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18. Dezember 2014 - von Claudia Posca

Hofbericht

Gelsenkirchen

Die Künstlersiedlung Halfmannshof schrieb in den 1960er/70er Jahren Kunstgeschichte, machte ZERO publik und Künstler wie Otto Piene und Günter Uecker bekannt.

Gelsenkirchen? Kultur? Ja, das Musiktheater im Revier, Oper und Yves Klein-Blauschwamm drinnen und Henry Moore-Skulptur draußen. Und?: Die Künstlersiedlung Halfmannshof. Sie schrieb in den 1960er/70er Jahren Kunstgeschichte, machte ZERO publik und Künstler wie Otto Piene und Günter Uecker bekannt. Gelebte Stadtteilkultur war sie außerdem. 2012 noch gab`s den Kunstmarkt am 1. Advent, jedes Jahr Kinder-Malkurse in den Ferien, Symposien, Konzerte und Ausstellungen mit junger, frischer Kunst, oft sperrig. Fast wichtiger noch: das  Reden übern Gartenzaun, von Künstler zu Künstler zu Nachbar und darüber hinaus. Grund genug, mal wieder vorbei zuschauen in der ältesten Künstlersiedlung NRWs.

Ich mache mich auf,  schöne Bilder im Kopf von einem Ort, dessen Anblick allein schon gute Laune zauberte. Wo sonst  sind Keramikwerkstatt und Schmiedehaus,  Fachwerkarchitektur, Kunstwerkstätten und Ausstellungshalle inmitten von Gartengrün zu bewundern, bespielt von Kunstschaffenden, die hier wohnen und arbeiten? Eine gelungene Gartenstadt-Philosophie à la Richard Riemerschmidt, nur eben mitten im Revier: Mensch-dimensioniert, mit Blumenwiese davor, einem Mix Architektur drumrum, eine kleine Utopie - auffällig, einmalig. „Das Bauhaus des Reviers“ hat man sie genannt. Blinzelte dann noch die Sonne aufs Kreativquartier, man wäre gern eingezogen.  

Anfang 2013 noch stimmt das Bild. Zumindest äußerlich. Dann kamen die Bagger. Krach, Schlamm, Neubauten, weg die Ausstellungshalle, umgebaut Schmiedehaus und Keramikwerkstatt, futsch der große grüne Wiesenanger, viele alte Bäume gefällt. Kaum vorstellbar, wie hier jemals wieder neue Kunstgeschichte entstehen soll. Was wohl würde Gelsenkirchens bedeutender Objektkünstler und Halfmannshofer ´ (1913-1980) dazu sagen? Was die hier einst ansässigen Bildhauer Jiri Hilmar, Wolfgang Prager, Künstler, die sich wie weitere „prominente Kollegen von Adolf Luther bis Le Blanc, von Daniel Buren bis Blinky Palermo“ auf dem Halfmannshof die Klinke in die Hand gegeben haben. „Das war aufregend, anregend. Die Kunstfans kamen damals in Scharen nach Gelsenkirchen - aus den Hochburgen Düsseldorf und Köln“ berichtet es der Journalist Jürgen Loskill. Von „einem magischen Ort der jungen Kunst“ gar schwärmte  Ruhrgebiets-Kritikerbaron und Zero-Kenner Heiner Stachelhaus (1930-2002).

V orbei! Stattdessen soll kommen: Das „Kreativquartier Halfmannshof Gelsenkirchen“, eine „ausgewogene Mischung von Privateigentum, Mietwohnungen, Ateliers und Wohnungen für Stipendiaten“, verwaltet von einem „neuen, gemeinnützigen Träger“. „Ein Neubau wird durch die ggw (Gelsenkirchener Wohnungsbaugesellschaft mbH) gebaut und vermietet, zwei weitere Neubauten werden durch die ggw errichtet und als Einzeleigentum veräußert.“ Und weiter: Das Kreativquartier „soll sich im Zentrum des Ruhrgebiets als offenes, dynamisches und qualitätsvolles Kunstzentrum etablieren und sich über die Bildende Kunst hinaus weiteren Kunstformen öffnen“ steht es in einer im Internet veröffentlichten Beschlussvorlage der Stadt Gelsenkirchen vom August 2011.

Klingt gut: die schöne neue Welt ohne Wurzeln, die weder Geschichte noch Geschichtchen kennt, die Kultur von oben ist statt vor Ort.

Eigentlich wollte ich keinen Nachruf schreiben. Ist aber jetzt so. Ratlos stehe ich im Regen, es ist Mittwoch, Ende Oktober 2014. Ich spreche einen Bauarbeiter an, frage nach dem Bauende. Mitte 2015 ist terminiert. Danach soll die Kreativwirtschaft boomen. Ich versuche es mir vorzustellen. Da werde ich freundlich von einem Herrn angesprochen; wie sich herausstellt ist er einer von drei letzten hier noch wohnenden Künstlern: Helmut Kloth, Fotograf und Vorsitzender des „Vereins Künstlersiedlung Halfmannshof“. Wir verabreden uns für den nächsten Tag.

Helmut Kloth zuckt die Schultern. Müde gekämpft hat er sich gemeinsam mit den anderen Halfmannshöfern, die - interne Querelen gab es auch - endgültig wegzogen sind. Kloth hat die Siedlung unter Denkmalschutz stellen wollen, hat juristisch alles versucht, ist gescheitert. Einen ganzen Roman könnte er schreiben, es wäre eine traurige Liebeserklärung. Am meisten vermisst er seinen Garten, wegsaniert für Kreativkultur. „Das ist alles nicht echt, hier war es echt“, sagt er und zeigt mir Ektachrome von früher. Ich kann ihn gut verstehen. Genau so habe ich die Künstlersiedlung Halfmannshof in Erinnerung: Ein utopischer Ort. Die blauen Blumen wuchsen auf der grünen Wiese.

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