hann Trier? Oder wo schon konnte man das Foto des Victory-Zeichen-zeigenden John Lennon von Bob Gruen im Kontext eines tibetischen, das sogenannte Rad des Weisen zeigenden Lama gucken? Eben. Das können Emoticons nicht transportieren. Auch nicht, was der „GESTE“ innerstes Wesen ist: als Ausstellung umwerfend zu illustrieren, worum es dem Sammlerpaar Ludwig zeitlebens ging. Einen Kunstbegriff etablieren, der nicht darauf zielt „high“ gegen „low“ auszuspielen, der nicht „angewandt“ und „frei“, nicht „West“ und „Ost“ normativ unterscheidet. Das nenn` ich mal eine Geste zwischen Offenheit und Freiheit. Noch bis zum 13. Januar 2018 zu sehen.

Die mehr als 14.000 Objekte umfassende Irene und Peter Ludwig-Sammlung befindet sich heute als Schenkung bzw. Dauerleih­gabe in 26 öffentlichen Museen. Oberhausen ist eine davon. In einem Interview hat Irene Ludwig (1927-2010), selbst Kunsthistorikerin, einmal gesagt: „Wir wollten nie ein Museum Ludwig von Ludwig… sondern der Wechsel und das Zusammenkommen aus den verschiedensten Sammlungen und verschiedensten Auffassungen und Arten der Präsentation war gewollt…Nicht also, dass die Sammlung erstarrt, sondern, dass sie eben von außen her unter Mitwirkung vieler, betreut wird: dass sie gefördert wird und immer wieder anders gezeigt wird, dass die Auseinandersetzung mit den Kunstwerken in Fluss gehalten wird und auch in Zukunft weiter geht. Das war immer unser fester Wille und uns sehr wichtig.“

Tibet, Lama mit Vitarka Mudra © Sasa Fuis / VAN HAM Kunstauktionen Dass es ankam, dass es bis heute Oberhausener Programm fürs Revier ist - es liegt an Institutsleiterin Christine Vogt. Ihr Motto: Engagement für den Ludwig-Wunsch, Leidenschaft für eindrückliche Ausstellungen. „Hair! Das Haar in der Kunst“ war 2013 auch so eine fulminant vergleichende Themenausstellung aus dem Fundus der Ludwig-Kollektion. Jetzt toppt „DIE GESTE“ Vergangenes. 

Dafür könnt ich glatt „dabben“, was ein neuester Gestus ist, aus der US-Hiphop-Tanzkultur stammt, und bedeutet, dass der linke Arm leicht vom Körper nach oben gestreckt wird, während fast parallel dazu der rechte Arm angelegt ist und der Kopf, wie beim Niesen in die Armbeuge, dem angewinkelten rechten Arm zugeneigt wird: Dab! Nur zu: ausprobieren! Mit der auffälligen Pose, sagen Sie sowas wie ´Chapeau dafür!`

Was „DIE GESTE“ ganz außerordentlich verdient hat. Dab! Gut gemacht! 

 

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Teaserbild: Impressionen aus der Ausstellung. Zwei Gemälde von Thomas Baumgärtner. © Claudia Posca.

Bild 1: Eckart Hahn, nothingness, 2015 © Eckart Hahn / Ludwiggalerie Schloss Oberhausen

Bild 2: Direktorin Dr. Christina Vogt führt durch die Ausstellung.  © Claudia Posca.

Bild 3: Tibet, Lama mit Vitarka Mudra © Sasa Fuis / VAN HAM Kunstauktionen / Ludwiggalerie Schloss Oberhausen

Im Namen der Pose