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23. August 2016 - von Claudia Posca

Ich kenne da einen Architekten

Lünen

Wie Kunst, Zufall und Bloggen so spielen: Ich treffe Menschen. Viele interessante. Viele unterschiedliche. Spannend. Ein echtes Glück. Zumal den Ruhris ja nachgesagt wird, dass mit ihnen die schönsten Quätschchen übern Gartenzaun stattfinden. Und dass so irgendwie alle im Revier irgendwo Kumpel sind. Mit denen man Pferde stehlen und Bierchen zischen kann. Ja, Vorurteile können charmant sein.

Manchmal aber sind Vorurteile gar keine. Sondern machen Nägel mit Köpfen. Ich jedenfalls lerne andauernd lauter charmante Leute kennen. Noch dazu solche, die Kunst mögen, was ja nicht unbedingt lebensnotwendig, aber extrem schön ist.

So wie vor ein paar Wochen in Lünen. Da galt mein Blog der Ex-Bergbau-Stadt am nordöstlichen Rand des Ruhrgebiets. Die ein Colani-Lüntec-Tower-Ei hat, eine lichtleuchtende „Flusswächter“-Skulptur unter freiem Himmel und ein buntblitzendes Spiegel-Kunstwerk der weltbekannten Niki di Saint Phalle.

Deshalb schrieb ich beeindruckt: Die Stadt hat was. Weil ich als Kern-Ruhrgebietlerin so überrascht war, was da an Kunst und am Übergang vom Ruhr- zum Münstlerland so alles verwurzelt ist, ohne dass Bochumer, Dortmunder, Essener davon eine Ahnung haben.

Der Lüner Architekt und Kunstliebhaber Peter Freudenthal aber hat`s mir gezeigt. Und mir „sein“ Lüner Rathaus  als bauhistorisches Juwel gleich mit ans Herz gelegt. Was aber auch echt was hat: Paternoster drinnen und Bau-Struktur draußen nach Art des Berliner Architekten-Duos Rausch & Stein der frühen 1960er Jahre.

Jetzt bin ich erneut mit Peter Freudenthal verabredet. Der Mann ist stellvertretender Vorsitzender des Lüner Kunst- und Kulturfördervereins. Und zoomt so famos Brücken-Philosophien nah, dass wiederum ich famos fasziniert bin.

Und dann noch dieser Satz: „Kunst sollte nicht da oben stehen, damit wir uns über eine heilige Erscheinung unterhalten können.“ Wow.

Klar, dass ich recherchiert habe: Der 69jährige Architekt, heute im Ruhestand, hat lange in Stuttgart und noch länger für die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) im Revier gearbeitet, hat Technologiezentren in Bottrop, Castrop-Rauxel, Kamen, Siegen gebaut, ist beratend im Kunst- und Gestaltungsbeirat in Castrop-Rauxel aktiv. Und begeistert sich - mitreißend! - für Diskussionen rund um Kunst, wo und wann immer sie stattfinden. Was ich mir wunderbar für seine Studenten vorstelle, die er bis zum Wintersemester 2015 an der Fachhochschule Dortmund unterrichtet hat. „Zusammen mit meinem Kollegen, der für das Computergestützte Entwerfen zuständig war. Und mit dem ich schönste Dispute hatte: Darüber, ob es wichtig ist, ein virtuelles Modell zu haben. Oder ein haptisches? Für mich geht Entwurf nur haptisch. Für ihn war es genau umgekehrt. Das war enorm spannend.“ 

Wenn Peter Freudenthal erzählt, knistert das, was er erzählt.

Zur Welt kam der Architekt, der immer schon Architekt werden wollte, 1947 in einem Vorort von Dortmund. Ob Kunst in Lünen funktioniert?

Letzten Dienstag machte ich mich auf. Und kam prompt zu spät in Lünen an. Reviertypisch: Stau auf der Autobahn, Peter Freudenthal und Barbara Höpping nahmen`s gelassen. Ich allerdings wurde erst gelassener, als ich in ihrem strukturierten ZEN-Garten über die gleichförmige Reliefierung eines Splitfeldes nachsann: „Wir sind nicht immer einig, ob die Fläche eher komplett glatt oder ebenmäßig gespurt besser wirkt. Was ist stiller?“

Tolles Thema. Gerade noch hatte ich im Kunstmuseum Bochum die entschleunigende Ausstellung des chinesischen Malers Chen Ruo Bing mit traumschön meditativen Bildern gesehen. Klasse, wie Kunst verbindet. „Unbedingt müsst ihr nach Bochum fahren“, ist mein Tipp für augenscheinlich ostasiatischer Kultur zugeneigte Lüner Menschen.

Später im Gespräch stellt sich heraus: Peter Freudenthal ist ein Fan von Partnerschaften: zwischen Menschen, zwischen Kulturen, zwischen Form und Funktion. „Mit Sehnsucht nach Leichtigkeit. Für Transparenz. Den Zufall nicht programmieren, ihn zulassen“, sagt er. Und findet gleichzeitig vieles der rationalen Bauhaus-Philosophie richtig wichtig, die organisch-anthroposophisch-Scharounische Bauweise aber mindestens ebenso. Yin & Yang auf architektonisch könnte man das nennen. Fundierte Visionen sind es sowieso. Ganz beiläufig etwa hat mir Peter Freudenthal eine kleine Lehrstunde in Sachen Hausdach verpasst: Seither stelle ich mir bei Dachgauben vor, dass sich die Menschen, weil zu wenig Raum vorhanden ist, notgedrungen buckeln müssen und sich das Dach deshalb nach außen drückt. „Wie kann man eine solche Architektur nur zulassen?“ ist Peter Freudenthal ein klarer Verfechter von grundsätzlich großzügig angelegten Räumen. Na klar, selbstverständlich ohne Dachgauben. Freunden würde er der Weite wegen eine Halden-Tour empfehlen. „Um in gewisser Weise zu fliegen. Halden sind archaisch.“

„In Wirklichkeit aber sammle ich alles um mich herum. Der Platz, auf dem ich arbeite, ist etwas mehr als DIN A3 groß“, schmunzelt mein Gesprächspartner. Was ich, selbst empfundener Höhlenmensch, gut verstehe: Visionen fangen klein an.

Im Garten auf Anröchter Dolomit-Quadern sitzend, diskutieren wir weiter: Deuten Linien Ewigkeit an? Stehen zwei unterschiedliche Vasenformen für Yin & Yang, für existentielle Polaritäten, für Mann und Frau? Zieht der rampenartige Felsbrocken den Blick in die Höhe? Vielleicht als Anspielung auf des Menschen Position zwischen Himmel und Erde? Ich bin gerade erst angekommen und fühle mich schon zu Hause.

Was treibt Dich an, als Architekt Kunst-Engagement zu betreiben? Zumal in einer Stadt, wo das nicht leicht sein dürfte?

„Drei Gründe: Erstens: spielt meine Biografie eine Rolle: Ich habe in meinem Beruf immer im Bereich Entwurf im künstlerischen Sinne gearbeitet und weniger in der Sparte Ausschreibung oder Bauleitung. Weil…“, Peter Freudenthal sucht nach passenden Worten, „weil: Für mich ist Architektur eine künstlerische Disziplin.“

Die großen Garten-Vasen hat er selbst modelliert, erzählt, dass Kunst schon in der Schule sein Lieblingsfach gewesen sei. Über 2000 Zeichnungen lagern im Archiv. Architektur-Entwürfe? „Nein, Aquarelle, Reiseskizzen.“

Die aber will er jetzt nicht zeigen, schwenkt auf den zweiten Punkt seiner Kunst-Motivation um: „Lünen, das ist mein Zuhause. Ich finde es deshalb notwendig, mich zu engagieren. Und dazu kommt drittens: dass die Kunstsparte ein Gebiet ist, wo ich einen großen Mangel in meiner Stadt empfinde.“

Was meinst Du damit?

„Es gibt so viel Kaputtes. Das Spannende ist doch aus der Situation heraus zu arbeiten. Das bedeutet: Es geht nicht darum, so genannte Drop-in-Skulpturen irgendwo in der City aufzustellen, sondern wichtig ist es, ein vorhandenes Bedürfnis nach Verbesserung ernst zu nehmen. Es muss von unten kommen. Man kann nicht einfach die Tür aufreißen und mit Kunst hereinspaziert kommen. Man muss aus der Situation heraus arbeiten.“ Sagt einer, der den internationalen Lichtkunst-Star Michel Verjux gern dauerhaft nach Lünen geholt hätte.

Die Macht der kleinen Schritte?

„Ja, wunderbar gesagt. Über Vorträge ist das nicht zu machen. Was wiederum viel Vorarbeit bedeutet. Bürger müssen befragt und mit einbezogen werden: Brainstorming, Workshops, darüber sprechen, Vereine besuchen. Man muss künstlerische Qualität kommunizieren. Irritation gehört dazu. Mit der Brechstange geht das nicht. Im Endeffekt möchte ich, dass beide Seiten überzeugt sind. Und wenn ich nicht überzeugen kann, dann war ich nicht gut“, sagt ein hellwacher Künstler-Architekt, der inspirierender Menschenfreund ist.

Zu gern sähe ich Peter Freudenthal mal eine Stadt der Zukunft entwerfen. Weil? Ja, weil es Menschen mit Visionen gibt.

Ich kenne da einen Architekten