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28. September 2017 - von Claudia Posca

Im Fokus

Ruhrgebiet

Nicht, dass das Thema Mangelware wäre. Ganz im Gegenteil. Das Thema ist akut. Immer noch, noch immer: der Strukturwandel an Emscher und Ruhr. Ja, wir kommen nicht drum rum. Wir leben mitten drin.

Was aber passiert, wenn man dem Kind einen anderen Namen gibt? „Berührte Landschaften“ etwa?

Udo Kreikenbohm, Ex-Zeitungsfotograf im Revier, hat das getan. Allerdings nicht, um das Motto fotografisch zu illustrieren, sondern „nach dem Entschluss, die Bilder im LWL-Landesmuseum Hattingen auszustellen.“ Der Titel also ergab sich aus dem Fundus.

Weshalb wiederum ich mir vorstelle, dass sich beim Zusammenstellen der Foto-Auswahl aus zwei Jahren Foto-Shooting-open-Air und beim Sichten der dokumentarischen Klarheit doch so etwas wie Melancholie einstellte: „berührte Landschaften“.

Jetzt war ich neugierig. Natur, Landschaft, Ruhrgebiet. Ich mag die Melange sehr. Mal sehen, wie der Fotoreporter sie ins Bild steckt.

Allerdings, wenn ich jetzt so drüber nachdenke, „berührte Landschaften“ besagt ja ausdrücklich, dass es nicht um berührende Impressionen geht, die entweder hübsch hässlich oder irre romantisch rüberkommen, um sodann mit Genuss den eh schon vollen Rechner und die kaum minder volle Speicherkarte vollzustopfen.

Sie nicken? Ich weiß auch warum. Weil Sie und ich, seit wir digital knipsen, das Phänomen einer fotografisch grenzenlos gefräßigen Amour fou kennen. Früher, ja früher, da wurde drei Mal überlegt abzudrücken und zehn Mal geguckt, ob sich das Motiv auch wirklich lohnte, auf dem teuren Film zu landen. War doch so, oder? Aber ich schweife ab.

„Berührte Landschaften“. Für sie war Udo Kreikenbohm als freier Fotograf unterwegs. Sein Konzept: „Ist eine Suche nach den Einzelteilen des großen Puzzles, welche die Ruhrgebietslandschaft ausmacht“, sagt der 1955 in Niedersachsen geborene Wahl-Ruhri. Und hat Winkel, Nischen, Straßen, Autobahnen portraitiert, Baustellen, Hinterhöfe, Industrieanlagen, Kanäle, Brücken, Kaps-Kopf unterm Plastikzelt, Bäume unterm Strommasten. Bis zum 8. Oktober ist seine Tour d` Horizont, Werksstraße 31-33, zu sehen.

„Dass der Hattinger Foto-Chronist der vergangenen 25 Jahre auch ein Geschichten-Erzähler und Foto-Journalist mit Gestaltungswillen ist, entdeckte die Öffentlichkeit erst, nachdem er 2014 seine Festanstellung aufgab und seither als freier Fotograf tätig ist. Erstes Produkt dieser „Freiheit“ war 2015 seine Ausstellung von Künstler-Portraits aus dem Ruhrgebiet“, schreibt es Henrichshütten-Leiter Robert Laube im Katalog.

Johannes Brus, Gereon Lepper und Markus Lüpertz sah man damals portraitiert. Jetzt spannt sich sechzigmal Revier aus Herne, Dortmund, Wattenscheid, Lünen, Werne, Datteln, Marl, Witten und anderswoher aus der Region auf. So, als wär`s die Groß-Collage einzelner Stillleben der Sparten „Industrie“, „Urban“, „Wege“, „Agrar“, „Wasser“, „Fremdes“.

Stillleben? Geht das mit Landschaft zusammen?

„Kunst muss sich aus der Wirklichkeit desintegrieren“, habe ich mal irgendwo gelesen. Dass mir das jetzt bei den nahezu surreal wirkenden Landschaften Udo Kreikenbohms einfällt?

Hat Gründe. Das Seltsamschöne ist so ein Grund. Es steckt in jedem Foto. Und erinnert: So ganz sicher war und ist man sich nie, ob das Schöne des Reviers tatsächlich so richtig richtig schön ist, oder ob es eben seltsamschön ist. Die Region hat halt ihr eigenes Parlando.

Anders gesagt: wenn schön grün, dann mit Leitpfosten. Der Foto-Reporter hat die klischeefreie Wahrnehmungsschärfe raus, was ist, wird seziert. Im Fokus sind Orte, allgemeingültig fürs Revier.

Wie er drauf kam? Udo Kreikenbohm erzählt: „Die Idee entwickelte sich mit dem Foto auf Seite 6, dass eine Brücke über einer Bahnlinie in Dortmund Marten zeigt. Den Hintergrund bilden Bäume, eine Straße und Industriegebäude. Die flachplanierte Bahnlinie, die aufgeschütteten Böschungen, die asphaltierten Straßen und die Brücke, alles wurde von Menschenhand modelliert und gebaut. Von der Naturlandschaft, die es hier einmal gab, ist heute nichts mehr zu sehen. Mir wurde bewusst: Ich stand in einer vollkommen künstlich geschaffenen Landschaft.“

Künstlich? Surreal? Aus der Wirklichkeit desintegriert?

Tatsächlich sehe ich eine Fotografie, wie sie sich den Wandel des Reviers aus der Perspektive der Geografie anguckt. Was wurde und wird mit der Landschaft gemacht? Was widerfährt ihr? Was hat sie zu erleiden?

Klar ist: Landschaft im Ruhrland gibt es nur berührt. Geprägt, geformt, gestaltet, strukturiert, zergliedert, aufgeräumt.

Wo aber sind sie geblieben, die ´klar Schiff machten` zu Gunsten der industriellen Entwicklung hinein ins postindustrielle Zeitalter von Bits und Bytes? In Kreikenbohms „berührten Landschaften“ ist die Szene menschenleer.  

Aber hatte ich nicht 2015 im Bochumer Museum unter Tage (MuT) in einer Schau zur Landschaft seit dem 15. Jahrhundert gelernt: „Wie kaum ein anderes Medium eignet sich die künstlerische Landschaftsdarstellung dazu, die Rolle des Individuums in der Welt bzw. den Blick des einzelnen auf seine jeweilige Umwelt zu reflektieren: Landschaftssicht ist immer auch Weltsicht.“

Stimmt. Und jetzt weiß ich auch: Das kann sich ganz und gar unbehaust mitteilen, jenseits vom Menschen im Bild, nur mehr als Spur einer gigantischen Einflussnahme: „Berührte Landschaften“. Das berührt.

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