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10. März 2016 - von Claudia Posca

Ich, Du, Er, Sie, Es. Oder was ?

Duisburg

„Liquid Identity“ - zwei Worte, ein Kosmos, das 21. Jahrhundert steckt drin: Grenzüberschreitendes, Fließendes, Instabiles, Prekäres. An der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft, Mensch und Maschine. Zu sehen im Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg, man raunt, es sei eine schonungslose Ausstellung.

Neugierig? Hinfahren! Das Thema packt an.

„Liquid Identity“ ist Manna für Cyber-Freaks und Philosophen. Es geht um Bits und Bytes und Rollenspiel, um Kunst, Kultur und Feminismus, um Gegenwart und Zukunft in einem Augenblick. Spannend! Wichtig!

„Wer bin ich? Frag doch die anderen!“ Neulich noch hab ich‘s in der Hand gehabt, das dicke Buch von Eva Jaeggi, Berliner Psychotherapieprofessorin. Zwischen den Seiten: der Balanceakt menschlicher Identität: Ich und die Gesellschaft. Wobei weder das Eine noch das Andere eindeutig ist. Trotz großer Forschungen von Sigmund Freud bis Erving Goffman oder Jürgen Habermas.

Vertraut dabei aber ist uns allen: Rollen spielen, Masken tragen, Berufs-Hopping, Switchen hin und her und überall. Ich und die anderen, man weiß wovon man spricht: Eigen- und Fremd-Identität sind in einem Moment. Das Ich, mein Selbst? Verfranst, - im Patchworkstil.

Vielleicht hat deshalb - ordnungshalber - so mancher einen Avatar. Namentlich kommt der aus dem Sanskrit, wo Avatar Abstieg bedeutet, bezogen auf das Herabsteigen einer Gottheit in irdische Sphären. Aha. Meint aber hier und heute ein Alter Ego in virtueller Welt. Und die - widdewiddewit – mach‘ ich mir, wie sie mir gefällt!

Mit Bits und Bytes performt der Mensch sich schön: Buddy-Icons. Ich ist Er, Er ist Sie, Sie ist Es, Flatscreen-Kumpel sind beste Freunde. Schöne neue Welt. „Liquid Identity“ erzählt davon.

Weshalb es mich dorthin treibt: Cyberspace und Cyberkunst gucken. Wo bleibt das Ich? Der Schnupperkurs in Self-Creation und Ego-Shooting wird von der großen Medien-Pionierin Lynn Hershman-Leeson präsentiert: Ich, Du, Er, Sie, Es. Oder kann das weg?

„Wer bist Du?“ Ich stehe vor DiNA und spreche mit einem Bot. Komisches Gefühl. Die Dame verzieht kaum eine Miene. Was irgendwie auch beruhigend ist. Ganz so menschlich, wie sie simuliert, ist sie nicht. Für die Branche: kein gutes Omen. Damals allerdings - DiNA ist Jahrgang 2004 - war Künstliche Intelligenz (KI) längst noch nicht schlau wie heute.

Tatsächlich gibt‘s die kühle Schöne nur im Netz. Immerhin: DiNA ist interaktiv, kommunikations- und lernfähig. Als „Telepräsidentin“ stellte sie sich, kaum auf der Welt, während der amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2004 öffentlich zur Wahl. Ihr Motto: Künstliche Intelligenz ist besser als keine Intelligenz. Ganz schön clever. Fragt sich nur: clever, von wem? Steckt DiNA, her- oder itself, dahinter? Oder Lynn Hershman-Leeson höchst persönlich? Was, wenn das KI-Geschöpf schlauer und schlauer wird?

Astrophysiker, wie Stephen Hawking, warnen: „Da der Mensch durch langsame biologische Evolution beschränkt ist, könnte er nicht konkurrieren und würde verdrängt werden.“ Kriecht Identität also demnächst aus Reagenzglas und Maschine?

Gut, dass Kunst dafür Antennen hat. Schon 1988 zitierte das „Kunstforum International“ den Ästhetik-Professor Frank Popper: „Wir sind, um es zusammenzufassen, am Ende der achtziger Jahre in eine Zeit eingetreten, in der das Problem der Technowissenschaften (…)  weite Bereiche des sozialen Lebens prägt, wobei eine beachtliche Gruppe von Künstlern von dieser Tatsache Kenntnis genommen hat.“

Erste Einblicke dazu gab‘s 1997: „InterAct!“, damals kuratiert von der heutigen Lehmbruck-Museumschefin Söke Dinkla.

Seither ist KI weit fortgeschritten. Und lernt. Rasant. Und unaufhaltsam. Für Lynn Hershman- Leeson ist die „Infinity Engine“ mächtig im Gang, eine Unendlichkeitsmaschinerie mit 3D-Bioprinting und programmierbarer DNA. Frankenstein würd‘s gefallen.

Schöne neue Welt. Sie geht uns alle an. Wie oder wer, bitte schön, möchten Sie sein?

Falls der Entscheid zu schwer fällt: Klonen ist das Mittel der Wahl. Kürzlich erst hat Großbritannien die Genmanipulation an gesunden Embryos erlaubt. Und vielleicht möchten auch Sie, statt Dolly, dem Schaf, lieber ihren Partner auf vier Pfoten in Kopie haben, perfekte Nachkommen modellieren?

Fluch oder Segen? Total-Big-Brother? Oder Bio-Tech als Demokratisierungsmedium? Furchtbar pfiffig oder furchtbar schrecklich? Willkommen im Alltag!

„Das Problem daran heutzutage Mensch zu sein, ist, dass die Zukunft unserer Spezies gerade in einem harten Kampf mit der Evolution ausgefochten wird. Mit unserem Eintritt in das Zeitalter genetischer Mutation stehen das Wesen und die Identität unserer DNA und unserer Menschlichkeit selbst auf dem Spiel“ pointiert es die kluge Künstlerin.

Die Frau weiß, wovon sie spricht. Lynn Hershman-Leeson war von 1993 bis 2004 Professorin für elektronische Künste an der University of California. 2004 wurde sie zur einflussreichsten Frau in der Medienkunst gekürt,  2010 zeichnete man sie mit dem „Dam Digital Art Award“ für ihr Lebenswerk aus. Und 2014 hatte die 75jährige eine umfassende Retrospektive im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM). Ihre noch bis zum 5. Juni in Duisburg laufende Präsentation ist ein Muss im Revierkunst-Ausstellungsjahr 2016!

Auch, weil es im wirklichen Leben genau darum geht: „Treffen sich zwei Computer. Sagt der eine…“ titelte im Januar dieses Jahres die „Zeit“.

Wahnsinn, Kunst, Intelligenz, neue Lebensformen? Ich bin, was ich darf?

Fakt ist: Identität heute ist Liquid in der Petrischale. Fakt ist aber auch: Die Methusalem-Maus, manipuliert am Gen, lebte tatsächlich doppelt lang.

„Heute ist es möglich, Gene quer durch das Tier- und Pflanzenreich zu kreuzen. Wir können anderen Spezies die Echoortung der Fledermaus oder die Sehkraft des Habichts geben, ja sogar die Langlebigkeit einer Schildkröte oder Qualle. Wir könnten die Lebenserwartung der Menschen durch genetische Manipulation verdoppeln“, sagt Lynn Hershman-Leeson. Und hat dabei das B.C.-Neuzeitalter im Fokus: Biological Computing.

Ich, Du, Er, Sie, Es? Oder was? Alles ist im Fluss: Und mir ist klar: Wir sind heute schon im morgen angekommen.

Ich, Du, Er, Sie, Es. Oder was ?