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6. Juli 2017 - von Claudia Posca

Hübsch hässlich. Oder was?

Dortmund

Das Thema ist heiß. Das Thema heißt Brutalismus. Gefühlt scheint das halbe Revier damit befasst. Bis Ende September kann man es komprimiert gucken: im „Hartware MedienKunstVerein“ im Dortmunder U.

Die irre gute Schau zeigt, was hübsch hässlich heißt. 21 mal Brutalismus ist das im Fokus einer 21 Positionen starken, internationalen Künstlerschaft. Sicht- und Waschbeton: spritzig, spannend, gar nicht spröde verarbeitet. Den grauen Nüchtern-Räumen rückt die Kunst kritisch auf den Pelz. Fotos, Videos, Klangkunst, Streetart und Installation gehen nicht zimperlich mit der Bauklotz-Ästhetik um. Ich hätte nicht gedacht, dass mich Brutalismus und Beton faszinieren.

Grob? Greulich? Menschenverachtend? Wer wo was wie ist Bru-ta-lis-mus?

Schon das Wort an sich ist kein Ohrwurm. Beim Klang sieht man Erschlagendes zuschlagen. Nicht von ungefähr steckt Brutus drin. Als lateinischer Beiname, - einst war`s der dritte Namensbestandteil der regulären römischen Namensgebung -, bedeutet der Cognome Brutus „Stumpfsinniger“.

Was Grund genug wäre, den Brutalismus zu meiden. Ganz abgesehen davon, dass, wer brutal agiert, nicht gesellschaftskompatibel ist. Wozu also drüber reden?

Darum aber geht`s. Der kantige Kunststein, „grau, rau, fremd und ohne Respekt für seine Umgebung“ (Till  Raether), macht betroffen, betrifft. Vor allem da, wo Plattenbauten, Hochhaussilos, Wohnghettos, Containerdörfer stehen bzw. entstehen. Das Ruhrgebiet hat Einiges zu bieten.

Kein Zweifel: Der Brutalismus ist unter uns. Er hat Geschichte. Er macht Kultur.

Und erlebt eine Renaissance. Beton-Design ist in. Und das Bauen in der Masse für bezahlbaren Wohnraum ist ein großes Thema. Wieder. Und wider die zunehmende Gentrifizierung von Cityraum.

Ob`s eine neue Lust am Groben gibt?

Im Internet haben sich laut Dortmunder Hartware Medien KunstVereins-Recherche inzwischen 50.000 auf Facebook formiert. „Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus“ nennt sich das Forum. Seit zehn Jahren ist es online, tritt für den Erhalt städtebaulicher Zeugnisse der 1950er/60er Jahre ein.

„Also jetzt mal ehrlich, mir ist der Begriff Brutalismus nicht wirklich klar. Was konkret hat er im Gepäck?“

Zunächst mal dieses: Laut kluger Architekturliteratur steht Brutalismus für einen Mitte der 1950er Jahre in Großbritannien entstandenen Baustil. Sein Markenzeichen: Sichtbetonwände und freiliegende Baumaterialien wie Metall, Stein, Ziegel. Guck Dir die Ruhr-Uni Bochum an. Da siehst Du Brutalismus im Reinformat. Grau, funktional, mächtig und dominant. Nachkriegsmoderne, keine Kuschel-Architektur.

Es gibt allerdings Liebhaber, die sprechen mit Blick aufs Revier lieber von Ruhrmoderne. Dazu zählt dann auch, was in Marl den Creiler Platz mit seinen markanten Doppel-Rathaus-Türmen definiert und in Herten, Lünen, Castrop-Rauxel oder anderswo in der Ruhrmetropole die Amtshäuser und vieles darüber hinaus bestimmt. Auf der „Ruhrmoderne“-Internetseite steht notiert, dass diese Interessengemeinschaft übers bloße Wertschätzen des Brutalismus hinaus geht:

„Das Ziel des Projekts Ruhrmoderne ist es, ein kulturelles, soziales und wirtschaftliches Konzept zur Stadt- und Regionalentwicklung zu entwerfen, das auf dem Erbe der Moderne der Nachkriegszeit im Ruhrgebiet aufbaut. Dieses Konzept findet ihren Ausgangspunkt im Entwurf von Alternativen zu Musealisierung und Abbruch.“

Ruhrmoderne? Brutalismus? Die Konturen verschwimmen.

Den letzteren Begriff hatte die britische Architektin Alison Smithson geprägt, durch Reyner Banham wurde er 1955 mit einem Essay in der Architectural Review lanciert. Der Ursprung der Bezeichnung aber geht auf das französische „beton brût“ zurück: roher Beton.

„Genau. Igitt. Und dann ist da noch diese Ist-mir-doch-egal-Haltung von Beton. Hauptsache kolossal. Ohne Rücksicht aufs Wohlgefühl. Öder Beton statt urbaner Atmosphäre. Dazu noch das Bröseln vieler Betonklötze. Einfach morbide.“

Tatsächlich bröckelt es vielerorts im Revier. Wenn nicht gar schon längst abgerissen wurde, was einst utopisch angefixt, funktionelle Städte hochzog.

Also: Rettet die ´Monster`? Oder reißt sie ab? Was ist richtig, wichtig, gut?

Die Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus schärft das Bewusstsein dafür, dass es einst über Baustilistisches hinaus um utopische Wohnformen ging. „Das glaube ich, vergessen vielleicht auch viele soziale Medien“, sagt die Kuratorin der Dortmunder Ausstellung, Inke Arns.

Und dann fügt sie im Interview mit dem Radioautor Adalbert Siniawski noch hinzu, was ich ausgesprochen spannend finde: „Ich glaube aber, dass dieser aktuelle Hype doch eigentlich wenig mit einer intensiven inhaltlichen Auseinandersetzung zu tun hat mit diesem Baustil, sondern es entspricht eher diesem Gefühl, da ist etwas, was sich intensiv mit Material identifiziert oder was nach schwerem Material aussieht. Das ist so eine Art Gegensatz vielleicht zur digitalen, ephemeren Welt, in der wir leben.“

Beton-Ästhetik als Rettungsanker im Meer von Bits & Bytes? Da kriegt der Brutalismus ein freundliches Gesicht. Nostalgisch guckt er drein.

„Im Grunde ist seine Geschichte ein Missverständnis. Vereinfacht gesagt, wollten die Architekten des Brutalismus Bauten für die Massen machen: Bauten, die wie Skulpturen für eine selbstbewusste Demokratie, eine klassenlose Gesellschaft waren. Die Vertreter des Brutalismus wollten die Städte für alle gestalten, ihre Auftraggeber waren oft die Kommunen, der Brutalismus sollte das Alte, das Elitäre, das Glatte und Unverbindliche hinwegfegen. Freie Betonareale träumten vom gesellschaftlichen Austausch, schwebende Betonfußwege von kurzen Wegen und frei fließendem Verkehr, gestaffelte Betonbalkone von Ausblicken für alle, Betonfassaden vor Gesamtschulen vom sozialen Aufstieg“ schreibt es der Journalist Till Raether im Magazin der Süddeutschen.

Nun ja, anfangs hab` ich mich schwer getan, es so zu sehen. Charmanter Ruhr-Beton? City-Charme rund um den Marler Stern? Beides keine Bausünden? Stattdessen modernistische Ästhetik?

Bis schließlich das Bewusstsein wuchs: Was weg ist, ist weg. Und zwar für immer. Geschichte futsch, Historie perdu, Identitätsverortung versperrt. Hat die Abrissbirne zugeschlagen, ist es zu spät für Denkmal-Diskussionen und Ausflüge ins Gedächtnis visionärer Bau-Philosophien.

Ich kann mir nicht helfen: Brutalismus und Beton, sie können doch auch schön sein. Brutal schön.

Hübsch hässlich. Oder was?